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Krebs: Die beste Strategie ist die eigene

Psycho-Onkologen wie Professor Peter Herschbach beobachten viele Patienten, die trotz Tumor in ein gutes Leben finden. Einen Weg für alle aber entdecken sie nicht.

Herr Professor Herschbach, Krebs trifft Männer wie Frauen, Junge wie Alte, lebenslustige und eher in sich gekehrte Zeitgenossen. Wer kommt am besten damit zurecht?

Das lässt sich so einfach nicht beantworten. Man kann zunächst einmal Krebspatienten grob in zwei Gruppen einteilen. Die eine Gruppe erlebte die Diagnose als etwas sehr Existenzielles. Solche Menschen sagen dann vielleicht, die Diagnose war für mich ein Schuss vor den Bug. Das kann dazu führen, dass sie ihr Leben anschließend tatsächlich in eine bessere Richtung als zuvor lenken. Tendenziell sind das eher die Frauen.

Und die Männer?

Die versuchen das Ganze nicht selten "auszuschwitzen" wie eine ernstere Grippe. Fragt man sie, wie es geht, bekommt man vielleicht die Antwort: Ich hatte Schlimmeres befürchtet. Solche Menschen spielen die Dramatik einer Krebserkrankung eher herunter. Das sehen manche meiner Kollegen als Verleugnung. Aber man kann nicht pauschal sagen, das sei der falsche Weg.

Zwingt eine Krebsdiagnose erst einmal alle gleich tief in die Knie?

Natürlich ist die Persönlichkeit ein wichtiger Faktor bei der Verarbeitung. Wer eher ein ängstlicher oder depressiver Typ ist, hat auch unter einer Krebsdiagnose üblicherweise mehr zu leiden als jemand, der von Natur aus optimistisch gestimmt ist. Ich muss aber einschränkend sagen, das alles sind eher klinische Alltagserfahrungen als harte wissenschaftliche Fakten.

Wie lässt sich für Sie überhaupt feststellen, ob ein Patient gut lebt und zufrieden ist?

Da gibt es keine festen Kriterien. Direkt aus einem bestimmten Verhalten oder objektiven Lebensbedingungen lässt sich das jedenfalls nicht ableiten. Wir müssen uns also schon Zeit nehmen und mit jedem ziemlich eingehend sprechen. Anders lässt sich das nicht herausfinden. Darum sollen inzwischen nach internationalen Leitlinien alle Tumorpatienten hinsichtlich ihrer individuellen psychosozialen Belastung untersucht und beurteilt werden. Schwerpunktkliniken wie etwa Brustzentren müssen ein solches Screening inzwischen durchführen, um ihr Zertifikat zu bekommen.

Ist dafür Zeit im Krankenhausalltag?

Das ist ein Riesenthema. Vom Aufwand her ist das tatsächlich kaum zu bewältigen. Darum haben wir von unserer Fachgesellschaft eine Empfehlungsliste mit Kurztests herausgegeben, die es auch Medizinern im Alltagsstress erlaubt, mit wenigen Fragen den Belastungsgrad ihrer Patienten zu ermitteln. Da die finanziellen Mittel begrenzt sind, ist es natürlich das Ziel, psychologische Hilfe vor allem denen zukommen zu lassen, die sie wirklich brauchen.

Ist eine solche Begleitung nicht für alle mit einem Tumorleiden wenigstens sinnvoll, wenn schon nicht erforderlich?

Das hängt auch vom Ziel der Therapie ab. Manche Patienten glauben, dass sie mit Psychotherapie ihre Überlebenschancen verbessern können. Diese Hoffnung können wir auf der Basis der Forschung nicht wirklich erfüllen. Aber auch die Unterstützung bei der Krankheitsbewältigung braucht eben wirklich nicht jeder. Nehmen Sie zum Beispiel junge Hodenkrebspatienten. Die finden Sie nach ihrer Behandlung öfter als sonst im Fitnesscenter.

Weil sie etwas wettmachen wollen?

Genau. Dahinter steckt letztlich eine Überkompensierung der subjektiv empfundenen Schwächung, die sie durch den Krebs erfahren haben. Aber damit kommen sie so klar. Mehr ist aus der Sicht des Psychologen selten erforderlich. Etwa 25 Prozent der Patienten, so schätzen wir, brauchen wirklich Unterstützung. Und weil die das nicht unbedingt von sich aus sagen, wollen wir sie über möglichst überall handhabbare Screening-Verfahren finden. Alle anderen kommen auch so gut zurecht.

Doch haben Frauen bei einer Therapie vielleicht eine Brust verloren oder Männer sind fortan impotent. Kann man dann sagen, dass Krebspatienten gut leben, ohne sich dem Verdacht auszusetzen, zynisch zu sein?

Das gesellschaftlich verbreitete düstere Image einer Krebserkrankung ist manchmal erheblich schlimmer als die Realität. Ich will da gar nichts schönreden. Natürlich gibt es furchtbare Krankheitsverläufe. Und wenn eine alleinerziehende junge Mutter an ihrem Tumor stirbt, dann sind wir sehr betroffen. Auf der anderen Seite sehen wir aber auch viele Menschen, die trotz einer Tumorerkrankung gut oder sogar sehr gut leben. Immerhin überlebt inzwischen ungefähr die Hälfte aller Krebspatienten, wenn Sie es statistisch im Mittel über alle Tumorarten sehen. Und wenn es dann gelingt, die Erkrankung als existenzielles Ereignis zu begreifen und damit als Chance für ein neues Leben, dann können solche Menschen tatsächlich eine sehr hohe Lebensqualität erreichen.

Und das sehen die auch selbst so?

Gerade sie sehen das so! Es ist manchmal für Außenstehende kaum zu glauben, wie zufrieden und ausgeglichen Menschen sogar dann sein können, wenn ihr objektiver Befund nicht sehr ermutigend ausfällt. Dahinter steckt die Fähigkeit, Erwartungen an die Realität anzupassen. Auch kleine Schritte können ja ein Erfolg sein und als solcher genossen werden. Wer allerdings Wunder verlangt, wird das nicht erleben.

Was raten Sie, wenn Sie raten müssen?

Es gibt ein altmodisches Wort: Demut. Und das verstehe ich so, dass wir lernen können, unsere Wünsche dem Möglichen anzupassen. Vielen Patienten von uns gelingt das. Und die führen dann oft wieder ein sehr gutes Leben. Deswegen müssen Ärzte auch Sätze wie "Ich kann nichts mehr für Sie tun" oder "Es gibt keine Hoffnung" ein für alle Mal aus ihrem Repertoire streichen! Sie können immer etwas tun, und es gibt immer Hoffnung! Auch dann, wenn keine Aussicht auf Heilung besteht.

Interview: Frank Ochmann / print

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