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Prozac & Co.: Glückspillen

Eine Garantie zum Glücklichsein gibt es nicht. Doch der Mensch wäre kein Mensch, wenn er nicht gerne eine Garantie dafür hätte. Oder zumindest ein Rezept...

Eine Garantie zum Glücklichsein gibt es nicht. Doch der Mensch wäre kein Mensch, wenn er nicht gerne eine Garantie dafür hätte – oder zumindest ein Rezept. So betrachtet verwundert es nicht, dass Antidepressiva wie Prozac (Wirkstoff Fluoxetin, in Deutschland als Fluctin rezeptpflichtig erhältlich) als sogenannte „Glückspillen“ seit Jahren Konjunktur haben.

Wie stark das kollektive Verlangen nach Glück ist, lässt sich am immensen Erfolg des Antidepressivums Prozac ablesen. 1987 in den USA auf den Markt gekommen, wurde es aufgrund seiner geringen Nebenwirkungen als Wundermittel angepriesen. Seit der Einführung konsumierten es mehr als 20 Millionen Amerikaner, in der gesamten Welt sind es inzwischen etwa 40 Millionen Konsumenten. Mittlerweile in mehr als 100 Ländern verkauft: Prozac, ein Verkaufsschlager erster Güte.

Nicht jeder Konsument ist depressiv

Die Höhe der Zahlen kommt dadurch zustande, dass vorwiegend Allgemeinärzte schnell bei der Hand sind, Fluoxetin gegen Depression zu verschreiben, obwohl viele Patienten streng genommen gar nicht an einer echten Depression leiden. Gerade in den USA, wo das Mittel ohne Rezept erhältlich ist, schlucken viele Menschen Prozac, die sonst höchstwahrscheinlich nie ein Antidepressivum einnehmen würden. Schlecht drauf? Kein Problem: mal eben ein Prozac eingeworfen und schon ist man wieder guter Dinge. In der always-smile-I´m-doing-fine-Gesellschaft USA ist schlechte Laune offenbar nicht gesellschaftsfähig.

Diese Leichtfertigkeit wurde nicht zuletzt vom Hersteller El Lilly durch aggressives Marketing und intensive Werbung gezielt angeheizt. Immer wieder wurden die geringen Nebenwirkungen des Mittels betont, die zum Zeitpunkt der Einführung 1987 ein Novum in der Entwicklung der Antidepressiva darstellten. Grund genug für viele, bedenkenlos zur vermeintlichen „Glückspille“ zu greifen, um weiterhin gut durchs Leben zu kommen und gesellschaftlich zu funktionieren.

Stichwort Unauffälligkeit

Gesellschaftlich zu funktionieren ist das Stichwort: Während die Hippies in den sechziger und siebziger Jahren Drogen wie Haschisch und LSD nutzten, um ihr Bewusstsein zu erweitern und anders zu sein, steht heute vielmehr der Erfolg im Berufsleben im Vordergrund. Ziel ist es, gesellschaftlich perfekt zu funktionieren. Schlechte Laune und depressive Verstimmungen sind Gift für den Motor der perfekt geölten Leistungsgesellschaft.

Was “Otto Normalbürger“ mit Fluoxetin einnimmt ist harte Chemie. Fluoxetin bewirkt ein künstliches Hochgefühl, indem es gezielt in den Serotonin-Haushalt des Gehirns eingreift. Serotonin ist ein Botenstoff zwischen den Verbindungen (Synapsen) der Nervenzellen unseres Gehirns. Ihm kommen vielfältige Rollen zu, unter anderem hat es starken Einfluss auf unsere Stimmung. Landläufig wird es demnach als „Glückshormon“ bezeichnet. Bei Depression und Angstzuständen fanden Forscher unter anderem zu geringe Pegel an Serotonin im Gehirn. Gängige Antidepressiva entfalten ihre Wirkung durch eine künstliche Erhöhung des Serotonin-Pegels. Sie verzögern die Wiederaufnahme des Serotonins, nachdem es durch die Nervenzellen ausgeschüttet wurde. So kann es länger in den Verbindungsspalten zwischen den Synapsen verbleiben. Sind auch die Nebenwirkungen bei Fluoxetin im Vergleich zu anderen Antidepressiva geringer, ist jedoch eine Langzeiteinnahme nicht unbedenklich, denn auch hier besteht die Gefahr einer Abhängigkeit.

Den „Nerv der Zeit“ getroffen

Bekanntlich setzt sich die Pharmaindustrie zum Teil massiv für den Verkauf ihrer Präparate ein, doch der durchschlagende Erfolg von Prozac konnte nur entstehen, weil der „Nerv der Zeit“ getroffen wurde. Zeittypisch waren und sind heutzutage Leistungsdruck und Hektik. Stress, Erschöpfung und das Gefühl von Leere machen sich auch bei gesunden Menschen breit und beeinträchtigen deren Lebenslust. El Lilys Kampagnen verkündeten 1987, dass Prozac nahezu ohne Risiko die Stimmung hebt. Prompt setzte der große Run ein. Wie auch bei der Sexpille.

Prozac in aller Munde

In den neunziger Jahren war es zeitweise sogar hip, Prozac zu nehmen. Wurde Depression bis dahin immer unter den Teppich gekehrt, wurde es plötzlich salonfähig, Pillen gegen Seelentiefs zu nehmen. Diskussionen über das Für und Wider des Ganzen ließen nicht lange auf sich warten. Während nach wie vor viele Wissenschaftler und Ärzte vor den Risiken einer leichtfertigen Einnahme warnen, wird auf der anderen Seite auch heute noch die Enttabuisierung des Themas Depression durch den Erfolg von Prozac betont.

Pro und Contra

Tatsache ist, dass Prozac und andere Antidepressiva (wie beispielsweise Seroxat, Deroxat, Paroxetin, Aurorix und Moclobemid) oft leichtfertig und anstelle einer Psychotherapie verschrieben werden. Letztere wäre aber gerade bei den „leichteren“ Fällen angebrachter. Eine Psychotherapie hat aber den entscheidenden Nachteil, dass der Patient wesentlich mehr Zeit und Energie aufwenden muss. Wie viel bequemer ist es da, das Glücksgefühl quasi „auf Knopfdruck“ durch das einfache Einnehmen einer Pille hervorzurufen. Fluoxetin kann aber nur auf Symptomebene angreifen, die Ursachen der Depression bleiben unberührt. Eine gute Therapie hilft, Lösungen und Strategien zu finden, mit denen man insgesamt und langfristig zu einem glücklicheren Leben gelangen kann. Dieser Weg ist zwar unbequemer, aber auch lohnender. Kirsten Einemann

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