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Hamburger Schauspielhaus: Geschichte ist nie vorbei! "Trutz" ist Theater, wie es sein sollte

Vier Schauspieler zeigen, was Ideologien anrichten können. Am Hamburger Schauspielhaus hat Dusan David Parizek das Stück "Trutz" nach dem Roman von Christoph Hein inszeniert. Ein Theater-Triumph!


"Trutz"

"Trutz" ist Theater, wie es sein sollte

Denken Sie manchmal: "Ich gehe ja gern ins Theater, aber ich mag's nicht mehr, dass da dauernd schwarz gekleidete Leute auf der Bühne düsterte Gitarrenmusik machen, während Schauspieler kryptische Vorträge halten und sich mit roter Farbe beschmieren." Wenn Sie also kein Freund überambitionierter Dekonstruktion sind und sich mal wieder nach einem Theaterabend mit einer nachvollziehbaren Handlung, einer richtig guten Inszenierung und grandiosen Schauspielern sehnen, dann sollten Sie sich unbedingt "Trutz", inszeniert von Dusan David Parizek am Hamburger Schauspielhaus ansehen.

"Trutz" im Hamburger Schauspielhaus

Es ist das beste Stück, das ich in diesem Jahr in Hamburg gesehen habe. Parizek hat hier Christoph Heins fast 500 Seiten langen Roman "Trutz" für die Bühne bearbeitet und lässt lediglich vier Schauspieler die komplexe Handlung darstellen und mehrere Rollen verkörpern: Ernst Stötzner, Sarah Franke, Henning Hartmann und Markus John bewältigen diesen Marathon bravourös.

"Trutz" ist ein Stück über Geschichte und die unheilvolle Macht von Ideologien. Es erzählt, wie die deutsche Familie Trutz und die russische Familie Gejm ohne eigene Schuld zu Opfern werden: Rainer Trutz und seine Frau fliehen vor den Nazis in die junge Sowjetunion und befreunden sich dort mit dem Wissenschaftler und Gedächtnisforscher Waldemar Gejm und seiner Familie. Kinder werden geboren, Maykl und Rem. Sie werden Freunde fürs Leben. Beide lernen vom alten Gejm die Kunst der Mnemotechnik und entwickeln das perfekte Gedächtnis. Aber wer sich stets erinnert und somit aus der Vergangenheit lernt, hat es in Diktaturen schwer. Das müssen die beiden Freunde auf schmerzhafte Weise erfahren. Ihre Eltern fallen den systematischen Säuberungen Stalins zum Opfer und sterben in den Gulags oder in der Verbannung. Maykl und Rem überleben, aber die Macht hat in den folgenden Jahren immer wieder Probleme mit diesen beiden Männern, die nicht vergessen und sich nicht anpassen wollen. Denn was Wahrheit ist, bestimmen im Faschismus wie im Kommunismus die Herrschenden, und nur wer die Lüge lebt, überlebt.

Zerstörerische Kraft von Ideologien

Grandios wird in diesem Stück die zerstörerische Kraft von Ideologien aller Couleur kritisiert. Um die beiden tragischen Helden herum verändern sich Welten, aber sie dürfen darin nie sie selbst sein. Was gestern galt, ist morgen Verrat. Und schon die Erinnerung kann ein Frevel sein. "Glücklich ist, wer vergisst, was doch nicht zu ändern ist" singen die Schauspieler resigniert am Ende bevor das Licht verlöscht.

Mit beinahe lakonischer Sicherheit hat Dusan David Parizek diesen Stoff inszeniert. Atemlos folgt man der dramatischen Geschichte dieser verlorenen Seelen, darf aber zur Erholung immer wieder auch mal lachen. Die Absurdität ideologischer Realitätsverleugnung und speichelleckender Anpassung wird auch durch Slapstick und Sprachwitz versinnbildlicht, ohne dass das Ganze jemals in Klamauk abgleitet. Hut ab, vor soviel Regiekunst. Die vier Schauspieler sind herausragend, schlüpfen souverän in verschiedene Rollen und verarbeiten die gewaltige Textmenge mit beeindruckender Coolness und sichtbarer Spielfreude. Immer wieder gab es Zwischenapplaus.

Das Premierenpublikum war begeistert und applaudierte lange. Auch Parizek und sein Team wurden zur Recht bejubelt.

"Trutz" ist Theater, wie es sein sollte: ein toller Stoff, großartige Schauspieler und eine souveräne, abwechslungsreiche Inszenierung. Unbedingt hingehen! (Wieder am 6.12., 9.1. und 12.2.)

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