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Oben ohne: Ärzte und Menschlichkeit

Liegt es am hohen Numerus Clausus, dass für viele Ärzte nur noch das Fachliche zählt? Uta Melle vermisst immer häufiger die Menschlichkeit - Ärzte, die wirklich zuhören und ehrlich antworten.

Mein Mann sagt, er möchte kein Arzt sein und Onkologe schon gar nicht. Der Platz an der Schnittstelle zwischen medizinischer Wahrheit, psycholgischem Druck und erwartetem Wunder ist kein einfacher.

Wahr ist aber auch – Ärzte haben diesen Platz selbstbestimmt gewählt. Deshalb kann man da mehr erwarten als "die Fäden können Sie sich ja inzwischen selbst ziehen." Vielleicht war das sogar noch witzig gemeint, was mir zu dem Zeitpunkt allerdings kein Lachen entlocken konnte.

Als meine Mutter 1989 erkrankte, drehte sich der Professor zu meinem Vater und sagte: „und wenn Sie jetzt ihre Frau verlassen, trete ich ihnen in den Hintern!“. Heutzutage höre ich von Diagnosegeprächen, in denen sich der Arzt an den Ehemann wendet und fragt: “und – was machen wir jetzt mit dem Busen ihrer Frau?“. Charlotte Link hat gerade ein Buch über das 6-jähriges Sterben ihrer Schwester veröffentlicht, in dem sie das Thema anspricht: herzlose Ärzte, Pfleger und Krankenschwestern aber natürlich auch das Gegenteil.

Woher kommt diese Entwicklung? Liegt es daran, dass durch Einführung des Numerus Clausus nur noch die fachliche Seite zählt? Das junge Leute, die sich aus Menschlichkeit zum Arzt berufen fühlen es nicht schaffen, zum Studium zugelassen zu werden? Oder liegt es daran, dass die Ärzte teilweise so selbstherrlich geworden sind, dass sie meinen, sie hätten mit der Arztzulassung alles gelernt?

Wie kann es sein, dass es Ärzte gibt, die einem einen Brustaufbau vor oder während der Chemo ans Herz legen? Vielleicht weil sie die Verzweiflung der Frau im Diagnosegespräch aufhellen wollen? Wahrheiten müssen doch ausgesprochen werden und dazu gehört auch die Angabe von Wartezeiten, das Predigen von Geduld – der Körper muss erst gesunden. Danach kann man alles machen - aber es muss ausgesprochen werden, sonst kann der Patient mit der Verarbeitung nicht anfangen!

Fakt ist: man muß sich seine Ärzte sehr gut ansehen! Ich hatte z.B. einen großartigen Spezialisten, der – gelinde gesagt – nicht wirklich viel Menschlichkeit ausstrahlte. Allerdings – und das ist der Punkt – wusste er um dieses Manko und hatte aus diesem Grund eine tolle Assistenzärztin, die diesen Punkt wieder wett gemacht hat. Ein tolles Ärzteteam!!!!

Inzwischen erkenne ich gute Ärzte sehr schnell – man erkennt sie noch immer an ihren Fähigkeiten des Zuhörens, der Anpassungsfähigkeit, der Ruhe und vor allem daran, dass sie einem absolut die Wahrheit erzählen – mit allen Konsequenzen. Häufig sind es ältere, erfahrene oder aus Ärztefamilien stammende Menschen aber immer Ärzte, bei denen ich die Leidenschaft für den Beruf erkenne. Wenn man seine eigene Diagnose am Gesichtsausdruck des Arztes ablesen kann, ist Mitgefühl da. Anderen drehe ich den Rücken zu – denn es geht ja schließlich um mich!

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