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Leben mit HIV: Corinne bricht ihr Schweigen

Corinne ist seit ihrer Kindheit HIV-positiv. Lange musste sie ihre Infektion verheimlichen, aus Angst vor Ausgrenzung. Nun bricht die heute 20-Jährige ihr Schweigen - und will anderen Infizierten damit Mut machen.

Als Kind musste Corinne verschweigen, dass sie HIV-positiv ist - zu groß war die Angst vor Ausgrenzung. Jetzt sollen alle von ihrer Diagnose erfahren.

Als Kind musste Corinne verschweigen, dass sie HIV-positiv ist - zu groß war die Angst vor Ausgrenzung. Jetzt sollen alle von ihrer Diagnose erfahren.

Es sind Momentaufnahmen aus einer Kindheit: Corinne spielt im Schnee, tanzt durch ihr Zimmer, leichtfüßig, scheinbar unbeschwert. Dann wieder sieht man das kleine Mädchen in der Küche stehen: Sie hievt einen Korb auf den Tisch, der voller Medikamente ist. Sie hält Tabletten in ihrer Hand. Sie wirken viel zu groß für ihre zarten Finger. "Ich muss Tabletten nehmen, damit das Blut gesund bleibt", hört man das Mädchen im Off sagen. Corinne hat HIV - seit frühester Kindheit an.


Von klein auf darf Corinne (heute 20) mit niemandem über ihre HIV-Infektion sprechen. Zu groß ist die Angst vor sozialer...

Posted by ZDF heute on Dienstag, 1. Dezember 2015

Wahrscheinlich hat sich Corinne bereits bei ihrer Geburt angesteckt. Auch ihre Mutter trug das Virus in sich, unwissentlich. Erst Monate nach Corinnes Geburt erfährt die Mutter von ihrer Infektion, sie erkrankt an Depressionen, die Wohnung verwahrlost. Das kleine Mädchen wächst bei verschiedenen Pflegefamilien auf, bei der fünften, einer Familie aus dem Chiemgau, bleibt sie schließlich.

Corinne lebt fortan in einem 6000-Einwohner-Dorf. Hier kennt jeder jeden, man grüßt sich auf der Straße. Das Jugendamt rät den Pflegeeltern, die Krankheit geheim zu halten. Corinne würde sonst ausgegrenzt, heißt es. Also schweigen die Eltern, und auch das kleine Mädchen lernt, ihre Infektion zu verbergen. Ist sie bei Freunden zum Übernachten eingeladen, schluckt sie ihre Tabletten heimlich.

Die Regisseurin Maike Conway hat die Familie zehn Jahre lang mit der Kamera begleitet - herausgekommen ist die ZDF-Dokumentation "Niemand darf es wissen". Der Film begleitet das Mädchen vom Schulkindalter bis zum Abitur und handelt vom Großwerden mit HIV. Und auch davon, wie es sich anfühlt, niemandem von dieser Diagnose erzählen zu können.

Corinne will, dass jeder von ihrer HIV-Diagnose erfährt

Die Pflegeeltern trafen mit der Filmemacherin eine Vereinbarung: Sie darf Corinne filmen - doch sie selbst sollte entscheiden, sobald sie volljährig ist, ob der Film veröffentlicht wird. Corinne entschied sich dafür. Sie wollte sich nicht mehr länger verstecken müssen. Das Bekenntnis zu HIV ist für sie ein "Outing", so nennt sie es selbst. "Ich bin jetzt an den Punkt meines Lebens angekommen, vor dem ich mich all die Jahre gefürchtet habe", sagt die Abiturientin. Dabei sei die Angst, allein gelassen zu werden, viel schlimmer gewesen als die Furcht vor HIV.

Corinne, heute 20 Jahre alt, ist eine hübsche junge Frau. Ihr geht es gut. Da sie bereits seit frühester Kindheit behandelt wird, liegen die Viren in ihrem Blut unter der Nachweisgrenze. Die Therapie von HIV hat große Fortschritte gemacht. Mit modernen Medikamenten ist es Betroffenen möglich, ein nahezu normales Leben zu führen. Zum Ausbruch von Aids, den Endstadium der Krankheit, muss es nicht mehr kommen. 

Corinne ist sich heute sicher: Ihre Infektion ist nicht das eigentliche Drama. "Das Schlimme ist nur die Gesellschaft, die Angst vor dieser Krankheit hat." Mit dem Film will die 20-Jährige ein wenig dieser Furcht nehmen.

Die Dokumentation "Niemand darf es wissen" zeigt das ZDF am 7. Dezember um 0.25 Uhr.

ikr
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