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Therapie mit Egel und Maden: Halbgötter in Weich

Sie sind klein, weich, lieben stinkendes Fleisch oder Menschenblut. Keine Frage, Fliegenmaden und Blutegel sind eklig, und abstoßend ist die Vorstellung, sie in einer Wunde oder auf der Haut zu haben. Aber die kleinen Widerlinge helfen - erfolgreicher als Ärzte.

Fliegenmaden in Wunden - keine schöne Vorstellung. Doch die kleinen Ekelpakete sind wahre Mediziner, denn sie fressen nur totes Gewebe. Gesundes rühren sie nicht an. Ein Segen für Patienten, die an offenen Wunden leiden, die einfach nicht mehr heilen wollen. Für die Behandlung werden die Maden für drei bis vier Tage gezielt auf die Wunde gesetzt. Dabei sondern sie eine Flüssigkeit ab, die das tote Gewebe auflöst, was sie danach als Nahrung in sich aufsaugen. Mit einer Präzision, die kein Chirurg erreichen kann, befreien die Maden so schwärende Wunden.

Dr. Made und Dr. Egel haben ein Imageproblem

Ähnlich spektakulär ist der Heilerfolg von Hirudo Medicinalis, dem Blutegel. Sein Leibgericht ist nicht verfaultes Fleisch sondern Blut. Das macht die Weichtiere, die sich gerne in Tümpeln an Beine ansaugen, zu Spezialisten für Schmerzen und Entzündungen. Andreas Michalsen, Oberarzt am Klinikum Essen-Mitte, sorgte mit seiner Studie über Blutegelanwendungen bei Kniegelenks-Arthrose weltweit für Furore. "Die Patienten können wieder in ihr Auto einsteigen, können wieder laufen und Treppen steigen und all das nach nur einmaliger Egel-Anwendung", berichtet er.

Welche Wirkstoffe beim Biss des Blutegels tatsächlich frei werden und was diese genau bewirken, darüber sind sich die Mediziner allerdings noch nicht im Klaren. Bis zu 100 verschieden Substanzen konnten Forscher bisher nachweisen, von denen jedoch erst wenige weitgehend erforscht sind. Fest steht bisher nur, dass erst das komplexe Zusammenspiel vieler Wirkstoffe die besonderen Heilerfolge des Blutegels erklärt.

Trotz ihrer unbestrittenen Heilerfolge haben Dr. Made und Dr. Blutegel das Problem des Ekel-Image. Aber die Front bröckelt und Maden und Blutegel halten Einzug in deutsche Kliniken. Und nicht zuletzt seitdem die amerikanische Gesundheitsbehörde FDA Blutegel und Maden als erste lebende Arzneimittel anerkannt haben, raten immer mehr Ärzte zu den ungewöhnlichen Behandlungen.

Fähigkeiten sind altbekannt

Gegen den Ekelfaktor gehen Wissenschaftler an. Um ihn bei Patient und Pflegepersonal zu verkleinern, werden beispielsweise Maden nicht direkt auf die Wunde gesetzt, sondern nur in einem teebeutelartigen Stoffsäckchen, einem sogenannten "Biobag". Durch den grobförmigen Stoff hindurch leisten sie dann ihre heilende Wirkung, ohne dass der Patient sie genau zu Gesicht bekommt. Es werden auch nicht etwa irgendwelche Fliegenmaden aus einem Hundehaufen für die medizinische Anwendung benutzt, sondern - genau wie bei Blutegeln - eigens steril gezüchtete Tiere. Die kleinen Helfer verbleiben drei bis vier Tage in der Wunde. Dabei erreichen sie das 100fache ihrer Größe.

Eigentlich sind die medizinischen Fähigkeiten dieser beiden Wunderheiler altbekannt: Schon in der Antike wurden Blutegel eingesetzt. Experten vermuten, dass die ersten Egel in Indien um 1000 vor Christus zum ersten Mal medizinisch angewandt wurden. In Verruf geriet die Behandlung erst im 19. Jahrhundert, als viele Ärzte den Aderlass - eine Blutentnahme mit der Hilfe von Egeln - entdeckten und dafür zu brachialen Mitteln griffen. Eine regelrechte Blutegel-Manie ging durch Westeuropa: Bis zu hundert Blutegel auf einmal mussten die Patienten auf ihrem Körper ertragen. Diesen massiven Blutverlust überlebten viele der geschwächten Kranken nicht.

Die heilende Wirkung der Maden hingegen war bereits den Maya bekannt. In Europa wurde die heilende Wirkung durch einen Zufall wiederentdeckt. Im ersten Weltkrieg stellte der Chirurg William S. Baer überrascht fest, dass sich die Wunden zweier Soldaten, die voller Maden waren, in erstaunlich gutem Zustand befanden. Maden galten nun als eine Wunderwaffe, bis sie in den 30er Jahren von den Antibiotika verdrängt wurden. Doch in heutiger Zeit, wo es immer mehr Resistenzen gegen Antibiotika gibt, besinnt man sich der alten Waffe Made.

Denn der besondere Clou der Maden ist ihr Speichel: In ihm gibt es eine Substanz, die Bakterien abtötet. Welche das ist, weiß noch keiner. Aber für die Forscher ist das ein heißes Eisen, denn es könnte das Antibiotikum der Zukunft sein.

Jens Lubbadeh
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