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Hollywood: Der Niedergang des Johnny D.

Er war Jack Sparrow in "Fluch der Karibik", bewundert von Frauen, beneidet von Männern. Heute ist Johnny Depp eine Karikatur seiner selbst.

Johnny Depp

Johnny Depp Ende Mai bei einem Konzert seiner Band Hollywood Vampires

Ein Gefängnis also in Dänemark. Auf dem Weg dorthin hat man eine Wohnsiedlung passiert, Bungalows mit spitzen Dächern, Vorgärten in geometrischen Flächen, braungebrannte Dänen, die zum Gruß die Harke heben. Dahinter erhebt sich der sandfarbene Kerker über der Kulisse. Faengslet, der Ort, an dem Johnny Depp Stunden später mit starrem Blick auf eine Bühne treten wird, an seiner Seite Alice Cooper und Joe Perry von Aerosmith.Es ist ein merkwürdig schöner Ort, um als alternde Supergroup Hollywood Vampires Coverversionen von Songs verstorbener Rockmusiker zu spielen; steigt von den stacheldrahtgesicherten Mauern, heute Museum, doch immer noch ein Reiz des Abgründigen in den Abendhimmel des dänischen Städtchens Horsens. Abgründig, das passt gut zu Depps derzeitigem Zustand.

Für den Abend hat er sich ein Nadelstreifenhemd angezogen, eine Weste, die obligatorischen Totenkopfringe und Silberketten übergestreift, am Hals dünne Tücher. Fetzen eher, die von einer Windmaschine in die Luft gewirbelt werden. Seine Augen versteckt er zunächst hinter einer Sonnenbrille, sie sind so schwarz kajalgerahmt wie bei seinem Film-Alter-Ego aus besseren Zeiten. Jack Sparrow in "Fluch der Karibik", ein Milliardenerfolg.

Noch-Ehefrau Amber Heard hat die Scheidung eingereicht

Depp hat mal gesagt, er bewundere die Respektlosigkeit Sparrows. Liest man die Schlagzeilen der vergangenen Wochen und Monate, könnte man meinen, Sparrow habe die Überhand gewonnen in Depps künstlerischer und privater Persönlichkeit. Der neue Tiefpunkt: Seine Noch-Ehefrau Amber Heard hat die Scheidung eingereicht und behauptet, Depp habe sie von Anfang an misshandelt.

Vor knapp zwei Jahren saß er mit einem aufgemalten Moustache als Kunsthändler "Mortdecai" neben Gwyneth Paltrow im Schaumbad. Johnny Depp in der Badewanne, es gibt Tausende Frauen, die dieses Bild gern im Kopf tragen. Doch seine Rolle lebte nur von grimassierter Aufgesetztheit. Einen gewissermaßen selbstparodierenden Charakter, den er seinem künstlerischen Ich mit jedem Tim-Burton-Film mehr zu Eigen machte. Make-up, Kostüme, alles valide Mittel, sich in eine Rolle hineinzufühlen. Depp aber bietet seit langer Zeit vornehmlich diese eine, burtoneske Seite.

Dabei galt er vor seinen großen Erfolgen mit "Alice im Wunderland" und "Fluch der Karibik" als der coole Hollywood-Querkopf. Er spielte Hunter S. Thompson im Kultstreifen "Fear and Loathing in Las Vegas", einen Koksdealer in "Blow" und den Mafiabeau "Donnie Brasco". Nach Hollywood war er in den Achtzigern mit seiner Band The Kids gekommen, Rockstar wollte er werden. Die ersten Filmcastings besuchte er aus Geldnot.

Johnny Depp schrieb seiner neuen Liebe ein Gedicht

Der "Guardian" schrieb nun, Depp walze inzwischen eher eine Masche aus, als wirklich eine Darbietung zum Besten zu geben. 2015 kürte Forbes ihn zum überbezahltesten Schauspieler Hollywoods, sein Honorar gesetzt im Verhältnis zum Kino-Erfolg. Sein Vermögen wird auf mehr als 300 Millionen Dollar geschätzt. Zeitgleich mit seiner schauspielerischen Wandlung schien er zu versuchen, den privaten Johnny Depp, diesen raubeinigen Typen für die aufregenden Frauen von Winona Ryder bis Kate Moss, den Mann mit den einst schönsten Wangenknochen Hollywoods, Stück für Stück zu ersticken.

Während er als Teenager alle Drogen ausprobierte, die kannte, und einst mit Winona Ryder ein Hotelzimmer verwüstete, danach aber charmant behauptete, er habe ein Gürteltier gejagt, wurde mit Vanessa Paradis alles anders. Sie, so sagte er einmal, habe ihn, den verlorenen Fall, mit ihrer Zartheit und ihrem Verständnis zurückgeholt. Lange Jahre lebten die beiden mit den gemeinsamen Kindern in einem französischen Dorf. 2012 trennten sie sich nach 14 Jahren – im Guten. Man wollte weiterhin füreinander und die Kinder sorgen.

