HOME

"Smartphone Blindness": Wer nachts aufs Smartphone schaut, kann kurzzeitig "erblinden"

Zwei Frauen haben nachts mit einem beunruhigenden Symptom zu kämpfen: Sie können auf einem Auge nicht mehr sehen. Ärzte glauben den Grund zu kennen.

Eine Frau liegt im Dunkeln im Bett und schaut auf ihr Smartphone.

Auch nachts ist das Smartphone schnell zur Hand

Sehstörungen sind ein weit verbreitetes Symptom und können ganz unterschiedliche Ursachen haben. Verschlechtert sich die Sehleistung innerhalb weniger Minuten oder verschwindet sie ganz, sind häufig kleine Blutgerinnsel schuld: Sie verstopfen die Netzhautarterien und trüben die Sicht.

Auch im Fall zweier britischer Frauen dachten Mediziner zunächst an eine körperliche Ursache: Die Frauen, 22 und 40 Jahre alt, kamen mit scheinbar unerklärlichen Symptomen in eine Londoner Augenklinik. Sie würden nachts auf einem Auge nichts mehr sehen können, berichteten sie. Beide Fälle ähnelten sich. So trat die Sehstörung plötzlich auf und verschwand nach einigen Minuten wieder.

Die Ärzte, die den Fall im "New England Journal of Medicine" schildern, untersuchten das Herz und die Gefäße der Frauen, um festzustellen, ob sie ein erhöhtes Risiko für Gerinnsel besaßen. Außerdem überprüften sie den Vitamin A-Spiegel im Blut. Ein Mangel kann zu der sogenannten Nachtblindheit führen und die Sehleistung mindern. Doch die Mediziner fanden nichts. Alle Werte lagen im Normbereich.

Ein Auge blickte auf den Bildschirm, das andere war vom Kopfkissen verdeckt

Erst eine Befragung der Patientinnen führte die Mediziner auf die richtige Fährte: "Die Symptome zeigten sich im Dunkeln, wenige Minuten nachdem sie auf ihr Smartphone gesehen hatten", schreibt das Team um Gordon Plant vom Moorfields Eye Hospital in London. Es stellte sich heraus, dass die Frauen die Angewohnheit hatten, seitlich im Bett zu liegen und mit einem Auge auf den hellen Bildschirm zu sehen. Das andere Auge wurde vom Kopfkissen verdeckt und befand sich im Dunkeln.

Die Mediziner vermuten, dass sich das sehende Auge an das Licht des Bildschirms gewöhnte, während das andere an die Dunkelheit angepasst war. Dieser Vorgang nennt sich Adaption. Legten die Frauen das Smartphone zur Seite, war das sehende Auge noch auf Licht getrimmt – und konnte im Dunkeln nichts erkennen.

Helmut Wilhelm, Augenarzt am Universitätsklinikum Tübingen, kennt aus der Praxis zwar keine vergleichbaren Fälle, hält die Erklärung der Mediziner aber für durchaus plausibel: "Adaptiert ein Auge auf Hell und das andere auf Dunkel, kann das den Eindruck erwecken, dass ein Auge fast blind ist." Dieser Zustand verschwinde nach einigen Minuten wieder, nämlich dann, wenn sich das auf Licht getrimmte Auge wieder an die Dunkelheit gewöhnt habe. Kurzzeitige Sehstörungen könnten aber auch einen anderen Hintergrund haben, erklärt der Experte. Sie seien etwa für Migräne typisch.

Harmloses Phänomen

Sollte es sich tatsächlich um ein Adaptionsproblem gehandelt haben, so sei dieses "ungefährlich und völlig normal", sagt Wilhelm, der auch Sprecher der Sektion Neuroophthalmologie in der Deutschen Ophthalmologischen Gesellschaft (DOG) ist. "Es verschwindet nach wenigen Minuten wieder und ist ein Zeichen dafür, dass die Augen offensichtlich gut funktionieren."

ikr
Themen in diesem Artikel

Wissenscommunity