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Lernen bei Babys: Nein, Ihr Neugeborenes imitiert Sie (noch) nicht

Mama oder Papa lächelt - und das Neugeborene lächelt zurück. Schon sind die Eltern mächtig stolz. Bereits frisch geschlüpft, sind Kinder in der Lage, ihr Gegenüber zu imitieren, so lautete die gängige Annahme. Forscher wollen das nun widerlegt haben.

Erst im Alter von sechs bis acht Monaten können Kinder die Gesichtsausdrücke ihres Gegenübers nachahmen

Tja, was will Mama wohl von mir? Erst im Alter von sechs bis acht Monaten können Kinder die Gesichtsausdrücke ihres Gegenübers nachahmen, schreiben Forscher.

Angeboren oder erworben? Dieser Streit ist so alt wie die Säuglingsforschung. Beim Spracherwerb etwa streiten Wissenschaftler darüber, ob sprachliche Fähigkeiten im Menschen angelegt sind wie ein Computerprogramm, das nach der Geburt gestartet wird. Oder ob der Input von außen das Entscheidende ist. Die Wahrheit liegt, wie so oft, wohl in der Mitte: Die Fähigkeit, eine Sprache zu erlernen, besitzt das Kind von Geburt an. Doch die Umgebung entscheidet darüber, welche Sprache es erwirbt und wie viel Anregung es dabei von seiner Umwelt erhält.

Bei der Imitation von Gesten, Gesichtsausdrücken oder Tönen rütteln Forscher nun jedoch an einer bis jetzt gängigen Annahme: Diese besagt, dass Babys schon kurz nach der Geburt in der Lage sind, Gesten ihres Gegenübers zu imitieren. Eine Fähigkeit, die demnach angeboren wäre.  Mama lächelt - also lächelt auch das Kleine. Papa macht einen erstaunten Gesichtsausdruck, begleitet von einem "Ohhh" - also öffnet auch das den Mund und gluckst. Was Eltern so sehr erfreut, ist jedoch offenbar gar nicht der Fall: Neugeborene und wenige Wochen bis Monate alte Kinder ahmen ihr Gegenüber nicht nach. Passt die Reaktion, ist das Zufall.

Das betonen jedenfalls Forscher um Virgina Slaughter von der University of Queensland in Australien. "Wir wollten Klarheit in diesem Punkt gewinnen, denn die Annahme, dass Neugeborene ihr Gegenüber imitieren, ist weit verbreitet - und das nicht nur in der Psychologie, den Neurowissenschaften und der Pädiatrie, sondern auch in populärwissenschaftlichen Ratgebern für Eltern", sagt Slaughter.

Mama lächelt? Das Kind gähnt

Um sie zu testen, präsentierten die Wissenschaftler 109 Kindern zu verschiedenen Zeitpunkten - im Alter von einer, zwei, sechs und neun Wochen - neun verschiedene Gesten, Gesichtsausdrücke oder Töne. Die Testperson zeigte dem Kind etwa einen erhobenen Zeigefinger, lächelte es an, schaute traurig oder ließ es ein "Mmmm" hören. Auch andere, nicht auf sozialen Austausch angelegte Interaktionen führten die Forscher durch: Sie öffneten vor dem Kleinen eine Schachtel oder zeigten ihm einen Löffel, der aus einer Röhre hervorlugte. Da nicht immer alle Kinder wach waren oder auch mal weinten, mussten die Forscher einige Babys von den Tests ausschließen. Zwischen 64 und 90 junge Probanden blieben danach jeweils übrig.

Die Forscher verglichen dabei, wie oft eine bestimmte Reaktion - etwa ein Lächeln des Babys - auf den passenden Gesichtsausdruck der Testperson (ebenfalls ein Lächeln) hin auftrat. Und wie häufig das Kind lächelte, wenn ihm andere Emotionen wie ein trauriges Gesicht, Töne oder Gesten präsentiert wurden. Das Ergebnis: Die Kinder imitierten die Erwachsenen nicht. Dass sie lächelten, sei bei der passenden Emotion ihres Gegenübers genauso wahrscheinlich gewesen wie bei einem vollkommen anderen Verhalten, schreiben Slaughter und ihre Kollegen in der im Fachmagazin "Current Biology" veröffentlichten Studie.

Das Imitieren des Gegenübers sei offenbar nicht, wie angenommen, eine angeborene Fähigkeit, so die Forscher. Vielmehr entwickele es sich nach der Geburt und tauche wohl zum ersten Mal im Alter von sechs bis acht Monaten auf.

Bedeutet das also, dass Eltern gar nicht auf ihre Kinder eingehen sollten? Sicherlich nicht. Denn das Zusammenspiel ist wichtig für die Entwicklung der Kleinen - und möglicherweise lernen sie genau so, ihr Gegenüber nachzuahmen, schreiben die Wissenschaftler. "In einer anderen Untersuchung konnten wir feststellen, dass Eltern ihre Kleinen im Mittel alle zwei Minuten imitieren", sagt Slaughter.  "Das ist ein mächtiges Hilfsmittel, durch das Neugeborene lernen können, ihre Gesten mit denen einer anderen Person in Verbindung zu bringen."

Und für alle Eltern, deren wenige Wochen altes Baby auf ein Lächeln nicht mit einem Lächeln reagiert, hält die Studie eine tröstliche Nachricht parat: Das ist kein Grund zur Sorge, sondern in den ersten Lebensmonaten offenbar vollkommen normal.

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    lea
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