VG-Wort Pixel

Schlag 12, der Mittagskommentar aus Berlin Schlussstrich unter die Nazi-Vergangenheit gibt's nicht!


Fast die Hälfte der Deutschen will von der deutschen Nazi-Vergangenheit und dem Holocaust nichts mehr hören. Doch den Schlussstrich-Befürwortern ist etwas Entscheidendes entgangen.
Von Sophie Albers Ben Chamo

Gerade ist mal wieder so eine Lineal-Fetischisten-Studie erschienen. Wieder ist es fast die Hälfte aller Bundesbürger, die endlich einen Schlussstrich unter die deutsche Vergangenheit ziehen möchte. Die meint, dass die Nazizeit endlich genug aufgearbeitet sei. Die damit endlich in Ruhe gelassen werden will. Endlich ist ein wichtiges Wort in diesem Zusammenhang. Endlich. Ende.

Diese Studien gibt es regelmäßig. Ein echtes Knallerergebnis verkündete erst im Januar die Bertelsmann-Stiftung: Da waren es 81 Prozent der Deutschen, die die Geschichte der Judenverfolgung "hinter sich lassen" möchten. Da wollten 58 Prozent definitiv einen "Schlussstrich" ziehen. Die Zahlen sind seit Jahren stabil. Demnach hat jeder Zweite, den man in diesem Land so trifft, ein virtuelles Lineal dabei.

Was die Lineal-Festischisten übersehen

Was die Lineal-Fetischisten (unangenehmerweise mit Leidenschaft) übersehen: Es ist nicht an den Deutschen, dieses Ende zu bestimmen. Das muss von denen kommen, deren Familien ausgerottet, deren Häuser verbrannt und deren Leben und Kultur zerstört worden sind.

Doch jetzt kommt der Clou: Die Lineal-Fetischisten stecken so tief in ihrem Selbstmitleid, dass sie nicht mitbekommen haben, mit welcher Großzügigkeit die Welt Deutschland bereits bedacht hat. Ob in Russland, den USA oder sogar Polen, den Deutschen werden die Verbrechen unter den Nationalsozialisten kaum noch vorgehalten. Da guckt der Schlussstrich-Fanatiker und kann sein Lineal wegschmeissen. Denn der Umgang mit der deutschen Vergangenheit ist ein Prozess, wenn Sie unbedingt wollen ein unendlicher Strich.

Und dann?

Und dann das hier: Zu einem Zeitpunkt, da die letzten der Shoah-Überlebenden sterben, kommt aus Israel eine unglaubliche Zahl: 68 Prozent der jüdischen Israelis, mehr als zwei Drittel also, denken "ziemlich gut" oder sogar "sehr gut" über Deutschland und die Deutschen. Zur gleichen Zeit haben mehr als 25.000 junge Israelis in Berlin ein Zuhause gefunden. Mehr Vertrauensbekundung geht nicht!

Eine letzte Frage noch: Wenn es diesen wie immer gearteten "Schlussstrich" tatsächlich geben würde, was kommt eigentlich danach? Würde der zunehmende Fremdenhass in diesem Land dann mehr Spaß machen?


Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker