Narkose Plötzliches Erwachen im OP


Immer wieder werden Patienten hilflos zu stummen Zeugen ihrer Operation, weil die Narkose nicht lange genug wirkt. Für die Psyche kann das schwere Folgen haben.
Von Torben Müller

Der Albtraum begann, als Bruntje Thielke aus dem Schlaf erwachte. Plötzlich hörte sie Menschen, die sie nicht sah. Sie fühlte ihren Körper, der ihren Befehlen nicht mehr gehorchte. Und sie spürte einen Schlauch im Hals, den sie nicht herauswürgen konnte. Minuten zuvor war die 32-jährige Hamburgerin vor einer Kieferhöhlenoperation in Vollnarkose versetzt worden.

Jetzt fand sie sich auf dem OP-Tisch wieder; bei vollem Bewusstsein, aber unfähig, irgendeinen Muskel zu bewegen. Hilflos musste sie verfolgen, wie die Ärzte den Eingriff an ihr, der scheinbar völlig betäubten Patientin, vorbereiteten. Kein Schrei war von ihr zu hören, kein Zucken zu sehen.

Noch heute, rund sieben Monate nach der Operation, befallen Thielke leichte Beklemmungen, wenn sie an diese Minuten zurückdenkt. "Es war furchtbar", sagt sie. "Ich wusste sofort, was los war." Zwar sah sie nicht, wo sie sich befand, weil sie ihre Augenlider nicht bewegen konnte. Doch sie fühlte den Schmerz, als die Ärzte immer wieder vergebens versuchten, den Beatmungstubus des Narkosegeräts in ihren Hals einzuführen. "Ich hatte das Gefühl, erstickt zu werden."

Die Wirkung hielt nicht lange an

Schon beim Einleiten der Betäubung hatte es Probleme gegeben: Weil die Anästhesistin für die Infusion keine geeignete Vene am Arm gefunden hatte, war sie auf eine andere am Handgelenk ausgewichen - und verschätzte sich möglicherweise in der Dosierung. "Ich bin sofort weg gewesen", sagt Thielke, doch die Wirkung hielt nicht lange an. Weil das Einführen des Schlauchs in die Luftröhre nicht schnell genug glückte und die Patientin dadurch nicht kontinuierlich mit Narkosemittel versorgt wurde, lüftete sich viel zu früh der Nebel um ihre Sinne.

"Ich hörte, wie die Anästhesistin sagte ,Was ist los, warum funktioniert das nicht?"", erzählt Thielke. Um sich bemerkbar zu machen, lenkte sie alle Konzentration auf einen Finger - vergebens. "Es war entsetzlich: Ich habe noch nicht mal gemerkt, ob ich überhaupt versuche, ihn zu bewegen." So musste sie zwei missglückte Anläufe, den Schlauch einzuführen, bewusst über sich ergehen lassen, bis schließlich die Erlösung kam: "Eine Schwester sagte ,Hier stimmt doch was nicht", und kurz darauf war ich wieder weg." Diesmal währte die Betäubung bis zum Ende der Operation.

"Erfahrungen wie diese hört man von Patienten immer wieder", sagt Eberhard Kochs, Direktor der Klinik für Anästhesie am Münchner Klinikum rechts der Isar. Intraoperative Wachepisode nennen Wissenschaftler das Phänomen, das von vielen Ärzten lange kaum beachtet wurde. Auch Patienten beschäftigte vor Vollnarkosen meist eine ganz andere Angst: nie wieder aus dem künstlichen Schlaf zu erwachen. War diese Furcht in Zeiten der Äther-Keule nicht ganz unberechtigt, ist das Risiko heute dank moderner Anästhetika nur noch sehr gering.

Genaue Zahlen gibt es nicht

Wie häufig Menschen in Deutschland zu unfreiwilligen Zeugen ihrer Operation werden, ist unbekannt. Statistiken darüber gibt es nicht. In einer Studie des schwedischen Arztes Rolf Sandin konnten sich knapp 0,2 Prozent der rund 12 000 Teilnehmer zumindest an Teile des vorangegangenen Eingriffs erinnern. Bei rund sechs Millionen Vollnarkosen pro Jahr in Deutschland hieße das: 12 000 Patienten wachen während einer Operation auf. Besonders leicht kann das bei so genannten flachen Narkosen passieren, wie Mediziner sie zum Beispiel einer Frau beim Kaiserschnitt geben, um das Kind nicht ebenfalls zu betäuben.

Ursache für die Wachepisoden ist nach Kochs' Ansicht meist die falsche Dosierung der Narkosemittel. Bei der Äthernarkose war das noch einfacher: Weil der Stoff erst das Bewusstsein und dann die Muskeln betäubt, konnten die Ärzte sicher sein, dass der Patient schlief, sobald er sich nicht mehr rührte. Heute werden einzelne Körperfunktionen wie Bewusstsein, Schmerzempfindung oder Bewegung über verschiedene Medikamente unabhängig voneinander ausgeschaltet (siehe Kasten auf Seite 60). Wenn deren Wirkung nicht gleichzeitig nachlässt, kann es passieren, dass der Patient wie Bruntje Thielke zwangsweise reglos daliegt, aber alles mitbekommt.

Oft kann nur ein Psychotherapeut helfen

"Das muss nicht in jedem Fall schlimm sein", sagt Kochs. "Solange die Patienten keine Schmerzen spüren, stört es sie meist nicht." Bei manchen Operationen kann der Wachzustand des Patienten sogar erforderlich sein, damit der Operateur zum Beispiel bei einem Eingriff am Gehirn gefährdete Bereiche sofort erkennen kann.

In anderen Fällen, besonders wenn die Wirkung des Schmerzmittels verfrüht nachlässt, können die Folgen dramatisch sein und weit über die Operation hinaus wirken. Kochs: "Das reicht von Beklemmungen und Albträumen bis zu länger andauernden Schlafstörungen, Angstzuständen und Depressionen."

Oft kann dann nur ein Psychotherapeut helfen, dieses so genannte posttraumatische Stresssymptom zu überwinden. Weil es keine speziellen Beratungsstellen gibt, rät Kochs Betroffenen, sich bei der Deutschen Gesellschaft für Anästhesiologie und Intensivmedizin nach Hilfsangeboten in der Nähe zu erkundigen. Wie gut solche Erfahrungen einer intraoperativen Wachepisode bewältigt werden, hängt auch von der Reaktion von Ärzten, Freunden und Familie ab. "Mir hat es geholfen, dass mir alle sofort geglaubt haben", sagt Thielke. "Die Narkoseärztin war selbst geschockt und ist am nächsten Tag extra noch einmal vorbeigekommen, um mit mir zu reden."

Tatsächlich kennen zwar viele Anästhesisten das Phänomen des verfrühten Erwachens. "Doch viele denken, das komme bei ihnen sowieso nicht vor", sagt Wolfgang Kox, langjähriger Leiter der Klinik der Anästhesiologie und Intensivtherapie an der Charité Berlin und Ärztlicher Direktor des Universitätsklinikums Münster. Auch er konnte sich noch als junger Assistenzarzt nicht vorstellen, dass so etwas passiert - bis ihm ein Patient nach dem Eingriff detailliert Vorgänge und Gespräche aus dem OP-Saal schilderte. "Seitdem habe ich die Operateure immer gebeten, während der Arbeit einen höflichen Ton anzuschlagen."

Störungen im Unterbewusstsein führen zu psychischen Schäden

Nicht immer wissen die Patienten, dass sie während der Operation aufgewacht sind - und können trotzdem unter den Folgen leiden. "In diesen Fällen führen Störungen im Unterbewusstsein zu psychischen Schäden", sagt Kox. Verantwortlich dafür sei das implizite Gedächtnis, das die Erlebnisse speichert, das aber nicht willentlich abgerufen werden kann. "Unter Hypnose lassen sich solche Erinnerungen oft wieder ans Tageslicht bringen", erklärt der Mediziner.

Wie aufnahmefähig viele Menschen während der Operation sind, zeigt das Experiment des Friedrichshafener Mediziners Dirk Schwender. Er las Patienten während des Eingriffs Passagen aus der Geschichte von Robinson Crusoe und dem Eingeborenen Freitag vor und befragte sie später, was ihnen zum Begriff Freitag einfalle. 20 Prozent nannten das Werk von Daniel Dafoe. Dagegen verbanden Patienten, denen nichts vorgelesen worden war, mit dem Wort lediglich "letzter Arbeitstag in der Woche", "Karfreitag" oder "Fisch essen".

Doch kann ein Narkosearzt überhaupt erkennen, ob ein scheinbar vollständig betäubter Patient bei Bewusstsein ist oder gar Schmerzen spürt? "Ja", sagt Kox, "Schwitzen und ein stark ansteigender Blutdruck können Anzeichen dafür sein." Auch Überwachungsmonitore, die die Hirnströme messen und bei auffälliger Aktivität Alarm schlagen, seien hilfreich - aber teuer.

Im Notfall Alarmklingel bedienen können

Kox empfiehlt deshalb für Operationen, die nicht länger als 30 Minuten dauern, eine weit weniger aufwendige Methode: die isolierte Unterarmtechnik. Dabei wird dem Patienten eine Blutdruckmanschette umgelegt und so weit aufgepumpt, dass die muskelentspannenden Mittel im Blut nicht bis in den Unterarm und die Hand gelangen. So kann der Patient im Notfall nach dem Aufwachen eine Alarmklingel bedienen, selbst wenn er seine restlichen Muskeln nicht bewegen kann.

Bruntje Thielke hätte dieses simple Verfahren zwar nicht vorm frühzeitigen Erwachen bewahrt, aber vermutlich einige schreckliche Minuten erspart. So jedoch geriet sie noch Tage später beim Gedanken an die Operation in Atemnot: Auch heute noch spüre ich sofort das Gefühl im Hals, wenn ich an diese Situation denke." Zum Glück verblasst die Erinnerung daran langsam. Geblieben ist die Unsicherheit. Thielke: "Ich würde jetzt nicht mehr ohne weiteres in eine Vollnarkose gehen. Das Vertrauen ist einfach nicht mehr da."

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