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Schauspielerin Sasha Grey: Die emanzipierte Porno-Revoluzzerin

In ihren eigenen Filmen nennt sie sich "Fuck Junkie". Für den Hollywood-Regisseur Steven Soderbergh hat sie ein Escort Girl gespielt. Sasha Grey ist 21 Jahre alt, und auch außerhalb der Pornobranche äußerst populär. Trotzdem will sie sich weiter anspucken lassen.

Von Johannes Gernert

Es scheint eigentlich keine wirkliche Frage: Eine junge Amerikanerin kann sich entscheiden, ob sie lieber in Hollywoodfilmen auftreten würde oder in Porno-Produktionen, in denen sie Sex hat, angespuckt wird, gewürgt, und das Sperma von mehreren Männern herunterschluckt. Fast jede würde wohl Hollywood wählen. Dass Sasha Grey sich weigert, genau das zu tun, sagt im Grunde schon alles über diese 21 Jahre alte Frau, die sich seit drei Jahren immer erfolgreicher als Medienfigur vermarktet. Sie ist in hunderten Pornofilmen aufgetreten, hat für American Apparel gemodelt, mit dem Popmusiker Moby gesungen, ist von dem Starfotografen Terry Richardson aufgenommen worden, hat in einem kanadischen Horrorfilm gespielt und war auf dem Cover der Band Smashing Pumpkins zu sehen.

Sie ist so bekannt geworden, dass der renommierte Regisseur Steven Soderbergh, der etwa die "Ocean's"-Reihe mit George Clooney gedreht hat, ihr die Hauptrolle in seinem aktuellen Film "The Girlfriend Experience" gegeben hat. Sie spielt ein Escort Girl, dessen Biografie sie sich selbst ausgedacht hat, und sie ist dafür von Kritikern gelobt worden. Die meisten Dialoge waren improvisiert. Ihre neueste eigene Produktion heißt "The Fuck Junkie" und erscheint bei ihrer Porno-Firma Grey Art. Sasha Grey sagt, dass Hollywood dauerhaft kein Ziel für sie sei. Sie sagt, sie möge die Filme von Werner Herzog, das Intellektuellen-Kino von Jean-Luc Godard, und die Bücher von Hunter S. Thompson. Außerdem: dreckigen, harten Sex.

Rebellin im zerbrechlich wirkenden Körper

Sasha Grey, die als Marina Hantzis in Sacramento geboren wurde, ist eine hübsche junge Frau mit dunklen Haaren, fast ein wenig zerbrechlich. Wenn man sie mit konventionellen Maßstäben betrachtet, ist sie ein wandelnder Widerspruch: Als Aufgabe scheint sie sich gesetzt zu haben, möglichst vielen Menschen zu zeigen, dass gängige Konventionen gar kein gutes Maß sind. Sie überschreitet ständig Grenzen. Nicht nur zwischen verschiedenen Filmindustrien, künstlerischen Ausdrucksweisen, Medien. Sie legt auch Verhaltensmuster an den Tag, die man üblicherweise nicht als sehr feminin erachtet. In ihren Sexfilmen schreit sie den männlichen Darstellern so üble Sachen zu, dass die manchmal keinen mehr hoch kriegen. Sie will dann härter und männlicher sein als die Männer - obwohl sie mit Sperma im Gesicht am Boden kauert.

Das alles ist schwer zu begreifen, es verstört. Und am Unverständlichsten wird es für viele, wenn sie sich weigert, für immer diese eine große Grenze zu übertreten, hin zu den Kinofilmen, in denen man am Set mehr tragen darf als nur hochhackige Schnürstiefel. Das gilt als der große Traum eines jeden Pornostarlets. Viele Branchenstars wie Jenna Jameson haben es versucht, aber kaum geschafft. Wahrscheinlich hatte noch nie eine so große Chancen wie Grey. Aber sie will nicht. Sie will weiter Pornos drehen.

Es liegt möglicherweise daran, dass sie einen Plan hat, der irgendwie noch größer ist. Sie habe von Anfang an klare Ziele verfolgt, sagt der Dokumentarregisseur Jens Hoffmann, der Grey für seine Dokumentation "9 to 5" eineinhalb Jahre lang begleitet hat. Er hält sie für klug, eine ungeheuer belesene Cineastin.

Kurzprogramm für eine Porno-Revolution

Ob sie schon geahnt hat, dass sie an ihrem späteren Medienmythos arbeitet, als sie dem Porno-Agenten Mark Spiegler eine Bewerbungsmail schickte, ist zumindest nicht auszuschließen. Darin stand, dass sie Grenzen verschieben, etwas wagen will. Es klang wie ein Kurzprogramm für eine Porno-Revolution. Die Filme, die sie vorher als Kellnerin mit High-School-Abschluss gesehen hatte, waren ihr zu langweilig, sagt sie. Ihr damaliger Freund habe sich sexuell auch nicht mehr weiterentwickeln mögen. Sie wollte etwas Aufregenderes machen.