Seiner neuen Liebe schrieb Depp ein Gedicht und schickte ihr wochenlang jeden Tag eine rote Rose. Amber Heard, Schauspielerin, 22 Jahre jünger, bisexuell. 2013 zeigten sie sich zum ersten Mal öffentlich zusammen. Zeitgleich geriet der Schauspieler immer wieder in die Schlagzeilen. Fluchender Johnny Depp aus Preisverleihung herausgeschnitten. Depp schmuggelt Hunde nach Australien. Dreharbeiten zum neuen "Fluch der Karibik" wegen Depp verschoben - er hatte sich die Hand schwer verletzt. Inzwischen wird behauptet, die Blessur entstamme einem Streit mit Heard.

Die wilde Aura hat sich abgenutzt

Die Wangenknochen sind beinahe unter der aufgedunsenen Haut verschwunden. Falten und Furchen durchziehen sein Gesicht. Alterszeichen? Eher erzählen sie von verlebten Nächten, Alkohol, Zigarillodauerrauchen. 2013 hatte er verkündet, nicht mehr zu trinken, doch inzwischen finden sich viele Fotos im Internet, auf denen man ihn mit Alkohol sieht. Diese wilde, unberechenbare Aura, die damals gleichermaßen Frauen wie Männer schwärmen ließ, hat sich abgenutzt. Darunter: Ein Exzentriker, der in den letzten Jahren vielleicht ein bisschen zu weit gegangen ist.

Am 7. Februar 2015 heirateten Depp und Heard auf seiner Karibikinsel Little Hall’s Pond Cay, weißer Anzug, weißes Kleid, weißer Baldachin für die Gäste. Am 23. Mai 2016 reichte Heard die Scheidung ein am Superior Court von Los Angeles, Grund: unüberbrückbare Differenzen. Am 27. Mai genehmigte das Gericht Heards Antrag auf Kontaktverbot wegen häuslicher Gewalt. Heard behauptet, Depp habe sie von Anfang an verbal und körperlich missbraucht, manchmal habe sie um ihr Leben gefürchtet. Sie reichte fotografische Beweise ein.

Johnny Depp und Amber Heard

Vor gut einem Jahr heirateten Johnny Depp und die 22 Jahre jüngere Amber Heard. Heute darf er ihr wegen häuslicher Gewalt nicht mehr näher als 100 Meter kommen.

Johnny Depp darf das gemeinsame Haus nicht mehr betreten.
Depp, auf Europa-Tour, beauftragte daraufhin eine der bekanntesten Scheidungsanwältinnen Hollywoods und veröffentlichte ein einziges Statement. Aufgrund des tragischen Verlustes seiner jüngst verstorbenen Mutter und der Kürze der Ehe werde er sich nicht zu Klatsch und Lügen über sein Privatleben äußern. Ein Statement, das nur jemand veröffentlichen kann, der sich um sein Image wenig sorgt. Seine Anwältin unterstellt Heard, sie wolle mit der Scheidung an Geld kommen.
Am 31. Mai zeigte Heard Depp dann auch bei der Polizei an. Zuvor habe sie ihn nicht denunzieren wollen, um ihre Privatsphäre zu schützen.

Zurück in Faengslet, ein Treffen mit Alice Cooper und Joe Perry. Depp steht für Interviews nicht zur Verfügung. An Pfandflaschen vorbei geht es durch einen Türbogen, auf dem "Arresten" steht, Verhaftung. Die beiden Musiker sitzen neben einander an einem Tisch. Mehrmals erzählen sie während des Gesprächs von Depps großem Talent, wie er Cooper in einem Londoner Club mit seinem Gitarrenspiel überraschte, wie Perry auf Depps Anwesen an seiner Autobiografie schrieb und dann vom Hausherrn zu den ersten Proben der "Vampires" geladen wurde.

 Eine neue Rolle

Über die aktuellen Ereignisse um ihren Co-Star wollen sie nicht reden. "Wissen Sie was? Ich habe noch nie einen Mann besserer Laune gesehen. Er ist in einer anderen Welt gerade, und genau hier sollte er sein", sagt Cooper. Hollywood, das seien ohnehin nur Halbwahrheiten und Sensationslust. "Das hier ist etwas, das er schon sehr lange machen wollte. Er wird diesen fucking Ort hier abreißen und ausflippen", sagt Perry.

Im Publikum ist die Kleiderdichte an diesem Abend höher als die der T-Shirts mit Band-Logo, viele Frauen tragen hohe Absätze. Von der Bühne aus kann Depp in beinahe hollywoodmäßig geschminkte Gesichter blicken, deren Lippen sich immer wieder zu "Johnny, Johnny"-Rufen öffnen. Er mäandert auf der Bühne hin und her, links, rechts, vorn, hinten, schaut oft ins Publikum, dann wieder zum Boden. Mehrfach bedankt er sich, sonst sagt er nichts. Johnny Depp, der schweigende Rockstar. Vielleicht spielt er ihn auch nur. Eine neue Rolle. Wieder nicht seine beste.

Der Artikel erschien zuerst im stern.