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»REICH-RANICKI LIVE«: Literaturpapst vergeigt sein Solo

Marcel Reich-Ranicki startete mit einer schwachen Sendung in seine Solokarriere. Unter anderem dozierte er über den schwankenden Börsenkurs »großer« Künstler.

Was ist ein Musketier ohne seine Kumpanen wert? Marcel Reich-Ranicki, jahrelang Leitwolf des »Literarischen Quartetts«, versuchte sich in seiner neuen ZDF-Sendung »Solo« im halbstündigen einsamen Monolog über kulturelle Themen. Da saß der 81-jährige »Literaturpapst« im Mainzer Studio vor Publikum an seinem Schreibtisch, fuchtelte mit den Händen, erhob wie eh und je den Zeigefinger, kratzte sich am Kopf, rollte so unnachahmlich das R und sprach so schnell, dass er sich immer wieder mal verhaspelte.

»Trivialisierung des Ganzen«

Ein besonders spannendes Thema - die neue Grass-Novelle »Im Krebsgang« - schien Voraussetzung für eine unterhaltsame, informative Sendung zu bieten. Schließlich hatte 1995 Reich-Ranicki den Grass-Roman »Ein weites Feld« total verrissen, eine verbale Schlammschlacht folgte. Zum Abschied des »Literarischen Quartett« im vergangenen Dezember hatte Grass noch erklärt: »Ich guck mir das schon ewig nicht mehr an... Literatur verlangt nach Differenzierung. Was ich erlebt habe, war eine Trivialisierung des Ganzen.«

Lob für den neuen Grass

Bei der neuen Sendung, die Grass sich aber doch wieder anschauen wollte, durfte sich der 1999 mit dem Literatur-Nobelpreis geadelte Schriftsteller zumindest über huldigendes Kritikerlob freuen. Reich-Ranicki pries die »ergreifende, erschütternde« Novelle. Sie gehöre zum Besten, was Grass geschrieben habe und zum Besten der deutschsprachigen Literatur der letzten Jahre.

Doch nähere Differenzierungen zum Inhalt, zum stilistischen Aufbau des Werkes, zur Sprachkraft fehlten nicht nur bei Grass. Auch den neuen Roman des von Reich-Ranicki hoch geschätzten amerikanischen Schriftstellers Philip Roth stellte der 81-Jährige recht knapp vor, um dann auch noch den entscheidenden Clou zum Schluss des Romans zu verraten.

Peinliche Verwechslung

Außerdem verwechselte der Kritiker im Eifer des Monologs zwei Protagonisten der Handlung: Die Romanfigur Prof. Coleman Silk bezeichnete er als »einen Mann, der zum Killer ausgebildet wurde und seinen Platz nicht mehr findet«, eine Kennzeichnung, die aber im Roman auf den Ex-Mann von Prof. Silks Freundin, einen Vietnam- Heimkehrer, zutrifft.

Kritikerpapst faselt über Aktienkurse

Begeisterung pur zollte Reich-Ranicki schließlich auch dem im März erscheinenden Band des 1977 gestorbenen Dramatikers Carl Zuckmayer mit Charakterporträts deutscher Kulturschaffender, verfasst im Zweiten Weltkrieg für den amerikanischen Spionagedienst. Der kulturelle Monolog im Parforceritt umfasste zudem Anmerkungen über die wechselnde Wertschätzung von Komponisten und Schriftstellern wie Beethoven, Franz Schubert, Shakespeare oder Thomas Mann.

Zeit zur Selbststilisierung blieb bei dem Solo, das nach Senderangaben von 1,17 Millionen (Marktanteil 4,9 Prozent) verfolgt wurde, auch noch. Zum Beginn der Sendung würdigte Reich-Ranicki den Kritiker Alfred Kerr (1867-1948) als den geistreichsten und sprachgewaltigsten Vertreter seiner Zunft im 20. Jahrhundert, der nur ein Ja oder Nein, aber kein lauwarmes Jein gekannt habe.

Es fehlt die Spannung

Von Kerr habe er viel gelernt, sagte Reich-Ranicki und fügte hinzu: »Ein Kritiker, der nicht gehasst wird, ist kein guter Kritiker.« Vielleicht kam manchem, der sich an Sternstunden des oft auch kontroversen »Literarischen Quartetts« erinnerte, eher in den Sinn: Ein Reich-Ranicki, dem nicht widersprochen wird, kann sich nicht entfalten.

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