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Sex oder nie: "Ich habe einfach keinen Orgasmus"

Manche Frauen kommen mühelos zum Höhepunkt, andere selten: Oft ist es keine Frage der Fähigkeit, sondern der persönlichen Neigung - und des Partners, wie der Sexualtherapeut Ulrich Clement beobachtet hat.

Stress, Druck, Versagensangst - das sind Hemmschuhe für die Orgasmusfähigkeit

Stress, Druck, Versagensangst - das sind Hemmschuhe für die Orgasmusfähigkeit

Frau E. ist es ernst, als sie ihr Anliegen auf den Punkt bringt: "Ich kann beim Sex einfach keinen vaginalen Orgasmus haben - andere Frauen können das. Ich weiß nicht, warum das bei mir nicht auch gehen sollte. Mich selbst kann ich zum Höhepunkt bringen, aber beim Verkehr klappt es nicht. Was mache ich falsch?"

Frau E. beschreibt einen sexuellen Reaktionstyp, den sie mit vielen Frauen teilt. Sie ist orgasmusfähig, aber nicht beim Geschlechtsverkehr. Sie ist eine emotional offene und beruflich erfolgreiche Frau, alles andere als verklemmt. Frau E. fühlt sich sexuell frei, hat ein gutes, bejahendes Verhältnis zu ihrem Körper entwickelt. Was ist ihr Problem?

Orgasmusverhalten zeigt große Variationen

Orgasmusstörungen können auf sexuelle Hemmungen und Konflikte zurückzuführen sein, die sexualtherapeutisch gut behandelbar sind. Aber hat Frau E. überhaupt Orgasmusstörungen? Nicht unbedingt. Im Orgasmusverhalten von Frauen zeigen sich große Variationen. Auf der einen Seite des Spektrums gibt es solche, die mühelos mehrfache Orgasmen beim Verkehr haben können - auf der anderen Frauen, die mit keinem Trick der Welt einen Orgasmus erleben, weder mit Partner noch durch Masturbation.

Zwischen diesen Typen gibt es eine große Vielfalt individueller Orgasmus- Muster, zudem ändern diese sich, je nach Stimmung, Lebensphase und Partner. Mit "gesund" und "gestört" hat das nichts zu tun. Um das eigene Orgasmus- Muster zu identifizieren, bewährt sich ein einfaches Schema, das aus drei Kriterien besteht. Erstens: Ist der Orgasmus abhängig von der Praktik? Ist er zum Beispiel beim Oralverkehr oder bei der Selbstbefriedigung möglich, sonst aber nicht? Zweitens: Ist der Orgasmus abhängig vom Partner? Ist er zum Beispiel mit einem früheren Partner möglich gewesen, mit dem jetzigen Partner aber nicht? Drittens: Ist der Orgasmus von bestimmten äußeren Umständen abhängig, zum Beispiel Urlaubssituationen, romantischer Stimmung oder spezieller Vorbereitung? Je mehr er von einem der drei Kriterien abhängt, desto eher hat die selbstbewusste Frau es in der Hand, ihr sexuelles Verhalten darauf abzustimmen.

Erster Orgasmus im mittleren Lebensalter

Und wenn der Orgasmus mit all dem nichts zu tun hat? Wenn er bei keiner Praktik mit keinem Partner in keiner Situation kommen will? Dann kommt er eben nicht! Es gibt Frauen, die ihren ersten Orgasmus im mittleren Lebensalter erleben. Wenige. Sehr viele allerdings mühen sich erfolglos ab, lassen das auch ihre Partner tun und setzen ihr Sexualleben unter Erfolgsdruck. Damit verhindern sie ungewollt ihre Befriedigung, statt sie zu ermöglichen.

Die Schlüsselfrage für Frauen mit Orgasmusproblemen lautet: Wie lange und mit welchen Tricks versuche ich, den Orgasmus in das Korsett meiner Vorstellungen zu zwingen? Und wann wechsle ich vom Zwang zur Kunst? Die Kunst besteht darin, aus dem eigenen individuellen Orgasmus-Muster das Beste zu machen, statt es ändern zu wollen.

Sie fühlt sich von ihm nicht begehrt

Auch Frau E. tut sich zu Beginn der Therapie schwer damit. Ursache ist das Zusammenspiel mit ihrem Mann. Herr E. hat Schwierigkeiten damit, dass seine Erektion beim Verkehr manchmal nachlässt. Er zieht sich zurück und geht der Sexualität aus dem Weg. Frau E. beklagt seine geringe sexuelle Initiative. Schnell stellt sich heraus, dass hier ihr Problem liegt: Sie fühlt sich von ihm nicht begehrt, hat den Eindruck, er entziehe sich ihr. Beide sind in einem Teufelskreis gefangen: Je mehr er ihre intensiven sexuellen Wünsche spürt, desto mehr fühlt er sich in der Defensive. Und je stärker er sich zurückzieht, desto stärker bedrängt sie ihn.

In der Therapie löst sich der Knoten langsam, als Herr E. beginnt, sich nicht mehr für den Orgasmus seiner Frau verantwortlich zu fühlen. Dies gelingt ihm umso besser, je weniger Frau E. ihr Orgasmus- Muster als Mangel empfindet. Sie kommt für sich zum Ergebnis: "So ist das bei mir eben." Als Herr E. humorvoll- doppeldeutig antwortet: "Ich nehme dich auch so!", kann das Paar mit einem frischen Blick auf das alte Problem schauen und die vom Orgasmusdruck befreite, neu gewonnene Sexualität genießen. So, wie sie ist, und nicht, wie sie sein soll.