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Medizin: Die Heilkraft der Zuwendung

Die Schar ihrer zufriedenen Patienten wächst stetig. Mit fundierten wissenschaftlichen Nachweisen lässt sich der Erfolg alternativer Therapien nur selten begründen. Neuere Ergebnisse der Hirn- und Placeboforschung lösen das Rätsel. Rituale, intensive Kontakt und Vertrauen bergen ein großes Potenzial an Heilkraft.

Von Rüdiger Braun

Die Räume sind lichtdurchflutet und mit hellem Holzparkett ausgelegt. An den Wänden hängen Bilder von Künstlern aus der Region. Die Atmosphäre erinnert eher an ein Tagungshotel als an ein Krankenhaus. Der Blick aus den Patientenzimmern geht auf Felder, Wald und Wiesen. Vergebens sucht man Fernseher oder Radios. "Die Patienten sollen schließlich zur Ruhe kommen", erklärt Therapeutin Dagmar Brück. Fünf Ärzte und ein sechsköpfiges Team aus Physio- und Ordnungstherapeuten mit sport- und ernährungswissenschaftlicher Ausbildung kümmern sich um die 20 Patienten. Das ermöglicht eine Intensität der Betreuung, wie sie im Medizinbetrieb selten geworden ist.

Die Deutsche Klinik für Naturheilverfahren und Präventivmedizin im saarländischen Püttlingen ist eines der raren Beispiele für die Verknüpfung von Schul- und Alternativmedizin und für eine besonders intensive Pflege des Arzt-Patient-Verhältnisses. In diesem bundesweit einzigartigen Modellvorhaben, das vor drei Jahren entstanden ist, soll ein Therapiekonzept erprobt werden, das in den USA längst als "Integrative Medizin" Einzug in viele renommierte Universitätskliniken genommen hat. "Wir entscheiden uns nicht einseitig für die Schulmedizin, nicht für die Naturheilkunde und auch nicht für die Psychotherapie", erläutert der Internist und Klinikleiter, Michael Stimpel, "sondern wir versuchen, alle sinnvollen Maßnahmen aus diesen Bereichen in ein therapeutisches Gesamtkonzept einzubinden, das für den einzelnen Patienten maßgeschneidert wird."

Schulmedizin trifft auf Akkupunktur

Neben den klassischen schulmedizinischen Methoden behandeln die Püttlinger mit Kneippscher Kälte- und Wärmetherapie, Ernährungs- und Bewegungschulung sowie mit Entspannungstechniken. Auch Akupunktur, Neuraltherapie, Osteopathie und verschiedene Massagen kommen zur Anwendung. Spezialisiert ist das Haus vor allem auf die Behandlung lang anhaltender Schmerzzustände und chronischer Stoffwechselerkrankungen wie Diabetes oder krankhaftes Übergewicht - betreut werden Privat- und Kassenpatienten.

Während des zwei- bis dreiwöchigen Aufenthalts wird täglich der Behandlungsfortschritt mit den Patienten besprochen und anschließend im Ärzte- und Therapeutenteam diskutiert. "Wir wollen Hilfe zur Selbsthilfe zu leisten", sagt Chefarzt Michael Stimpel. "Deswegen versuchen wir, den Patienten Fähigkeiten zu vermitteln, mit denen sie selbst ihre Selbstheilungskräfte aktivieren können." Um herauszufinden, was den Kranken wirklich helfe, seien viel Zuwendung und viele klärende Gespräche nötig. Das Konzept scheint aufzugehen: Stolz verweist Stimpel auf die aktuellen Zahlen einer Studie mit 100 Patienten: Noch 12 bis 24 Monate nach der Therapie waren die Beschwerden bei rund 50 Prozent deutlich gelindert.

Zuwendung, Gespräche, Zeit - mit diesen therapeutischen "Inhaltsstoffen" sind Michael Stimpel und sein Team Pioniere in einem erkalteten Medizinbetrieb. Nach einer Erhebung des Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) beträgt der durchschnittliche Kontakt zwischen Arzt und Patient nicht einmal mehr acht Minuten. "Vertrauen und Zuwendung werden im modernen Gesundheitswesen viel zu wenig beachtet und genutzt", sagt Paul Enck von der Abteilung Psychosomatische Medizin und Psychotherapie des Universitätsklinikums Tübingen. "Dabei sind sie das größte Kapital der Medizin."

