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"Ein gewöhnlicher Mensch": Worte als letzte Hoffnung

Während eines der schlimmsten Völkermorde Afrikas rettete Paul Rusesabagina 1268 Menschen. Nun hat der ehemalige Hoteldirektor seine faszinierende Geschichte über den Genozid in Ruanda veröffentlicht.

Von Svenja Schierer

Fast unbemerkt von der westlichen Welt fand 1994 in Ruanda in Ostafrika ein schrecklicher Völkermord statt. Der seit langer Zeit schwelende Konflikt der beiden Bevölkerungsgruppen, der Hutu und der Tutsi, brach auf. Innerhalb von nur 100 Tagen wurden mindestens 800.000 Tutsi und gemäßigte Hutu ermordet. Die internationale Staatengemeinschaft griff nicht ein, um dem Morden ein Ende zu setzen. Während die westliche Welt die Augen vor dem Genozid verschloss, öffnete ein Mann seine Arme und gab den Menschen einen Platz, an dem ihre Hoffnungen überleben konnten.

Der Held, der keiner sein will

Paul Rusesabagina war dieser Mann, der über 1200 Menschen vor dem sicheren Tod bewahrte. Er ist ein Hutu und gehörte somit zu dem glücklichen Teil der Bevölkerung, der nicht gejagt wurde. Rusesabagina war Direktor des Hotels "Diplomates" in der Hauptstadt Kigali, als das Morden Anfang April 1994 ausbrach. In seiner Biografie "Ein gewöhnlicher Mensch - Die wahre Geschichte hinter 'Hotel Ruanda'" hat er seine ganz persönlichen Erlebnisse während des Völkermords niedergeschrieben. Der gleichnamige Film "Hotel Ruanda", der Rusesabaginas Geschichte erzählt, war weltweit ein großer Erfolg und auch dieses Buch kann es werden. Mit einer Selbstverständlichkeit und Ruhe erzählt der Autor den Lesern aus den 100 schlimmsten Tagen seines Lebens.

Während des Lesens muss man sich immer wieder vergegenwärtigen, dass dieses Buch ein Tatsachenbericht ist und all diese Grausamkeiten tatsächlich passiert sind. Rusesabagina verschont den Leser nicht mit Details des grauenhaften Mordens. "Männer töteten ihre Tutsi-Frauen im Schlaf und ungeborene Babys wurden aus den Bäuchen ihrer Mütter herausgeschnitten." Der Autor beschreibt die fürchterlichen Geschehnisse sehr bildlich, gleichzeitig schafft er es jedoch, die menschliche Ebene in den Vordergrund zu stellen. Es ist kein Horror-Buch, das einem Alpträume bereitet, sondern ein Buch, das zum Nachdenken anregt.

Die Oase des Friedens

Der Autor wohnte 1994 mit seiner Tutsi-Frau Tatiana und ihren Kindern in einer sehr freundlichen Nachbarschaft, wo Hutus und Tutsi friedlich zusammen lebten und die Kinder miteinander spielten. Zumindest bis zu dem Morgen als er seinen Nachbarn mit einer Machete vor dem Haus stehen sah. Am 6. April 1994 wurde die Maschine des amtierenden Präsidenten abgeschossen. Kurz danach begann das Morden. Ein Radiosender rief zur Hetzjagd auf die Tutsi auf. Plötzlich gingen Leute aufeinander los, die vor einer Woche noch Feste zusammengefeiert hatten. In ihrer Furcht strömten Freunde und Bekannte der Familie Rusesabagina in ihr Haus, um Schutz zu finden. Die verzweifelten Menschen hatten Vertrauen zu dem Hoteldirektor, dessen Waffe nicht eine tödliche Machete, sondern Worte waren. Er glaubte an die Kraft seiner Worte. Nachdem Rusesabagina seine Familie und seine Freunde, die bei ihm Unterschlupf gesucht hatten, sicher ins Hotel "Mille Collines" gebracht hatte, wurden seine Worte zur letzten Hoffnung der verzweifelten Flüchtlinge. In seinem schwarzen Ringbuch hatte er die Telefonnummern einflussreicher Leute aufgeschrieben. Er telefonierte sie immer und immer wieder ab, um für Schutz für sein Hotel zu bitten. Vor den Toren des Hotels war der Völkermord in vollem Gange. Am Straßenrand stapelten sich bereits die Leichenberge. Das Hotel "Mille Collines", in das er geflüchtet war, wurde zur Oase des Friedens. So beherbergte das Hotel bereits nach kurzer Zeit über 1200 verängstigte Menschen.

UN ließ Ruanda im Stich

Die UN-Truppen, die vor dem Genozid bereits im Land weilten, wurden plötzlich abgezogen, anstatt dem Volk zu helfen. Durch das ganze Buch ziehen sich die Vorwürfe, die Rusesabagina den westlichen Regierungen macht. Sie haben nicht gehandelt und die ruandische Bevölkerung somit im Stich gelassen. Zwischen den Zeilen schwingt die Fassungslosigkeit und Enttäuschung des Autors über diese Tatsache mit. Er fragt sich, wie sich "Vertreter der damaligen Regierung heute mit ihren Familienangehörigen zu Tisch setzen, mit gesundem Appetit essen oder nachts gut schlafen können, wo sie doch wissen, dass sie nichts unternommen haben." Allein gelassen stellte er sich couragiert zwischen die Flüchtlinge und die potenziellen Mörder. Er bestach die Drahtzieher des Völkermords mit teuren Weinen und Zigarren, nur damit sie das Hotel und die Menschen im Hotel in Frieden ließen. Der Autor beschreibt die Situation im Hotel so gut, dass man die Flüchtlinge und das Elend vor sich sehen kann. Die Menschen stapelten sich förmlich in den Zimmern und Gängen. Sie hockten in der Dunkelheit und auch das Wasser wurde bald abgestellt.

Hilferufe in die Welt

Rusesabagina schickte Faxe in die ganze Welt und bat um Hilfe. Aus den USA bekam er nie eine Antwort. Die westliche Welt lehnte es ab ein Spezialflugzeug einzusetzen, das die Sendefrequenz des Hetz-Radios gestört hätte, weil es zu teuer war. Es hätte nur läppische 500 Euro pro Stunde gekostet.

Nach 76 langen Tagen wurden alle Flüchtlinge evakuiert. Das Hotel blieb wohl der einzige Ort in Kigali an dem niemand getötet wurde. Rusesabagina hatte es also tatsächlich geschafft über 1200 Menschen zu beschützen. Er wollte jedoch nie als Held gelten, sondern nur als "gewöhnlicher Mensch".

Neues Leben in Belgien

Zwei Jahre nach dem Ende des Völkermords verließ Rusesabagina mit seiner Familie Ruanda, da sein Leben dort nicht mehr sicher war. Er zog mit seiner Familie und seinen zwei Nichten, die ihre Eltern 1994 verloren hatten, nach Belgien. Er baute sich ein Taxiunternehmen auf und engagiert sich in einer Stiftung für die Hinterbliebenen des Völkermords.

Mit einem wunderbaren Mix aus kühler Sachlichkeit und starker Emotionalität, beschreibt Rusesabagina seine Sicht auf die schlimmen Geschehnisse. Während des Lesens entwickelt man eine Wut auf diejenigen, die nicht eingriffen und man fragt sich, genau wie sich auch der Autor fragt: "Warum Ruanda, warum?"