Kolumne Sex oder nie Gefühlsecht in die Jahre kommen

Nicht nur die Beziehung, auch der Sex wird mit den Jahren gelassener, persönlicher, intimer
Nicht nur die Beziehung, auch der Sex wird mit den Jahren gelassener, persönlicher, intimer
© Colourbox
Gut Ding will Weile haben - auch im Bett. Ältere Paare empfinden ihr Sexualleben oft als besonders beglückend. Vertrautheit und Nähe zählen mehr als Matratzenakrobatik.
Von Ulrich Clement

Viele Alte haben ziemlich guten Sex. Zu diesem überraschenden Ergebnis kommt eine Studie der kanadischen Psychologin Peggy Kleinplatz. Sie suchte "great lovers", die über 60 Jahre alt waren und seit mindestens 25 Jahren in einer festen Beziehung lebten - und wurde geradezu von Langzeitpaaren überschwemmt, die erzählen wollten, wie gut sich ihre Beziehung und ihr Sexleben über ein Vierteljahrhundert entwickelt hatten.

Was wissen diese erotischen Routiniers zu berichten? Guter Sex wächst in Beziehungen, die mit der Zeit reifer und tiefer werden. Positionen, Techniken und Sexspielzeuge sind dafür bedeutungslos. Für diese gewachsene Sexualität spielen ganz andere Zutaten die entscheidende Rolle: präsent sein, eine tiefe emotionale Verbindung mit dem Partner, Intimität, die Bereitschaft, sich mitzuteilen, Authentizität. Die Befragten berichten, dass der Sex langsamer werde, weniger orgasmusfixiert, weniger zielgerichtet.

Diese Erfahrungen rütteln am vorherrschenden Verständnis von Sex, wonach das Liebesspiel allein den frischen, faltenfreien, sportlichen jungen Leuten gehört, die es treiben, dass die Wände wackeln, mit zuverlässiger Erektion und bebenden Orgasmen. Gemessen daran geht die sexuelle Entwicklung mit den Jahren tatsächlich bergab.

Reifer Sex ist anders: Er wird nicht mit den Jahren schlechter, sondern mit der Erfahrung besser. Gelassener, persönlicher, intimer. Mit 40 oder 60 weiß man genauer als mit 20, was man will, und muss nichts mehr beweisen. Auch wenn die sexuelle Funktion nachlässt, kann die erotische Qualität zunehmen. Sicher wird derjenige, der sich auf ein jugendliches Bild von Sex festgelegt hat, im Laufe der Zeit immer mehr den Verlust sehen: das, was nicht mehr geht, was verloren ist, was "nur noch" möglich ist. Wer aber das Älterwerden als Zugewinn von Erfahrung sieht, von Reichtum an gelebtem Liebesleben, der ist erotisch auf der Gewinnerseite.

Aber wie geht das? Wird Erotik von selbst reif wie guter Rotwein? Oder muss sie gestaltet werden? Anfang der 90er Jahre hat der renommierte Alternsforscher Paul Baltes mit dem SOK-Modell ein plausibles und praktisches Konzept für gutes Altern vorgestellt, das sich auf die erotische Entwicklung übertragen lässt. Es besteht aus drei Bausteinen.
Selektieren: Ich wähle aus und begrenze mein Repertoire auf das, was mir guttut.
Optimieren: Statt auf Quantität lege ich Wert auf Qualität. Besser eine gute erotische Begegnung im Monat als fünf mäßige jede Woche.
Kompensieren: Ich respektiere meine Begrenzungen und gleiche sie mit meinen Stärken aus. Wenn mir ein jugendlich- kraftvoller Geschlechtsverkehr nicht mehr möglich ist, konzentriere ich mich auf das, was ich im fortgeschrittenen Alter besser kann, und lasse mich auf größere Nähe ein.

Die "great lovers" aus Kanada haben die SOK-Regel vermutlich nicht gekannt und es einfach intuitiv richtig gemacht. Man muss auch nicht erst älter werden, um dem SOK-Dreiklang zu folgen. Aber die Klugheit des Selektierens, die Schönheit des Optimierens und die Notwendigkeit des Kompensierens erschließen sich wohl erst, wenn man an seine Grenzen gestoßen ist. Und die Chancen dazu werden mit dem Alter erst richtig gut.


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