Placeboeffekt wird wieder ernster genommen

Damit rückt Enck eine Kraft in den Mittelpunkt der medizinischen Diskussion, die die meisten Schulmediziner bislang nur als Störgröße bei Behandlungen und Arzneimitteltests wahrgenommen haben und entsprechend gering schätzen: den Placeboeffekt. Forscher haben in den vergangenen Jahren wichtige Erkenntnisse über den Zusammenhang zwischen Körper und Seele und die daraus erwachsende Kraft der Selbstheilung gewonnen. Zahlreiche seriöse Studien belegen zudem die heilsame Wirkung von menschlicher Beziehung und Vorstellungskraft: Kranke mit positiven Erwartungen und Vertrauen in die Behandlung haben eindeutig bessere Heilungschancen. Fachleute schätzen, dass dieser Effekt bei einem Großteil der Erkrankungen etwa 30 bis 40 Prozent zum Nutzen medizinischer Maßnahmen beitragen können, egal, ob Schul- oder Alternativmedizin zur Anwendung kommt.

Vor allem die Ergebnisse der neueren Hirnforschung haben das wissenschaftliche Interesse an diesem Thema weltweit entfacht. Gemeinsam mit seinem Kollegen Manfred Schedlowski vom Universitätsklinikum Essen organisierte der Psychosomatiker Paul Enck im November das hochkarätigste Fachtreffen, das es bislang zu diesem Thema gegeben hat. Placeboforscher aus aller Welt trafen sich im Schloss der Evangelischen Akademie Tutzing am Starnberger See, um sich über ihre Erkenntnisse auszutauschen. Sogar die amerikanische Gesundheitsbehörde (NIH) bat darum, einen Beobachter entsenden zu dürfen

"Wenn wir den Placeboeffekt untersuchen, dann betrachten wir eigentlich den psychosozialen Kontext, in dem eine Behandlung stattfindet", sagt Fabrizio Benedetti, Neurophysiologe an der Universität von Turin und einer der Pioniere der Placeboforschung. Schon beruhigende Worte des Arztes könnten bei einem Schmerzpatienten den Hirnstoffwechsel derart positiv beeinflussen, dass sich das auf den ganzen Körper auswirkt. Benedettis Experimente belegen: Suggestion kann die Herzfrequenz verringern, sogenannte Endorphine - also körpereigene "Schmerzmittel" - freisetzen sowie die Ausschüttung von Hormonen und das Immunsystem aktivieren.

Arzt-Informationen können viel steuern

"Die Erwartung eines Patienten wird durch die Informationen beeinflusst, die ein Arzt gibt", erklärt die Medizinerin Karin Meißner vom Institut für Medizinische Psychologie der Universität München das erstaunliche Phänomen. In einer Untersuchung konnte sie zeigen, dass ein als Magenarznei getarntes Scheinmedikament genau die Wirkung hervorruft, über die der Arzt die Versuchsperson aufgeklärt hatte. "Mithilfe der Gedanken können wir gezielt auf die einzelnen Organe einwirken", ist die Forscherin überzeugt. Das gelte für die Bewegung der Magenwand ebenso wie für die Beweglichkeit des Schultergelenks bei einer rheumatischen Erkrankung oder die Durchblutung bestimmter Muskelpartien.

Auch mit der Akupunktur ist ein erheblicher Placeboeffekt verbunden, wie der Heidelberger Schmerzforscher Konrad Streitberger in Experimenten zeigen konnte. Um die Wirkung von Akupunktur zu testen, entwickelte er eine "Scheinnadel", die beim Stechen zwar leicht piekst, die aber anders als eine echte Nadel die Haut nicht durchdringt, sondern sich unmerklich wie ein Theaterdolch zusammenschiebt. Sie wird nur oberflächlich fixiert. Äußerlich ist für den Laien kein Unterschied erkennbar. Streitberger behandelte Patienten, die am so genannten "Rotatorenmanschettensyndrom", einer schmerzhaften Schulterverletzung, litten, mit richtigen wie mit Scheinnadeln und zeigte, dass die Scheinakupunktur beinahe an die echte Nadeltherapie heranreicht: Bei den mit echten Nadeln versorgten Patienten waren 72,2 Prozent mit dem Therapieerfolg sehr zufrieden, aber auch 64,7 Prozent der Placebogruppe.

Dass die fingierte Akupunktur zudem besser wirkt als die Behandlung mit Placebotabletten, belegten Mediziner von der Harvard Medical School in Boston in einer Studie. Der Grund dafür sei vor allem das eindrucksvolle Ritual während der Akupunkturbehandlung: der eingehende Kontakt zwischen Behandler und Patient, das sorgfältige Ertasten der Behandlungspunkte, die Intensität der Berührung.

Eine gute Behandlung ist immer auch "Show".

