Knochenmark Die Suche nach dem genetischen Zwilling


Eine anonyme Knochenmarksspende rettete der fünfjährigen Darya das Leben. Jetzt lernte das Mädchen ihre Spenderin kennen. Aber mehr als 1000 Kranke warten immer noch auf einen genetischen Zwilling.

Heike Ronniger schießen Tränen in die Augen, als die fünfjährige Darya Farahmandria mit Blumen in der Hand auf sie zuläuft. Die beiden verbindet ein ganz besonderes Schicksal: Die 41 Jahre alte Krankenschwester aus dem niedersächsischen Stolzenau ist Daryas Lebensretterin. Ohne ihre Knochenmarkspende hätte das an Leukämie erkrankte Mädchen nicht überlebt. Am Dienstag trafen sich die beiden auf Einladung des Norddeutschen Knochenmark- und Stammzellspender-Registers (NKR) in Hannover zum ersten Mal.

Ronniger und Darya schließen sich in die Arme. "Dankeschön", haucht das Mädchen und strahlt über das ganze Gesicht. Ronniger schenkt ihr zwei Kuscheltiere - "damit du immer an mich denkst", sagt sie.

"Auf ein Wunder gehofft"

"Ich hatte keine Ahnung, für wen meine Stammzellspende war", berichtet Ronniger. Und auch Darya wusste zweieinhalb Jahre lang nicht, wer ihre Lebensretterin ist. Der Grund: Stammzelltransplantationen müssen in Deutschland anonym erfolgen. Erst nach zwei Jahren können sich Spender und Empfänger kennen lernen. "Ich bin so glücklich, dass ich dir helfen konnte", sagt Ronniger und streicht dem Mädchen mit den vielen Locken und den großen, dunkelbraunen Augen sanft über den Kopf.

Das Schicksal der Fünfjährigen aus Hannover bewegte ganz Deutschland. Mehrere Chemotherapien konnten den bei ihr im Frühjahr 2003 ausgebrochenen Blutkrebs nicht stoppen. Daryas einzige Rettung war eine Stammzellspende. Doch weder Vater noch Mutter kamen als Spender in Frage, und auch die Suche in der bundesweiten Spenderdatei verlief negativ. Die Zeit lief gegen Darya. "Es war schlimm, sie so leiden zu sehen. Wir haben auf ein Wunder gehofft und gebetet", erinnert sich ihre Mutter Andrea Villaverde.

Das NKR rief im August 2003 zu einer deutschlandweiten Typisierungsaktion auf. 26.000 Menschen folgten dem Aufruf und ließen ihr Blut für Darya und andere Leukämiepatienten testen. Eine von ihnen war Heike Ronniger. Dass genau ihre Gewebemerkmale mit denen von Darya übereinstimmten, war das ersehnte Wunder. Die Chance lag bei 1:100.000. Im Dezember wurde die Stammzelltransplantation durchgeführt. Heute ist Darya ein gesundes, lebensfrohes Kind.

Viele Kinder und Jugendliche erkranken an Blutkrebs

Daryas Krankheit ist kein Einzelfall. "Blutkrebs kann jeden treffen", sagt Marlena Robin-Winn, Leukämieexpertin und Leiterin des NKR. Bundesweit erkranken daran jährlich rund 12.000 Menschen, viele von ihnen sind Kinder und Jugendliche. Häufig gelingt es, die Erkrankten durch eine Chemotherapie zu retten - doch leider nicht immer. Dann ist die Übertragung von gesunden Stammzellen die letzte Chance, das Leben der Patienten zu retten. "Mehr als 1000 Leukämiepatienten warten derzeit darauf, dass man ihren genetischen Zwilling findet", weiß Robin-Winn.

Gesucht wird weltweit. Rund um den Globus sind etwa 10 Millionen Spender registriert, davon mehr als zwei Millionen in Deutschland. "Es kann also sein, dass ein Deutscher mit seinen Stammzellen einem Leukämiekranken in Korea hilft und umgekehrt", sagt Robin-Winn. Ein Problem sind die Kosten von 50 Euro für die Typisierung - Geld, das sich viele Hilfsbereite nicht leisten können. Deshalb sind Register wie das NKR auf Spenden angewiesen.

"Die Stammzellentnahme tat überhaupt nicht weh", erinnert sich Heike Ronniger. "Es ist ein tolles Gefühl, mit meinem Blut ein Leben gerettet zu haben und ich würde es immer wieder tun", sagt sie und drückt Darya ganz fest an sich.

Claudia Schimanski/DPA DPA

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