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Sex oder nie Nicht verordnungsfähig

Entscheidender als Quantität ist beim Sex die Qualität
Entscheidender als Quantität ist beim Sex die Qualität
© Colourbox
Regelmäßiger Sex hält jung und beugt Krankheiten vor. Aber nur um der Gesundheit willen sollte sich keiner dazu überwinden. Denn die Wirkung hängt nicht von der Dosis ab.
Von Ulrich Clement

Sexueller Aktivität wird nachgesagt, sie fördere die Sauerstoffversorgung des Organismus, reduziere Gewicht, helfe gegen Schlafstörungen, schütze vor Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Schlaganfall, wirke antidepressiv und lasse sogar - das haben englische Wissenschaftler herausgefunden - die geschlechtsaktiven Menschen jünger aussehen.

Die Wirkungen sind unterschiedlich gut belegt. Nicht alle wurden zuverlässig bestätigt. Aber sie gehen doch in eine eindeutige Richtung, der man sich - bei möglicher Skepsis im Detail - im Prinzip schwer entziehen kann: Sex hält gesund. Im Einzelfall lässt sich diese schöne Botschaft klinischer Studien freilich nicht so einfach unbesehen übertragen - nach dem Motto: je mehr Sex, desto gesünder, egal, wie. Die Menge macht es nicht. Bei genauem Hinsehen zeigt sich, dass die Qualität entscheidender ist als die Quantität. Nur guter Sex ist gesund.

Die Definition sexueller Gesundheit

Aber was ist Qualität in diesem Zusammenhang? Die Weltgesundheitsorganisation WHO hat eine sehr umfassende Definition sexueller Gesundheit vorgeschlagen, die auch psychologische, soziale und sogar politische Ebenen ins Spiel bringt: "Sexuelle Gesundheit ist ein Zustand körperlichen, emotionalen, geistigen und sozialen Wohlbefindens in Bezug auf Sexualität; sie ist nicht nur die Abwesenheit von Krankheit, Störung oder Behinderung. Sexuelle Gesundheit erfordert einen positiven und respektvollen Zugang zu Sexualität und sexuellen Beziehungen sowie die Möglichkeit, befriedigende und sichere sexuelle Erfahrungen zu machen, die frei von Zwang, Diskriminierung und Gewalt sind. Um sexuelle Gesundheit zu erreichen und aufrechtzuerhalten, müssen die sexuellen Rechte aller Personen respektiert, geschützt und gewährleistet werden."

Auch die beste Definition ist jedoch nur so gut, wie sie angewandt wird. "Das ist doch erstens nicht normal und zweitens ungesund", empörte sich in einem sexualtherapeutischen Erstgespräch ein Mann, weil seine Frau sich desinteressiert zeigte und frustriert meinte, sie könne auch ohne Sex ganz gut leben. Mit dem Argument "Gesundheit" bewaffnet, versuchte der Mann, ihr seine Vorstellung von richtigem Sex aufzudrängen. Wäre es gesund, wenn sich die Frau entgegen ihrem Gefühl mit dem Hinweis auf gesunden Sex breitschlagen ließe? Sicher nicht. Selbstbestimmung steht über Gesundheit. Selbst wenn das Nein der Frau auf Schamgefühle, auf Hemmungen zurückzuführen sein mag, selbst wenn man manche ihrer Blockaden als "ungesund" bezeichnen mag - gesund kann Sexualität nur sein, wenn sie von beiden Partnern bejaht wird. Wenn sie in Art und Häufigkeit den handelnden Personen entspricht, wenn sie authentisch und gewollt ist.

Zu einer authentischen Sexualität gehört das Nein ebenso wie das Ja. Gerade in einer Gesellschaft mit einem Überangebot an sexuellen Möglichkeiten kommt der sexuellen Wahlmöglichkeit eine entscheidende Bedeutung zu. Sonst läuft die Idee einer gesunden Sexualität auf eine Vitaminpille hinaus, statt Ausdruck einer freien Entscheidung zu sein, mit wem, wann und wie ich Sex lebe.

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