Sex oder nie Heimliche Sehnsüchte

Oft ist die Lust nur eingeschlafen und kann aufgeweckt werden
Oft ist die Lust nur eingeschlafen und kann aufgeweckt werden
© Colourbox
Wird Lustlosigkeit unter Paaren zum Problem, scheint es an sexuellen Fantasien zu mangeln. Tatsächlich sind sie oft vorhanden, werden nur nicht ausgesprochen.
Von Ulrich Clement

Ja , ich hätte schon gern wieder Lust, aber ich habe einfach keine." Frau M. sagt das bedrückt, und ihr Mann sitzt kopfschüttelnd neben ihr: "Das gibt es doch nicht!" Offenbar gibt es das doch. Ich frage nach: "Ich verstehe, dass Sie keine Lust mehr auf die Art von Sexualität haben, die Sie bisher praktiziert haben. Gibt es etwas anderes, das Sie lieber möchten?" "Ich weiß es nicht", war ihre Antwort im Erstgespräch. In der fünften Sitzung hörte sich das schon anders an. Ich hatte die Partner gebeten, getrennt voneinander ihr "ideales sexuelles Szenario" aufzuschreiben, also die Szene, die sie für sich selbst optimal erregend und stimmig empfinden. Sie sollten erst in der Sitzung miteinander darüber sprechen. "Ich sage lieber nicht, welche Fantasien ich habe. Das könnte meinen Mann kränken", meint Frau M. Es ist wohl doch etwas da! Aber das scheint brisant zu sein.

Verdrängte Fantasien

Sexuelle Lustlosigkeit - das häufigste Problem, mit dem Paare in eine Sexualtherapie kommen - ist meist verbunden mit einem scheinbaren Mangel an sexuellen Fantasien. Aber oft ist die Lust nicht gestorben, sondern nur eingeschlafen und kann aufgeweckt werden.

Wenn die Frage nach den Fantasien der beiden Partner auftaucht, ist schnell diese Befürchtung auf dem Tisch: Ich kann dem anderen nicht alles zumuten, was sich in meinen Fantasien tut. Das ist verständlich, weil der Partner erwartet, dass man auf seine Bedürfnisse Rücksicht nimmt, liebevoll darauf eingeht, sich aufeinander bezieht. Es soll ja schließlich zusammenpassen.

Aber die Fantasien folgen nicht immer dieser Erwartung. Sie können Hinweise auf ungelebte Wünsche sein, auf heimliche Sehnsüchte, auf all das, was die Sexualität inspiriert und belebt. Sie können zart und tröstend sein, romantisch, aufregend und wild - aber auch: aggressiv, untreu, gemein.

Angst vor der Reaktion des Partners

Damit sind sie ein heikles Thema. Manchmal widersprechen sie den Vorstellungen von einer guten Liebesbeziehung, wonach Sexualpartner miteinander gleichberechtigt, human, fair und rücksichtsvoll umgehen. Deshalb werden sie unbewusst gemacht, verdrängt. Und wenn in einer Therapie direkt nach Wunschvorstellungen gefragt wird, ist da manchmal - scheinbar - nichts.

Denn hier ist Angst im Spiel: Die Reaktion des Partners wird meist mitgedacht. Für jeden ist es von großem Interesse, ob ihm die Rolle entspricht, die ihm da zugespielt wird. Sehnsuchtsvolle Wünsche werden deshalb manchmal verschwiegen aus Rücksicht auf den Partner oder aus der Befürchtung, von seiner Reaktion enttäuscht zu werden.

Wünsche zur Sprache bringen

So auch bei Frau B. Es war ihr schwergefallen, ihren Wunsch zu formulieren, der auf den ersten Blick einfach aussah. Sie stellte sich nämlich vor, dass ihr Mann ganz die Initiative übernimmt und sie erotisch verwöhnt, während sie sich passiv seinen Zärtlichkeiten hingibt. Zur Sprache gebracht hatte sie den Wunsch aber schon lange nicht mehr, weil sie befürchtete, ihm falle es schwer, diese ungleiche Rollenverteilung in die Tat umzusetzen.

Zu ihrer Überraschung reagierte er positiv. Sie sah sich mit der Einsicht konfrontiert, dass sie ihm eine Barriere zugeschrieben hatte, die sie sich selbst aufgebaut hatte. "Ich glaube, ich habe mich für meinen Wunsch geschämt. Aber das brauche ich jetzt nicht mehr."

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