Eine gute Behandlung ist immer auch "Show". Das wissen Heilkundige seit Urzeiten und quer durch alle Kulturen. Schamanen aus dem Amazonasgebiet saugen symbolisch böse Geister aus dem Körper von Kranken und spucken diese laut prustend wieder aus. Mithilfe eines Zaubertricks ziehen philippinische Heiler scheinbar bluttriefendes Gewebe aus dem Körper von Kranken, ohne die Haut zu verletzen. Koreanische Schamaninnen, sogenannte Mudang, schaffen mit ekstatischem Tanz eine magische Atmosphäre. Moderne westliche Mediziner beeindrucken stattdessen durch weiße Kittel und allerhand technisches Gerät. Nicht selten kommt es vor, dass Schmerzpatienten zur Untersuchung in einen laut pochenden Kernspintomografen geschoben werden und anschließend über eine deutliche Besserung, wenn nicht sogar über das Verschwinden ihrer Beschwerden berichten. Umgebung, Utensilien, Geräte, Kleidung und Inszenierung sind wirkungsvolle Hilfsmittel, um Kranken die Zuversicht zu vermitteln, "da ist einer, der die Macht hat, mir zu helfen". Offenbar gilt: Je mehr Eindruck eine Behandlung macht, desto besser werden die Selbstheilungskräfte des Patienten aktiviert.

Eine Vielzahl wissenschaftlicher Studien belegt mittlerweile, dass Placeboeffekte zu einem großen Teil auf der Beziehung zwischen Arzt und Patienten beruhen. Die Qualität der Zuwendung ist dabei von zentraler Bedeutung. "Entscheidend ist die Situation und die Atmosphäre, die ein Therapeut durch die Art und Weise schafft, wie er mit seinem Patienten umgeht: Nimmt er sich Zeit? Geht er auf ihn ein? Wie gut erklärt er die Krankheit?", sagt Therapieforscher Jos Kleijnen von der britischen Universität York. Er veröffentlichte im Fachmagazin Lancet eine Reihe von Studien, die das Auftreten des Arztes genauer unter die Lupe nahmen. Ein Ergebnis war, dass Ärzte, die emotionales Einfühlungsvermögen zeigten und ihre Informationen verständlich vermitteln konnten, bessere Therapieerfolge hatten als eher unbeteiligte und verschlossen auftretende Kollegen.

Durch die moderne Placebo- und Hirnforschung erscheinen Akupunktur, Homöopathie und andere komplementäre komplementäre Heilverfahren plötzlich in einem neuen Licht: Selbst wenn einige dieser Methoden aus naturwissenschaftlicher Sicht fragwürdig sind, so können sie dennoch höchst wirkungsvolle Prozesse in Gang setzen, die durch die Macht von Hoffnung, Vertrauen und Vorstellungskraft einen kranken Organismus bei der Heilung unterstützen. "Viele Heilpraktiker und Alternativmediziner verstehen es einfach besser, diese Effekte zu nutzen", bekennt Franz Porzsolt, Leiter der Klinischen Ökonomik am Universitätsklinikum Ulm, "weil von ihnen eine wesentlich intensivere Gesprächskultur gepflegt und meist Körper, Geist und Seele als Einheit begriffen wird."

Mehr als 150 Millionen Menschen schwören auf Komplementärmedizin

Mehr als 150 Millionen Menschen in Europa schwören auf die Vielfalt der Naturheilverfahren und Komplementärmedizin. Die Patienten ziehe es in den vergangenen Jahren nicht deshalb zunehmend zur Alternativmedizin, weil sie die Methoden überzeugender finden, "sondern weil sie dort von den Behandlern mehr Zuwendung bekommen und sich besser verstanden fühlen". Der Gesundheitsexperte spricht sich deshalb für Zurückhaltung bei der Apparatemedizin aus: "Das gesparte Geld könnte einerseits für die Vergütung der ärztlichen Gespräche eingesetzt werden, andererseits für die Ausbildung der Mediziner, etwa im Kommunikationstraining."

Es gibt erste Anzeichen, dass sich etwas verändert: Schul- und Alternativmedizin bewegen sich gegenwärtig immer weiter aufeinander zu. Mitte Oktober kam es in Brüssel beim ersten "Europäischen Dialogforum für Pluralismus in der Medizin" zu einem ungewöhnlichen Schulterschluss. Rund 120 Schul- und Komplementärmediziner aus 15 Ländern diskutierten dort über die Zukunft des Gesundheitswesens. Einer der Initiatoren des Forums, der Präsident der Bundesärztekammer Jörg-Dietrich Hoppe, verlangte "mehr Teamwork" zwischen Schul- und Alternativmedizinern. Viele Krankheitsverläufe seien mit purer Naturwissenschaft nicht erklärbar, so Hoppe, umso wichtiger sei es, auch alle seriösen Therapieformen der alternativen und Komplementärmedizin zum Nutzen der Patienten einzusetzen.

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