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Kinderbetreuung: "Völlig unterschätzte Entwicklungsphase"

Der Durchbruch bei der Kinderbetreuung gilt als Segen für berufstätige Mütter. Doch die KiTa nutzt nicht nur Eltern, sondern auch Kindern, sagt die Psychomotorik-Professorin Renate Zimmer. Im stern.de-Interview erklärt sie wieso.

Bewegungserziehung in der KiTa: "Erzieherinnen betreuen die Kinder in einer Entwicklungsphase, die unglaublich wichtig ist und total verkannt wird"

Bewegungserziehung in der KiTa: "Erzieherinnen betreuen die Kinder in einer Entwicklungsphase, die unglaublich wichtig ist und total verkannt wird"

Warum ist Kinderbetreuung nicht nur wichtig für berufstätige Eltern, sondern auch für die Kinder?

Kinder lernen auch von Kindern. In einer Kleinfamilie erleben sie heute kaum noch das Vorbild älterer Geschwister, sie müssen sich nicht mit anderen Kindern auseinandersetzen. Und noch etwas ist ganz wichtig: Kinder brauchen eine anregende Lebenswelt - gerade in sozial schwachen Milieus finden sie zuhause nicht unbedingt die Voraussetzungen, die sie brauchen.

Wie meinen Sie das?

Oft haben Kinder zuhause nicht genug Raum zur Verfügung, um sich zu bewegen, zu toben - das brauchen sie für ihre Entwicklung. Wohnungen sind meist nach den Bedürfnissen der Erwachsenen eingerichtet, auf Kinder und deren Spiel- und Bewegungsbedürfnisse wird nur wenig Rücksicht genommen: Wohnzimmer, in denen man nicht auf die Polster darf, mit Couchtischen, an deren Glasplatten man sich stoßen und wehtun kann! Selbst Kinderzimmer sind oft so eingerichtet, dass die Möblierung den Vorstellungen der Eltern entspricht. Kinder aber lieben das Veränderbare: Polster und Kissen, die Möglichkeiten zum Steigen, Draufklettern, Drunter-Durchkriechen bieten und sich für viele Spielaktionen eignen.

Warum ist es so wichtig, dass Kinder ihre Umwelt auf diese Weise erkunden können?

Bewegung ist der Motor der Entwicklung und des Lernens. Schon bei der Geburt verfügt jeder Mensch über mehr als hundert Milliarden Nervenzellen. Funktionsfähig sind sie aber erst, wenn sie miteinander verknüpft werden. Gerade in den ersten Lebensjahren bilden sich viele solcher Vernetzungen im Gehirn - vor allem durch Bewegungsreize und Sinnesreize. Das Erleben von Körperspannung, Kraft, Gleichgewicht, aber auch Tasten, Begreifen - das sind sinnliche Reize, die die Entwicklung Kind unterstützen.

Und diese Reize können sie in der KiTa eher erleben als zuhause?

Eltern haben oft gar nicht die Zeit, sich ständig um ihr Kind zu kümmern. Selbst wenn die Mutter zuhause ist, ist sie ja nicht permanent Spielpartner. Deshalb werden schon Kleinkinder oft vor dem Fernseher geparkt. Das hat für ihre Entwicklung in vielerlei Hinsicht negative Folgen.

Was macht den Fernseher denn so gefährlich?

Beim Fernsehen haben Kinder keinerlei Chancen, eigene Erfahrungen zu machen, aus dem eigenen Tun Konsequenzen zu ziehen, sich mit ihrer Umwelt aktiv auseinander zu setzen. Es stellt keine Anforderungen an die Kinder, sondern verführt zur Passivität. Außerdem bindet das Fernsehen Zeit, in der Kinder wirklich etwas lernen könnten.

Zum Beispiel?

Erst wenn ein Kind einen Gegenstand sinnlich erfahren hat, kann es sich eine Vorstellung über seine Funktion und seine physikalischen Gesetzmäßigkeiten machen. Warum rollt ein Ball? Warum rollt ein Würfel nicht? Das müssen Kinder selbst erleben, dann erkennen sie das Prinzip, das dahinter steckt: dass Rundes in Bewegung bleibt, dass Eckiges auf einer Fläche liegen bleibt. Vom Greifen gelangt das Kind zum Be-greifen, vom Anfassen zum Er-fassen.

Fern sehende Familie: "Schon Kleinkinder werden oft vor dem Fernseher geparkt. Das ist verheerend!"

Fern sehende Familie: "Schon Kleinkinder werden oft vor dem Fernseher geparkt. Das ist verheerend!"

Und dieses Be-greifen macht das Kind fit fürs Leben?

Auf diese Weise lernen die Kinder etwas über die Welt - und sich selbst erleben sie als Verursacher einer Handlung. Das hat auch einen psychologischen Effekt: "Ich habe etwas bewirkt, ich habe die Situation unter Kontrolle." Dieses Gefühl ist die Voraussetzung dafür, dass ein Kind Selbstvertrauen und Selbstwertgefühl aufbauen kann.

Kinder in Bewegung bringen, ihre Sinne fördern und fordern - das alles setzt hohe Standards in den KiTas voraus.

Das ist richtig. Und gerade deshalb ist es so wichtig, dass Erzieherinnen mehr öffentliche Anerkennung bekommen, eine bessere Ausbildung und eine bessere Bezahlung: Sie betreuen die Kinder in einer Entwicklungsphase, die unglaublich wichtig ist in der Öffentlichkeit noch völlig unterschätzt wird.

Ist es denn nicht ein verständlicher Wunsch, dass Eltern in dieser wichtigen Entwicklungsphase möglichst viel Einfluss auf ihr Kind nehmen wollen?

Natürlich! Aber die Möglichkeiten, die in einer guten Kindertagesstätte vorhanden sind, nehmen auch den Druck von den Eltern, immer alles richtig machen zu müssen. Wenn sich Erziehung nur zuhause abspielt, fragen sich viele Eltern permanent: "Tue ich genug für mein Kind?" Sie besuchen die Musikschule, melden ihr Kind im Sportverein an und nehmen an Kursen zur künstlerischen Erziehung teil. Allein der Transport zu diesen Angeboten kostet viel Zeit und Nerven. In einer guten KiTa hat das Kind all diese Anregungen. Wenn die Eltern es dann abholen, können sie getrost einfach mit ihm spielen.

Renate Zimmer ist Professorin für Sportpädagogik an der Universität Osnabrück und Erziehungswissenschaftlerin mit dem Schwerpunkt Frühe Kindheit

Interview: Angelika Unger
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