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Stechmücken: Das Leid nach dem Stich

Immer mehr Menschen reagieren allergisch auf den Speichel von Stechmücken. Der Berliner Allergologe Marcus Maurer erklärt, wie gefährlich eine Mückengiftallergie ist und wie man sich vor den lästigen Blutsaugern schützen kann.

Saugende Mücke: "Viele Stoffe im Mückenspeichel können zu allergischen Reaktionen führen"

Saugende Mücke: "Viele Stoffe im Mückenspeichel können zu allergischen Reaktionen führen"

"Mückenterror! Es gab keinen Sommer, in dem es schlimmer war", hieß es kürzlich in den Boulevardzeitungen. Müssen wir uns in diesem Jahr ganz besonders vor Mückenstichen fürchten?

Tatsächlich reagieren heute mehr Menschen empfindlich auf Mückenstiche als früher. Doch ist dieses Phänomen nicht so neu. Wir beobachten es bereits seit fünf bis zehn Jahren. Vor allem sehen wir, dass manche Patienten seither mit monströsen Schwellungen zu uns in die Klinik kommen. Das kannten wir früher nicht.

Was bemerken die Patienten?

Bei jedem Menschen entzündet sich die Einstichstelle. Eine kleine Schwellung entsteht, vielleicht fingernagelgroß. Bei einer schweren Reaktion fällt die Entzündung viel stärker aus: Da schwillt nach einem Stich die ganze Hand an, wie man es von Wespenstichen kennt. Die Stelle schmerzt, wenn die Schwellung ausgeprägt ist. Und die Entzündung hält viel länger an.

Wie kommt es dazu?

Bei den meisten dieser Patienten läuft eine allergische Reaktion ab. Eiweiße aus dem Speichel der Mücke gelangen in die Haut. Die Abwehrzellen vor Ort laufen los, um dem Immunsystem die fremden Speichelstoffe zu melden. Das stuft die harmlosen Eiweiße fälschlicherweise als bedrohlich ein und sendet weitere Abwehrzellen aus, um sie zu bekämpfen. Eine unnötig starke Entzündungsreaktion entsteht.

Bei Bienen- und Wespenstichen kann es bei Allergikern zu lebensgefährlichen Reaktionen kommen. Auch bei Mückenstichen?

Wir sehen heute Patienten, bei denen allergische Symptome auch jenseits der Einstichstelle auftreten. Sie leiden an Durchfällen, klagen über Kopf- und Gelenkschmerzen, ihr Blutdruck fällt ab. Doch darf man das nicht dramatisieren. Wir wissen von keinem Fall, bei dem jemand zu Tode kam.

Kennt man die Speichelstoffe, auf die Patienten allergisch reagieren?

Viele Stoffe im Mückenspeichel können zu allergischen Reaktionen führen. Wie beim Apfel kennen wir auch hier bestimmte Eiweiße, deretwegen das Immunsystem der Allergiker häufig verrückt spielt. Wir können die körpereigenen Antikörper vom Typ IgE, die gegen diese Speichelstoffe gebildet werden, im Blut messen. Dann können wir den Betroffenen sagen, ob sie tatsächlich allergisch sind.

Welche Konsequenz hat das für die Therapie?

Leider noch keine! Bei der Behandlung gilt: kühlen, ruhig stellen. Wenn kein Wasser zum Kühlen da ist, kann Spucke helfen. Die Feuchtigkeit verdunstet und kühlt die Haut ab. Man sollte nicht an der Einstichstelle kratzen. Dann nämlich gelangen womöglich Bakterien in die Haut. Wer gegen die allergische Reaktion vorgehen will, sollte Histaminblocker einnehmen. Die kann man in der Apotheke kaufen. Sie hemmen die Freisetzung des Allergie auslösenden Botenstoffs.

Histaminblocker sind aber vermutlich nur bei heftigen Reaktionen zu empfehlen?

Nicht nur. Sie helfen auch, wenn jemand 15 Mückenstiche hat und nicht einschlafen kann. Eine halbe Stunde nach der Tabletteneinnahme ist Ruhe. Bei schweren Fällen empfehlen wir Histaminblocker sogar zur Prophylaxe.

Sollten Allergiker ein Notfallset dabeihaben?

Das wäre meist übertrieben. In Einzelfällen empfehlen wir das aber durchaus - zum Beispiel, wenn schon Durchfälle oder Gelenkschmerzen vorkamen.

Wie können sich Patienten sonst schützen?

Ich würde Mückensprays oder Lotionen für die Haut unbedingt empfehlen. Mückengitter an den Fenstern halten die Tiere fern. Auch wissen wir inzwischen, dass Mücken in der Dämmerung besonders hungrig, tagsüber dagegen ziemlich träge und nachts meist schon satt sind. Sie stechen gern Menschen mit dünner, gut durchbluteter Haut und werden von greller, bunter Kleidung angelockt. Duftstoffe spielen vermutlich auch eine Rolle.

Wir können uns also gegen Mücken wehren. Aber wäre es nicht sinnvoller, die Ursache der Allergie zu bekämpfen?

Wir arbeiten an einer Hyposensibilisierung, bei der sich das Immunsystem der Patienten wieder an den Mückenspeichel gewöhnt. Doch wird es noch Jahre dauern, bis die Therapie - wie bei Bienengiftallergikern - zur Verfügung steht. Wir laufen der Entwicklung hilflos hinterher.

Wie meinen Sie das?

Es nimmt nicht allein die Zahl der Allergien gegen Mückenstiche zu. Das ist ein allgemeiner Trend, der uns derzeit überrollt. Wenn sich nichts ändert, werden alle Menschen, die 2020 in Europa geboren werden, im Laufe ihres Lebens Allergiker sein. Es wird zur Ausnahme, nicht allergisch zu sein. Aber warum werden Menschen heute fast automatisch allergisch? Weshalb gelingt es uns nicht, unsere Kinder vor Allergien zu schützen? Darüber wissen wir noch viel zu wenig. Die Zunahme der Allergien ist ein Problem, das von allen Seiten auf uns zukommt, ob das die Pollen sind, die Nahrungsmittel oder eben die Mücken.

Interview: Astrid Viciano

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