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Aus für den Hoffnungsträger Das Tübinger Unternehmen Curevac begräbt seinen ersten Corona-Impfstoff – wie es so weit kommen konnte

Corona-Impfstoff von Curevac
Die erste Generation eines Corona-Impfstoffs des Unternehmens Curevac ist gescheitert – nun geht die Arbeit weiter.
© Frank Hoermann/SVEN SIMON / Picture Alliance
Das Tübinger Biotech-Unternehmen Curevac hat einen Schlussstrich gezogen. Sein Corona-Impfstoffkandidat der ersten Generation wird nicht auf den Markt kommen, sondern in der Tonne landen. Wie konnte es so weit kommen?

Als das Rennen der Hersteller um einen Corona-Impfstoff begann, war Curevac ganz vorne dabei. Das Tübinger Unternehmen galt als ein Vorreiter der mRNA-Technologie, entsprechend groß waren die Hoffnungen, die man auf den deutschen Impfstoffkandidaten setzte. Hoffnungen, die nun vorerst begraben werden müssen. Das Biotech-Unternehmen zieht seinen ersten Corona-Impfstoff aus dem Zulassungsverfahren zurück. Statt im Arm landet der Impfstoff nun in der Tonne. Für Curevac ist es das Ende eines Wettlaufs mit vielen Stolpersteinen – aber mitnichten das Aus. Ein Ass will das Unternehmen noch im Ärmel haben. Ein zweiter Kandidat ist in Arbeit.

Das Scheitern hatte sich abgezeichnet. Schon Ende Juni war bekannt geworden, dass das Vakzin CVnCoV nicht mit den bereits zugelassenen Impfstoffen konkurrieren kann. Die Wirksamkeit ließ zu wünschen übrig. Damals aber ging man in Tübingen noch davon aus, dass die Europäische Arzneimittelagentur (EMA) dennoch eine Zulassung erteilen werde. Das ist nun vom Tisch. Am Dienstag teilte die EMA mit, dass sie das Verfahren der Prüfung fortlaufend eingereichter Daten nach einer entsprechenden Benachrichtigung von Curevac beendet habe. Eine finale Analyse hatte ergeben, dass das Vakzin nur eine Wirksamkeit von 48 Prozent gegen eine Covid-19-Erkrankung hatte.

Von der Konkurrenz abgehängt

Wie konnte es passieren, dass der Pionier zum Abgehängten wurde? Im März 2020, noch vor dem ersten Lockdown, kursierten bereits Gerüchte, dass der damalige US-Präsident Donald Trump das Tübinger Biotech-Unternehmen exklusiv an die USA binden wolle. Aufregung machte sich breit.

In dieser Zeit reiste Curevac-Gründer Ingmar Hoerr nach Berlin und sprach mit Gesundheitsminister Jens Spahn über die neuartige mRNA-Technologie. Am nächsten Tag brach Hoerr im Hotelzimmer zusammen – ein Aneurysma. Es war der 13. März 2020, ein Freitag. Hoerr lag sechseinhalb Wochen im Koma. Es dauerte Monate, bis er wieder fit war. Monate, in denen andere Impfstoffentwickler Curevac von rechts überholten. Das Unglück Hoerrs kam zur Unzeit, ist aber nur eines von vielen, vielen Gründen, die ihren Anteil am Misslingen des Projekts Corona-Impfstoff hatten.

Infektiologe Peter Kremsner leitete die weltweite Curevac-Impfstudie, an der etwa 40.000 Menschen teilnahmen. Im Gespräch mit der "Wirtschaftswoche" berichtete er von einem Reigen an Problemen. Demnach hatten die Wissenschaftler Schwierigkeiten, die Probanden zu halten. Denn während in Tübingen noch geforscht wurde, waren andere Vakzine bereits zugelassen. "Wir haben es unseren Probanden natürlich freigestellt, sich mit den zwischenzeitlich verfügbaren Vakzinen impfen zu lassen", berichtete er. Die Folge: eine riesige Ausstiegsquote. 32 Prozent der Teilnehmer zwischen 18 und 60 Jahren hätten die Studie vorzeitig beendet, bei den älteren sogar 70 Prozent.

Viele, viele Probleme

Und dann war da noch das Problem mit der App. Die Teilnehmer sollten mögliche Impfnebenwirkungen in einer App dokumentieren. Doch genau die sorgte immer wieder für Ärger. "Wir haben von Probanden häufig die Rückmeldung bekommen, dass es schwierig ist, die unerwünschten Wirkungen in die App einzupflegen. Wir haben aber versucht zu helfen, soweit es möglich war", so Kremsner. "Wie viele Meldungen von Nebenwirkungen dadurch unterblieben sind, vermag ich nicht zu sagen, hoffentlich wenige."

Das aber sind nur Kleinigkeiten im Vergleich zu dem, was den Impfstoffkandidaten am Ende das Aus bescherte. Denn er funktionierte einfach nicht so, wie man sich das erhofft hatte. "Es war die niedrige Dosierung", meint Kremsner. Demnach war das Vakzin deutlich niedriger dosiert als die Konkurrenzprodukte. Aufgrund seiner Beschaffenheit habe man daran aber nicht drehen können.

Cornoa-Impfstoff: Curevac-Studie läuft in Tübingen

Curevac macht schon wieder neue Pläne

Der Weg Curevacs in der Corona-Impfstoffentwicklung war ein holpriger bisher. Zukünftig soll sich das ändern. Denn ans Aufgeben denkt trotz dieser Niederlage keiner, im Gegenteil. Curevac will sich nun mit seinem britischen Partner GlaxoSmithKline (GSK) auf die Entwicklung weiterer, besserer Covid-19-Impfstoffe konzentrieren. Diese sollen unter anderem einen langanhaltenderen Schutz gegen neue Varianten in einer einzigen Impfung bieten. Das kündigte Vorstandschef Franz-Werner Haas am Dienstag an. 

"Wir sehen, dass wir mit CVnCoV nicht mehr Teil der ersten Welle von Pandemie-Impfstoffen sein können. Aber wir haben die feste Absicht, gemeinsam mit unserem Partner eine Vorreiterrolle bei der Entwicklung eines neuen, verbesserten Impfstoffs der zweiten Generation einzunehmen", so Haas. Das neue Ziel: die behördliche Zulassung eines verbesserten Covid-19-Impfstoffs im Jahr 2022. Im Vergleich zum ersten Impfstoff weise CV2CoV – so der Name der neuen Entwicklung – in Tiermodellen eine bis zu zehnfach höhere Immunogenität auf.

Quellen: WiWoSRF, Dpa

tpo

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