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Sexualität: "Wie bitte, du willst Sex im Park?!"

Wie können sich Paare den Spaß am Sex bewahren? stern GESUND LEBEN sprach mit dem Sexualtherapeuten Ulrich Clement über lähmende Romantik, heimliche Fantasien und den belebenden Reiz der Angst.

Herr Clement, Sie raten Paaren zu einer ungewöhnlichen Übung gegen sexuellen Appetitmangel: Sie sollen schlechten Sex miteinander machen. Was soll das?

Beide sollen sich bewusst machen, was sie da treiben. Das Interessante daran ist, dass die Partner dann etwas analysieren, was sonst automatisch abläuft. Sie werden sich ihrer eigenen Problemtäterschaft bewusst.

Welche Erfahrungen haben Sie mit diesem Rat gemacht?

Zuerst bekomme ich verdutzte Reaktionen. Manche sagen dann: "Das können wir doch schon!" Manche Paare erzählen mir, dass sie sich totgelacht haben dabei, andere fangen schlecht an und machen gut weiter. Manche fragen mich auch, was denn schlechter Sex eigentlich sei, dann antworte ich: "Fragen Sie Ihren Partner, der weiß es bestimmt." Wenn sie darüber reden können, sind sie einen Riesenschritt weiter und müssen die Übung gar nicht mehr machen.

Die romantische Liebe kommt bei Ihnen nicht gut weg. Warum?

Diese Liebe der ersten Monate, bei der beide miteinander zu verschmelzen scheinen, ist ein ganz wunderbares Gefühl - aber ich kann es nicht erzeugen. Ich kann es nur genießen, wenn es über mich kommt. Deswegen ist es kein Handlungskonzept für eine Krise.

Viele Sexualtherapeuten setzen auf die Gemeinsamkeit der Partner gegen Langeweile im Bett - Sie setzen auf die Unterschiede und das Trennende ...

Begehren setzt ein gewisses Maß an Fremdheit voraus. Wenn beide Partner ihre eigenen sexuellen Wünsche und Fantasien wieder in den Mittelpunkt stellen und einander damit konfrontieren, dann ist die Überraschung groß: "Wie bitte, du willst Sex im Park?!" Ich habe in meiner Praxis oft erlebt, wie wenig Paare, die lange zusammenleben, über das sexuelle Profil ihres Partners wissen. Es ist natürlich nicht ohne Risiko, sich dem anderen zu offenbaren, aber deswegen ist es ja so spannend. Und Spannung kann Lust erzeugen.

Loben Sie deshalb die Angst als belebendes Element?

Ich schätze an der Angst, dass sie aufmerksam macht. Deswegen ist Fremdgehen ja so aufregend, weil immer die Angst da ist, es könnte rauskommen. Wenn Paare aus ihrer Lustlosigkeit ausbrechen wollen, dann kann richtig dosierte Angst ein Mittel dazu sein.

Viele Menschen kennen das Phänomen, dass man sich als Paar gut versteht und trotzdem keine Lust mehr auf Sex hat. Wie gleiten Paare da hinein?

Der Mechanismus ist nur schwer zu durchschauen, weil er auf guten Motiven beruht: dass Partner aufeinander Rücksicht nehmen, sich beachten, es dem anderen schön machen wollen. Das ist zu Anfang eine wunderbar liebevolle Situation, eben eine Stimmung voller Romantik. Wenn aber dieses Bestreben, es dem anderen recht zu machen, das bestimmende Moment der gemeinsamen Sexualität wird, dann führt es dazu, dass ich meine eigenen Wünsche reduziere. Wenn ich merke, meiner Partnerin behagt etwas Bestimmtes nicht, was mir aber eigentlich wichtig ist, dann lasse ich es eben bleiben. Eigentlich kein Problem... Aber dann lasse ich später noch etwas anderes bleiben. Und so landet man schließlich beim kleinsten gemeinsamen Nenner, der beide langweilt.

Können Sie uns ein Beispiel nennen?

Viele Männer schätzen schnellen, unaufwendigen Sex - die kurze Nummer vor dem Einschlafen. Das wird ein Mann aber nicht sagen, wenn er weiß, seine Frau findet das furchtbar und lieblos. Also bemüht er sich, zu machen, was ihr recht ist: sie lange zu streicheln, obwohl er eigentlich gar keine Lust hat. Das kann eine Weile gut gehen. Aber wenn er auf das, was er eigentlich schätzt, dauerhaft verzichten muss, dann entsteht eine schwierige Situation. Er beginnt Sex zu vermeiden.

Die Frau baut also eine Hürde für ihren Mann, indem sie Zärtlichkeit einfordert? Das ist doch ihr gutes Recht ...