Sex als Sprungbrett und Selbstverwirklichung

Nachdem sie die ersten 80 Filme gedreht hatte, sie war immer noch 18, saß sie in der Show der bekannten Talk-Moderatorin Tyra Banks. Die Redaktion hatte sie ein pinkes Oberteil anziehen lassen, damit sie etwas unschuldiger aussah. Banks fragte mit gespieltem Entsetzen, was das Maximum an Männern in einer Szene gewesen sei. 15, sagte Grey. Der Pornostar Rocco Siffredi sei doch schon 50 gewesen, als sie ihre allererste Szene mit ihm drehte, sagte Banks. Vielleicht sogar älter, antwortete Grey. Auch ihr Freund, ein 31-jähriger Fotograf war damals im Studio. Die Kamera zeigte Leute aus dem Publikum, die die Hand vor die offenen Münder schlugen. Ob sie etwas nicht machen würde, wollte Banks wissen. "Keine Kinder, keine Tiere", sagte Grey.

Sie wirkte nicht wie ein Opfer der Pornoindustrie, aber sie machte einen seltsam kühlen Eindruck. Das meiste, was sie gesagt habe, hätte die Redaktion herausgeschnitten, hat Grey später in einem Video-Statement erzählt. Damit sie eher dem Klischee entsprach. Es ärgert sie, dass Männer wie der Playboy-Gründer Hugh Hefner dafür gefeiert werden, dass sie Frauenkörper verkaufen. Wenn Frauen sich allerdings selbst entscheiden, das mit ihrem eigenen Körper zu tun, würden sie öffentlich gebrandmarkt und entmündigt. Es ist Teil ihres größeren Plans, etwas daran zu ändern.

Trotzdem verklärt sie ihre Arbeit nicht als rein gesellschaftspolitisches, neo-feministisches Engagement. Sie will Geld verdienen und verfolgt klare Marketingstrategien. Die Marke Grey fußt auch darauf, dass sie öffentlich behauptet, was andere als Demütigung empfinden, bereite ihr sexuelle Lust. Das Spucken, Schlucken und Würgen. Sie ist eine Outcast, der ihr Erfolg in einer Schmudellbranche die Tür in die große, amerikanische Öffentlichkeit geöffnet hat. Auch Soderbergh gibt zu, dass die Entscheidung für sie kommerziell motiviert war. Jetzt spaziert Grey von einer Welt in die andere. Es scheint ihr klar zu sein, dass die Tür ohne den Sex schnell wieder zu sein könnte. Sie hat ihn immer als beides gesehen: Sprungbrett und Selbstverwirklichung.

Grey will Frauenbild in Pornos mit gestalten

Im Gegensatz zu den meisten anderen, bestreitet sie, dass die Unterschiede zwischen dem Porno-Tal und dem nahe gelegenen Hollywood-Hügel so riesig sind, wie getan wird. Sie sagt "Unterhaltungsindustrie" und meint beides. Die Tatsache, dass von ihrer Bekanntheit auf einem vermeintlichen Nischenmarkt selbst berühmte Filmemacher profitieren wollen, unterstreicht ihre These wenigstens in einer Hinsicht: Was die Verbreitung innerhalb der Gesellschaft anbelangt, sind die beiden "Unterhaltungsindustrien" gar nicht so weit voneinander entfernt. Dass Porno längst Teil der Popkultur ist, wie Grey sagt, darauf waren schon vor ihr etliche andere gekommen. Dass sich damit zwangsläufig das Frauenbild verändert, sehen nicht nur Konservative als Gefahr. Grey sieht es als Chance. Sie will dieses Bild mit gestalten. Keine Angst vor der eigenen Sexualität, so formuliert sie ihre Botschaft. Es ist die radikale Fortsetzung von dem, was kalifornische Hippies vor mehr als vierzig Jahren begonnen haben. Sie setzt sich dafür ein inmitten einer Branche, die manchen als bestes Beispiel dafür gilt, dass sexuelle Befreiung direkt in die Unterdrückung führen kann, wenn man den Trieben fürs Geld allzu freien Lauf lässt. Dass alle Porno-Darstellerinnen "zugedrogte Missbrauchsopfer" sind, bestreitet Grey vehement.

"Ich glaube, sie ist komplett wahnsinnig", sagt einer ihrer Pornoregisseure. Damit dürfte er ziemlich falsch liegen. Eher das Gegenteil scheint der Fall.