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"Tempo"-Jubiläumsausgabe: Hach, war das schön!

Zehn Jahre nach seinem letzten Erscheinen feiert das Lifestyle-Magazin "Tempo" sich selbst - mit einer Jubiläumsausgabe. Vor allem Männer sind darin vertreten - die sich selbst auf die Schulter klopfen.

Von Andrea Ritter

Ich. Ein ganz wichtiges Wort bei Tempo, von Anfang an. Ein Signal und ein Versprechen: "Ich" - das klang nach amerikanischem Autoren-Journalismus à la Hunter S. Thompson, nach weiter Welt also, nach Abgrenzung und Andersmachen.

"Frech, lässig und provokant" soll auch die 334 Seiten dicke Jubiläumsausgabe von "Tempo" sein, die jetzt, 20 Jahre nach dem ersten und zehn Jahre nach dem letzten Heft, für 4,50 Euro am Kiosk liegt. "Was für ein Anachronismus, was für ein herrlicher, unerfüllbarer Größenwahn", frohlockt Chefredakteur Markus Peichl im Editorial. Noch so eine Sache, die bei Tempo von Anfang an ganz wichtig war: Die Selbst-Darstellung als junger wilder Außenseiter, das Ja zu Arroganz und Selbstherrlichkeit, ein ironisierter Tabubruch. "Endlich! Die Wahrheit!" lautet dementsprechend die Titelzeile zum Jubiläum.

Post von der "Deutschen Nationalakademie"

Die Wahrheit kommt in 33 Geschichten, von der zumindest die erste schon für einen kleinen Aufreger sorgte: 100 Prominente bekamen einen Brief von der fiktiven "Deutschen Nationalakademie", die ihnen die Auszeichnung des Ehrendoktors anbot. Der Clou: Das Anschreiben soll mit Zitaten aus Hitlers "Mein Kampf" und dem NPD-Programm gespickt gewesen sein - trotzdem hätten einige der Angeschriebenen die Ehrung angenommen. Die übrigen Geschichten sind wie Gespräche auf einer Party: anregend und überraschend, wenn man Glück hat, überdreht und schon oft gehört, wenn man Pech hat, aber das macht nichts, man kann ja einfach weiter gehen.

"Tempo" damals - das war ein Stück 80er-Jahre-Lebensgefühl, so wie Popperlocken und Cartierzigaretten, Lederschlipse und V-Ausschnitte. Ein Epoche also, in der vor allem Jungs ihr modisches Erweckungserlebnis feiern durften, Bryan Ferry huldigten und mit hedonistischem Egoismus die Provokation erprobten. Vielleicht liegt es daran, dass auch die neue Jubiläumsausgabe des so genannten Zeitgeistmagazins ziemlich nach parfümiertem Herrenklo riecht: Von Ulf Poschardt über Maxim Biller, Marc Fischer, Benjamin von Stuckrad-Barre bis zu Frank Schirrmacher und Matthias Matussek klopfen sich vor allem Männer ordentlich auf die Schulter, freuen sich, dass sie noch mal alle zusammen am Tresen stehen und irgendwie immer noch ganz schön wilde Säue sind. Das ist bisweilen so bizarr, dass es schon fast rührend wirkt - aber doch ein lohnender Spaß.

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