Todkranke 13-Jährige Dürfte Hannah auch bei uns sterben?


Die 13-jährige Hannah Jones aus Hereford hat dafür gekämpft, dass sie sterben darf. Das Mädchen wird nun nicht zu einer Herztransplantation gezwungen. Hätte Hannah, wenn sie nicht in Großbritannien, sondern in Deutschland leben würde, dasselbe erreicht?
Von Nina Bublitz

Es ist eine Entscheidung, die schwer fassbar ist: Den sicheren, baldigen Tod zu wählen, statt der Chance, mit einem fremden Herzen weiterzuleben. Sie ist noch ein Teenager, gerade 13 Jahre alt. Ihre Eltern betonen, dass Hannah selbst entschieden hat. Und unterstützen den Wunsch ihrer Tochter. Alles, worauf sie noch hoffen können, ist ein letztes Weihnachtsfest mit der ganzen Familie. Die Ärzte geben Hannah noch ein, zwei Monate.

Dass Hannah selbst entscheidet, wollten die Ärzte nicht einfach hinnehmen. Die Klinik in Hereford drohte, das Oberste Gericht einzuschalten, damit den Eltern das Sorgerecht entzogen wird und die Ärzte dem Kind - gegen seinen Willen - ein Herz einpflanzen. Sie wollten alles medizinisch Mögliche tun, damit Hannah weiterlebt, egal wie.

Doch das Mädchen wollte nicht mehr. Als Hannah fünf Jahre alt war, diagnostizierten Ärzte bei ihr Leukämie. Wieder und wieder musste sie ins Krankenhaus, die Chemotherapie hinterließ ein Loch in ihrem Herzen. Sie hat sich gegen noch eine Operation, gegen noch mehr Zeit im Krankenhaus entschieden - und für ein paar Wochen zuhause bei ihrer Familie, ehe sie stirbt. Hannah schaffte es, einen Mitarbeiter der Kinderschutz-Behörde zu überzeugen. Und schließlich lenkte auch die Klinik ein: Sie scheine den Ernst ihres Zustands und ihrer Entscheidung verstanden zu haben, schrieb der Chef der Krankenhausverwaltung in einem Brief an die Eltern.

Auch Minderjährige können entscheiden

Dies wäre auch in Deutschland der entscheidende Punkt: Versteht das Kind die Tragweite seiner Entscheidung? Jeder Erwachsene, da ist das Gesetz klar, darf eine Behandlung ablehnen: "Alle medizinischen Maßnahmen setzen eine wirksame Einwilligung des Patienten voraus", steht in "Patientenrechte in Deutschland", einer Broschüre der Bundesministerien für Gesundheit und Justiz. Und genauer: "Der Patient hat das Recht, Art und Umfang der medizinischen Behandlung selbst zu bestimmen. Er kann entscheiden, ob er sich behandeln lassen will oder nicht. Der Patient kann eine medizinische Versorgung also auch dann ablehnen, wenn sie ärztlich geboten erscheint." Die "nötige Einsichtsfähigkeit" um einzuwilligen können auch Minderjährige haben, heißt es weiter. Es muss von Fall zu Fall geprüft werden, ob diese "Einsichtsfähigkeit" vorhanden ist, denn eine festgesetzte Altersgrenze existiert nicht. Die Entscheidung trifft ein Familienrichter.

Wahrscheinlich würde in einem Fall wie dem von Hannah ein Ethik-Gremium in der Klinik einberufen, erklärt Reinhard Berner, leitender Oberarzt der Kinderklinik in Freiburg. Es berät das ärztliche und pflegerische Behandlungsteam in ethisch schwierigen Situationen. "Die Entscheidungen sind nicht bindend, aber mir ist kein Fall bekannt, in dem man sich diesem Votum nicht gebeugt hat", sagt Berner.

Er kennt durchaus Fälle, in denen Ärzte die Therapie von todkranken Kindern beenden: "An solche Grenzen kommt man gerade in der Kinder-Onkologie immer wieder. Wir Ärzte können einem an Leukämie erkrankten Kind auch das vierte Mal Knochenmark transplantieren, wenn die Behandlung die drei Male davor nicht zum Erfolg geführt hat. Aber die Chancen sind in so einem Fall sehr gering und die Therapie extrem belastend. Entscheidet sich die Familie dann gegen die Behandlung, akzeptieren die Ärzte das."

Das Sorgerecht entziehen

Der Fall von Hannah, die ein Spenderherz ablehnt, stellt sich aus Berners Sicht etwas anders dar: "Das ist zwar ein großer Eingriff - aber das Mädchen hat eine realistische Chance weiterzuleben. Hunderte Menschen leben mit einem transplantierten Herzen. Es ist eine medizinische Option, die man dem Kind nicht vorenthalten darf." Daher muss man genau prüfen, wie das Mädchen zu seiner Entscheidung gekommen ist.

Die Ärzte in Hereford haben erwogen, den Eltern das Sorgerecht entziehen zu lassen. Auch in Deutschland ist das möglich. Die Gründe dafür sind jedoch in der Regel andere: "Das käme nur in Frage, wenn man unterstellen müsste, dass das Kind eigentlich behandelt werden möchte, nur die Eltern nicht wollen", sagt Berner. Die Klinik würde dann ein Familiengericht anrufen, um die Pflegschaft in medizinischen Sachfragen an eine dritte Person zu übertragen. "Das passiert zum Beispiel bei Zeugen Jehovas, wo man dezidiert für Entscheidungen, die Bluttransfusionen betreffen, eine Pflegschaft einsetzt und den Eltern dieses Recht entzieht."

Hannahs Entscheidung, die sie - von ihren Eltern unterstützt - getroffen hat, würde dagegen wohl auch in Deutschland akzeptiert werden. So schwer das auch sein mag.


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