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US-Podcast "Serial": Wenn ein echter Mordfall zur Unterhaltung wird

Millionen Fans hören in den USA den Podcast "Serial". Eine Journalistin rollt darin mehrere Folgen lang einen 15 Jahre alten Mordfall neu auf. Das ist wahnsinnig spannend - und sorgt für Diskussionen.

Von Sarah Stendel

Seit dem 3. Oktober berichtet Sarah Koenig jede Woche in ihrem Podcast "Serial" über den Mordfall um Adnan Syed und Hae Min Lee.

Seit dem 3. Oktober berichtet Sarah Koenig jede Woche in ihrem Podcast "Serial" über den Mordfall um Adnan Syed und Hae Min Lee.

Ist der 33-jährige Häftling Adan Syed ein Mörder oder ist er es nicht? Seit Wochen rätseln Millionen Menschen über diese Frage. Schuld daran ist die amerikanische Journalistin Sarah Koenig. In ihrem Podcast "Serial" rollt sie gerade einen 15 Jahre alten Mordfall an einer Schülerin wieder auf - und das so spannend und charmant, dass das Radio-Nischenformat innerhalb kürzester Zeit zum Massenphänomen wurde.

Dabei war die Geschichte eigentlich abgeschlossen: Die 17-jährige Hae Min Lee wurde im Winter 1999 in Baltimore erwürgt aufgefunden. Schnell wurde ihr Exfreund, eben jener Adnan Syed, verhaftet und von einer Jury vor Gericht für schuldig befunden. Doch Koenig, die für das preisgekrönte Radioformat "This American Life" arbeitet und früher Gerichtsreporterin bei der "Baltimore Sun" war, stößt bei ihren Recherchen auf Ungereimtheiten.

Schulfotos des Mordopfers Hae Min Lee, die am 13. Januar 1999 starb.

Schulfotos des Mordopfers Hae Min Lee, die am 13. Januar 1999 starb.

Jede Woche hören 1,5 Millionen Hobby-Detektive zu

Wieso wurden manche Zeugen vor Gericht nie gehört? Warum gab es keine ausreichende DNA-Analyse? Und wieso verstrickt sich der Hauptzeuge Jay in seinen Aussagen in Widersprüche? Er will dem damals 17-jährigen Adnan beim Beseitigen der Leiche geholfen habe. Adnan selbst hat für die Tatzeit kein Alibi vorzuweisen: Er könne sich nicht genau erinnern, es sei eben ein normaler Schultag gewesen.

Was geschah also am 13. Januar 1999 in Baltimore? Genauer gesagt, nach Schulschluss zwischen 14:15 Uhr und 14:45 Uhr? Sarah Koenig will es herausfinden und nimmt die Zuhörer mit auf ihr Recherche-Abenteuer. Sie wühlt sich durch Polizeidokumente und Gerichtsaufnahmen, spricht mit ehemaligen Klassenkameraden, Adnans Familienmitgliedern und damaligen Zeugen. Sie fährt zum Fundort der Leiche, lässt sich sogar technische Details erklären, die im Prozess eine Rolle spielten. Und sie telefoniert mit dem verurteilten Mörder, mehrfach.

Über 30 Stunden Gesprächsmaterial mit Adnan Syed hat Koenig vorliegen, sie lässt ihn im Podcast zu Wort kommen, konfrontiert ihn mit ihren Entdeckungen. "Ich bin mir einfach nicht sicher, ob er es war", sagt sie. Auch im Knast hat die Journalistin Adnan besucht. "Ich dachte: Kann jemand mit so großen braunen Augen wirklich seine Freundin erwürgt haben?", sagt sie in der ersten Folge und schiebt gleich hinterher. "Die Frage ist total bescheuert, ich weiß."

Eine fesselnde Erzählerin

Es ist dieser vertraute Erzählstil und das Offenlegen ihrer Zweifel und Leidenschaft für den Fall, die Sarah Koenig zu so einer fesselnden und sympathischen Erzählerin machen. "Ich fühle mich, als wäre ich Sarah Koenigs beste Freundin und wir wären beim FBI und müssten diesen Fall am Telefon lösen", beschreibt es eine Userin auf Twitter treffend.

Hinzu kommt, dass das Verbrechen alles hat, was eine spannende Geschichte ausmacht: Junge, beliebte Protagonisten, erste Liebe, Drogen, Ungereimtheiten und zwielichtige Nebendarsteller. 1,5 Millionen Mal wird eine Folge mittlerweile runtergeladen, wenn Koenig wöchentlich von ihren Recherchen berichtet. "Slate.com" führt einen eigenen Podcast zum Podcast, sämtliche US-Medien stürzen sich auf Koenig und in einem Reddit-Forum betätigen sich Tausende von Zuhörern als Hobby-Detektive. Fast schon zu akribisch: Sie versuchen Kontakt mit Jay oder der Familie des Mordopfers aufzunehmen, stochern auf eigene Faust in der Vergangenheit. Der Bruder des Opfers soll sich dort angeblich zu Wort gemeldet haben: "Für mich ist das das echte Leben und keine Folge CSI", ist zu lesen.

Der Hype hat Folgen

Kritiker werfen Sarah Koenig deshalb vor, auf Kosten einer Tragödie Unterhaltung zu liefern. Diese hat mit dem riesigen Erfolg nicht gerechnet, kündigte nun jedoch eine zweite Staffel an - es solle darin nicht zwingend wieder um ein Verbrechen gehen. In Interviews betont Koenig oft, dass auch sie nicht wisse, wie Adnan Syeds Fall enden wird und dass sie den Zuhörern in der Recherche nicht weit voraus sei.

Der Hype ist mittlerweile auch bis ins Hochsicherheitsgefängnis zu Adnan Syed durchgedrungen. Hörer senden ihm Protokolle des Podcasts zu, weil er selbst keinen Internetzugang hat. Sein Bruder und seine Mutter traten im amerikanischen TV auf. Und das renommierte "Innocence Project", eine Organisation die sich für unschuldig verurteile Gefängnisinsassen einsetzt, hat sich den Fall dank Koenig vorgenommen. Adnans Anwalt will die Aufmerksamkeit nun nutzen und Berufung einlegen. Es könnte Adnan Syeds letzte Chance auf ein Leben in Freiheit sein.