Natürlich ist es das! Die Frage ist: Wie geht er damit um? Sagt er: "Ich will aber nicht"? Dann passiert eben nichts. Wir haben einen demokratischen Konsens, dass niemandem etwas zugemutet werden darf - deswegen ist der, der nicht will, der Stärkere. Nächste Frage: Wie geht die Frau damit um, wenn er nicht will? Das ist eine spannende Situation, aus der beide viel lernen könnten. Meistens ist es, im Sinne partnerschaftlicher Rücksicht, anders: Er geht darauf ein und macht mit. Er reduziert seine Sexualität auf den Teil, der ihr recht ist - und umgekehrt. Dann macht sich schleichend Lustlosigkeit breit, und die Rücksicht verhindert auf freundliche Weise die Sexualität.

Mit der Gefahr, dass einer fremdgeht?

Das ist nicht selten die Folge - immer häufiger in virtuellen Außenbeziehungen, im Internet. Hier kann ich mir einbilden, dass ich mit meiner ganzen Sexualität zum Zuge komme. Die erlebe ich im Alltag als bestimmt von meinem Partner oder meiner Partnerin. Das ist übrigens keine Frage von Sexualpraktiken, ob etwa Analverkehr vorkommt oder nicht. Das Problem ist grundsätzlicher: dass ich das Gefühl habe, mit meinen Wünschen und Bedürfnissen in der Partnerschaft nicht mehr vorzukommen.

Wer von beiden äußert dieses Gefühl in der Regel?

Häufiger die Frauen. Sie sind eher die Expertinnen für die Unzufriedenheit in Beziehungen, Männer dagegen Experten fürs Fünf-gerade-sein-Lassen und Ignorieren. Ich erlebe oft Paare mittleren Alters, bei denen die Frau sagt: "Das halte ich nicht mehr aus, so will ich nicht alt werden." Da merkt man ganz deutlich, dass es nicht um irgendwelche Stellungen im Bett geht, es geht um die Frage: Was will ich noch erleben, was bisher ungelebt ist? Und dann besteht die Chance, das Muster aufzubrechen und wieder zu einer erfüllten Sexualität zu kommen. Wer das Begehren wieder aufleben lassen will, muss einen Neustart wagen.

Ist es wichtig, begehrt zu werden?

Sehr wichtig sogar - weil so viel mitschwingt. Wenn ich nicht mehr begehrt werde, dann kommt schnell die Frage: Werde ich denn überhaupt noch geliebt? Wenn einer der Partner für seine Lust keinen Platz mehr in der Beziehung findet, hat das enorme Sprengkraft. "Was passiert, wenn die Therapie nicht fruchtet?", frage ich Paare in meiner Praxis immer. Und dann stellt sich oft heraus, dass einer sich trennen wird - tatsächlich oder nur innerlich.

Sie haben in Ihrem Buch "Guter Sex trotz Liebe" eine Serie von Übungen beschrieben, die Paare aus ihrer Unlust führen sollen. Welche steht am Anfang?

Am Anfang steht keine Übung, sondern das Eingeständnis: Ich bin unzufrieden! Paare ändern sich nicht, weil sie wollen, sondern weil sie müssen. Und sie müssen es, wenn einer den Zustand der Partnerschaft nicht mehr toleriert und seine Unzufriedenheit die Beziehung sprengen könnte. Die Partner müssen einsehen, dass sich nur etwas ändert, wenn jeder selbst etwas ändert und nicht etwa darauf wartet, dass der Partner das tut. Der wichtigste Faktor für die Veränderung ist nicht Hoffnung, sondern Resignation: Wenn ich die Hoffnung aufgegeben habe, dass mein Partner mit der Veränderung anfängt, erst dann ist klar, dass die Verantwortung bei mir liegt. Solange ich hoffe, stabilisiere ich paradoxerweise die Situation.

Was bedeutet diese V erantwortung, bezogen auf den Sex?

Eine der stärksten Übungen, die ich in meinen Therapien anwende, ist diese: Der eine Partner bestimmt, der andere ist der Liebesdiener. Beide verabreden sich auf eine Stunde Sex und definieren die Rollen. Drei Tage später geht's dann umgekehrt. Die demokratische Art - "So, wie du mich streichelst, streichele ich dich" - wird aufgehoben zugunsten der Einseitigkeit: einer bestimmt. Das fällt zumeist demjenigen viel schwerer, der den Ton angeben soll, als dem anderen, der die dienende Rolle hat. Hier passiert nämlich etwas Neues: Ich muss Farbe bekennen und sagen, wie ich es gern hätte. Das trauen sich viele nicht und sagen, das wird meine Frau oder mein Mann ja nicht mitmachen, und setzen den anderen wieder in die Position des erotischen Verhinderers. Sie trauen sich nicht, zu ihrer Sexualität zu stehen.

Aus Angst, abgelehnt zu werden?

