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Kopfschmerz bei Kindern: Wo tut's denn weh?

Auch viele Kinder leiden an Kopfschmerz, sogar Säuglinge können Migräne haben. Doch oft erkennen Eltern und Ärzte die Krankheit erst sehr spät.

Von Anika Geisler

Ein strammes Haargummi oder ein Eis - bei Kindern reichen Kleinigkeiten, um Kopfschmerzen auszulösen. Die Häufigkeit der Erkrankung hat in den vergangenen Jahrzehnten dramatisch zugenommen: Schon bei Säuglingen wird Migräne diagnostiziert, und jedes fünfte Vorschulkind kennt Kopfschmerzen. Langes Stillsitzen und Konkurrenzdruck verschlimmern die Situation: 52 Prozent der Schulkinder leiden an Spannungskopfschmerzen und 12 Prozent an Migräne. "Ein bis zwei Schüler pro Klasse sind behandlungsbedürftig", sagt Raymund Pothmann, Kopfschmerz-Experte am Zentrum für Integrative Kinderschmerztherapie am Klinikum Nord-Heidberg in Hamburg. Die Spezialisten prangern vor allem an, dass eine ungesunde Lebensführung die Entstehung von Kopfschmerzen begünstigt: zu wenig Bewegung oder aber Freizeitstress, unregelmäßiges und ungesundes Essen, zu wenig Flüssigkeitszufuhr, emotionale Spannungen und zu viel Zeit vor dem Fernseher oder Computer.

Kleine Kinder können den Schmerz nicht lokalisieren

Bis die richtige Diagnose gestellt wird, vergehen oft Monate. Eltern - und viele Ärzte - können nicht glauben, dass ein Kind Kopfschmerzen haben könnte. Denn: Die Symptome sind sehr unspezifisch. Säuglinge etwa, die Migräne haben, spucken häufig und stundenlang. Kleinkinder können immerhin "Aua" sagen - und zeigen dabei meist auf ihren Bauch, weil sie die schmerzende Stelle noch nicht lokalisieren können. Die Bauchdecke ist angespannt, dazu können Verdauungsstörungen, Übelkeit und Erbrechen kommen. Die Kinder wollen nicht mehr spielen, haben großen Hunger oder Durst, sind sehr müde, blass oder aber rot im Gesicht. Auch Schwindelattacken können ein Zeichen sein oder Licht- und Lärmempfindlichkeit. Eine weitere Besonderheit bei Migräne-Kindern ist das "Alice im Wunderland Syndrom": Dabei nehmen sie Dinge in ihrer Umwelt kleiner oder größer wahr. Neurologische Störungen wie Lichtblitze vor den Augen, Gefühls-, Bewegungs-, Sprach- oder Schluckstörungen und Schielen können zudem auftreten. Solche Phänomene sollten umgehend von einem Arzt abgeklärt werden. Ob ein Kind an Spannungskopfschmerzen oder Migräne leidet - diese Unterscheidung ist deutlich schwieriger als bei Erwachsenen. Denn: Während Erwachsene Migräne als pochend und nur auf einer Schädelseite beschreiben, fühlen Kinder die Schmerzen durchaus auf beiden Seiten des Kopfes und an der Stirn.

Ein erster Schritt für die Behandlung ist die Strukturierung des Alltags: ein geregelter Tagesablauf mit vielen Pausen; häufige, regelmäßige und gesunde Mahlzeiten; viel Wasser oder Kräutertee; ausreichend Bewegung und viel Schlaf. Bei einer akuten Attacke helfen Kindern, die an Migräne leiden, ein nasser Lappen auf der Stirn, Ruhe und ein dunkler Raum. Kinder mit akuten Spannungskopfschmerzen brauchen dagegen Bewegung an der frischen Luft. Auf keinen Fall dürfen Eltern ihren Kindern ohne ärztliche Kontrolle wiederholt Schmerzmittel geben, die sie selbst nehmen - auch nicht niedrig dosiert. Bei einem akuten Migräneanfall eignet sich Ibuprofen am besten, oft in Kombination mit einem Mittel gegen Übelkeit und Erbrechen. Ab dem zwölften Lebensjahr dürfen Kinder auch ein sogenanntes Triptan, ein spezielles Migränemedikament, als Nasenspray nehmen. Bei Spannungskopfschmerz empfehlen die Ärzte Paracetamol als Saft oder Zäpfchen. AS (Acetylsalicylsäure) ist erst für Kinder ab zwölf erlaubt. Ältere Kinder sollten einen Kopfschmerzkalender führen und Entspannungsverfahren lernen. Zudem empfehlen die Spezialisten Methoden wie Biofeedback, TENS (transkutane epidermale Nervenstimulation) oder Akupressur. Für Kinder, bei denen die Schmerzen chronisch geworden sind, gibt es spezielle Kurse: Die "Delfin-Kids", eine Initiative in Hamburg, die Raymund Pothmann ins Leben gerufen hat, die "Dickköpfe" an der Vestischen Kinder- und Jugendklinik Datteln oder Kurse namens "Stopp den Kopfschmerz" von der Techniker Krankenkasse, die bundesweit stattfinden. Dort lernen die Betroffenen beispielsweise Strategien zur Stressbewältigung und Denkspiele, die vom Schmerz ablenken.

Mitarbeit: Nastaran Behzadnia

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