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"Das Geheimnis meines Turbans" Ein Leben als Junge: Wie eine junge Afghanin ihre Identität verbarg, um ihre Familie zu retten

Nadia Ghulam sitzt mit einem Buch in der Hand auf einer Parkbank
Die Afghanin Nadia Ghulam erzählt in "Das Geheimnis meines Turbans" ihre Lebensgeschichte
© Daniel Fouray / Picture Alliance
Wie weit ist ein Mensch bereit zu gehen, um seine Familie zu retten? Das Buch "Das Geheimnis meines Turbans" erzählt die wahre Geschichte der Afghanin Nadia Ghulam, die sich unter den Taliban als Junge verkleidete, um für ihre Familie zu sorgen.

"Doch an jenem ersten Tag war mein einziger Gedanke, den Turban richtig tragen zu lernen, damit er mir bloß nie runterfiel." Auch zum Schlafen sollte die gerade einmal elfjährige Nadia Ghulam ihren neuen stetigen Begleiter, ihr Schutzschild vor einer unaussprechlichen Wahrheit und das Symbol ihrer neuen Identität niemals absetzen: Denn die junge Afghanin sollte nach diesem "ersten Tag" kein Mädchen mehr sein. Sie übernahm den Namen ihres getöteten Bruders und verwandelte sich in Zelmai, einen afghanischen Jungen, der unter der Talibanherrschaft der 90er Jahre versuchte, seine Familie am Leben zu halten. 

In ihrem Buch "Das Geheimnis meines Turbans" erzählt die heute erwachsene und in Spanien lebende Nadia die wahre Geschichte ihres Lebens und ihrer Jugend als Junge im Krisengebiet Afghanistan. Als Kind von einer Bombe, die ihr Elternhaus zerstörte, schwer verletzt und durch Brandnarben im Gesicht entstellt, musste Nadia bereits früh weitere Schicksalsschläge verkraften: Ihr geliebter Bruder wurde getötet, ihr Vater vor Kummer verrückt. Damit fehlte der Familie ein männlicher Ernährer, da Frauen in Afghanistan praktisch keine Rechte hatten und nicht arbeiten gehen durften. 

Cover
"Das Geheimnis meines Turbans", cbt, Taschenbuch, 352 Seiten. 10 Euro.
© cbt / Hersteller

Ein Wendepunkt im Leben des Mädchens, das eigentlich noch ein Kind war: In dem Moment, in dem Nadia den Turban auf ihr verbranntes Haupt setzte, begann für sie ein ganz neues Leben. Verkleidet als Junge bewegte sie sich fortan zwischen der Angst, entdeckt und verraten zu werden und den Freiheiten, die einem jungen Mann in der afghanischen Gesellschaft zustanden. Mit Einsetzen der Pubertät kamen dabei noch weitere Probleme hinzu: Nadia musste ihre immer deutlicher sichtbare Weiblichkeit verbergen. Unter mehreren Schichten Kleidung, die sie auch beim Verrichten der härtesten Arbeiten niemals abzulegen wagte, und mit einer Handvoll Staub und Dreck im Gesicht, um einen vermeintlichen Bartflaum anzudeuten, hielt sie die Illusion von Zelmai aufrecht.

Doch was sollte sie tun, als sie sich zum ersten Mal verliebte – in einen Jungen, der auch sie für einen solchen hielt? Und wie sollte sie sich entscheiden, als die Taliban nach vielen Jahren an der Macht durch eine internationale Intervention verdrängt wurden und auch Mädchen wieder zur Schule gehen durften? Schließlich hatte sie sich nach einer langen Zeit der Täuschung ein Leben als Zelmai aufgebaut, Freundschaften geschlossen und ihrer Familie beim Überleben geholfen. Konnte und vor allem wollte Zelmai den Turban einfach abnehmen und wieder Nadia werden? 

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Eindringliche Einblicke in eine andere Welt

"Das Geheimnis meines Turbans" erzählt in einfacher Sprache von der höchst komplexen und allumfassenden Illusion, die Nadia sich in ihrer Jugend aufgebaut hatte. Die Leserschaft taucht dabei ein in ein Land und seine Gesellschaft, die man normalerweise nur aus kurzen Krisennachrichten aus dem Fernsehen kennt. Das Leid und das Leben der Menschen, das immer so weit von der eigenen Lebensrealität entfernt zu sein schien, wird eindringlich vermittelt und bietet einen wichtigen, faszinierenden und gleichzeitig lehrreichen Einblick in eine scheinbar vollkommen andere Welt.

Dabei erscheint es beim Lesen beinahe unmöglich, dass die Menschen wahrhaftig unter den beschriebenen Bedingungen leben, in Momenten sogar auch lachen und ihre Heimat so sehr lieben konnten, dass eine Flucht niemals ernsthaft in Betracht gezogen wurde. Mit Staunen begleitet man außerdem Nadia auf ihrem Weg in eine Welt, die nur Männern in Afghanistan offenstand, und muss sich stellenweise selbst daran erinnern, dass "Das Geheimnis meines Turbans" kein frei erfundener Roman, sondern die Geschichte des Lebens einer echten, unglaublich mutigen Frau aus Fleisch und Blut ist. Nadia Ghulams Geschichte schildert ein bemerkenswertes, furchtloses und selbstloses Leben voller Stärke und dem unbedingten Willen, die gesellschaftlich vorgeschriebenen Grenzen des weiblichen Geschlechts unter keinen Umständen zu akzeptieren.

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