Ich muss ja auf einen Teil meines sexuellen Profils zurückgreifen, der nicht Teil der gemeinsamen Sexualität ist - aus gutem Grund: weil ich irgendwann einmal festgestellt oder vermutet habe, dass meinem Partner das nicht behagt. Bei dieser Übung geht es um mehrere Schritte, von denen jeder wichtig ist. Erstens: Ich muss mir bewusst machen, was ich will. Zweitens: Sage ich's oder sage ich's nicht? Drittens: Wenn ich's gesagt habe: Machen wir's dann oder nicht? Wenn ein Paar so weit ist, hat es viel erreicht. Meistens ist schon der erste Schritt eine große Hürde.

Warum fällt diese Übung so schwer?

Weil das eigene sexuelle Profil sehr tief in mir vergraben sein kann. Bei einem Paar, mit dem ich lange gearbeitet habe, kam der Mann irgendwann damit heraus, dass er seine Frau gerne fesseln und dann vögeln würde. Sie war verunsichert - aber dann sagte sie: "Na gut, das ist nicht mein Ding, aber wenn du's schön findest..." Daraufhin erschrak er, weil auf einmal die Möglichkeit da war. Und die haben das, zumindest während der Therapie, nie gemacht. Wenn der eine die Tür aufmacht, muss der andere deswegen nicht gleich hineingehen. Aber schon die Erkenntnis, dass es da etwas jenseits der sexuellen Routine gibt, belebt die Sexualität.

Wie sollten Paare denn mit diesen neuen Möglichkeiten umgehen?

Darüber verhandeln. Partner verhandeln übrigens meistens dann gut, wenn sie etwas zu gewinnen haben - dann kommt die Logik des Investierens in Gang! Wenn zum Beispiel der Mann sehr gerne mal Analverkehr machen möchte und die Frau sagt, dass sie das partout nicht will, ihm dafür aber etwas anderes anbietet - dann rührt er sich. Ich habe nie erlebt, dass einer sagt: "Das will ich oder gar nichts!" Und so merken beide, wie sie aufeinander zugehen können und dabei etwas gewinnen. Dann kann ich auf eine bestimmte Praktik auch verzichten.

Wie wichtig ist Mut?

Ich brauche Mut, um ein Risiko einzugehen. Sonst wär's ja keins. Aber bevor ich meiner Partnerin sage, dass ich die Fantasie habe, gemeinsam mit ihr und ihrer besten Freundin in einen Swingerclub zu gehen - da sollte ich schon überlegen, ob diese Offenheit Spannung erzeugt, eine Herzattacke auslöst oder vielleicht sogar Vertrauen zerstört. Weil sie sich von jetzt an fragt, ob ich da sonst ohne sie hingehe. Hier muss ich abwägen. Das Motto heißt nicht: Nur raus mit der Sprache, und alles wird gut. Das wäre fahrlässig.

Ist es ein Indikator für die Qualität der Partnerschaft, wie offen ich sein kann?

Ja, das und der Wunsch des Partners nach Offenheit: Sag mir, wer du bist! Mute es mir zu! Ich will das wissen, auch wenn es mir nicht gefällt. Manche befürchten ja ganz Schreckliches: dass der Partner Sex mit Kindern will oder mit Tieren oder was weiß ich nicht alles! In den meisten Fällen sind die Wünsche und Fantasien längst nicht so ungewöhnlich.

In Ihrem Buch fordern Sie auf, "einander ein wenig fremder zu sein, als uns ansonsten lieb ist". Damit soll wieder die Spannung entstehen, die am Beginn der Beziehung spürbar war und den aufregenden Sex der ersten Monate ermöglichte. Aber schleift sich das nicht auch wieder ab? Muss ich nicht immer stärkere Reize ausüben, damit es wieder spannend wird?

Nein, es geht nicht um eine Art Eskalation der Reize. Der sexuelle Alltag hat auch seine Berechtigung. Ohne ihn ist ein Liebesfest gar nicht möglich. Die Partner erreichen eine neue Stufe der Gemeinsamkeit - indem sie aushandeln, was sie in Kenntnis ihrer sexuellen Unterschiede machen und was nicht.

Welche positiven Auswirkungen hat eine erfolgreich abgeschlossene Therapie - abgesehen davon, dass der Sex wieder befriedigend ist?

Zu den Resultaten gehört es, dass man gelten lässt, dass der andere anders ist; dass die Partner weniger Kompromisse eingehen und akzeptieren, was gegeben ist; dass sie die Selbstachtung beim Sex erhalten und einander mehr Aufmerksamkeit zukommen lassen. Es geht nicht um ausgefeilte Techniken, verschiedene Stellungen oder Ähnliches, sondern um eine tragfähige, vertrauensvolle Beziehung - und es geht um Selbstverwirklichung.

Interview: Sven Rohde / GesundLeben
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