James Meek Sex in Afghanistan

Osama Bin Laden habe ihm mit dem 11. September seine Roman-Idee geklaut, findet Adam Kellas. Der ehemalige Kriegskorrespondent und Möchtegern-Autor stolpert durchs Leben wie über ein Schlachtfeld. In James Meeks Roman "Fremdland" geht es um Wahrheit, Verantwortung und eine amour fou in Afghanistan.
Von Johannes Gernert

Er hatte nur eine Frage stellen wollen. James Meek konnte durchs Fernglas sehen, wie die Laster der Taliban sich durch den Wüstensand fraßen. Er war mit einem Kommandanten der Mudschaheddin unterwegs. Sie gehörten zu den Allianz-Truppen, die im Afghanistan-Krieg auf Seiten der Amerikaner kämpften. Der Kommandant und seine Leute schauten den Taliban-Fahrzeugen zu. Meek wollte nur wissen, warum. Wieso schossen sie nicht auf die Leute am Horizont, die in diesem Krieg doch ihre Gegner waren? Eine Frage, kein Vorwurf. Doch der Mann wurde ärgerlich. Dann gab er fast trotzig den Befehl, der Panzer solle auf die Taliban schießen. Das Geschoss ging nur knapp daneben, und James Meek fragt sich immer noch, ob er heute ein anderer Mensch wäre, wenn seine Frage getötet hätte.

Erst die Schreibmaschine, dann der Erfolg

Das alles ist schon einige Jahre her. Meek berichtete damals für die britische Zeitung "The Guardian" aus Afghanistan. Er hatte vorher über den Tschetschenien-Krieg geschrieben, und zwei Jahre später flog er in den Irak. An diesem sonnigen Mittag sitzt er im Berliner Politiker-Café Einstein, trägt einen sehr hellen Anzug und eines dieser verschlungen-gemusterten Hemden, wie sie auch der durchgeknallte Gonzo-Journalist und Romanautor Hunter S. Thompson manchmal anhatte.

Thompson hat viel Verrücktes erlebt und daraus Literatur gemacht, bevor er sich vor zwei Jahren eine Kugel in den Kopf jagte. Meek hat mit der Literatur angefangen und ist dann zu den verrückteren Dingen übergegangen. Er war Schriftsteller, sagt er, bevor er seine Journalistenkarriere beim "Northampton Chronicle and Echo" begann - lange bevor er am Rande der Schlachtfelder des 21. Jahrhunderts stand. Als er zwölf war, hatte ihm seine Mutter seine erste Schreibmaschine gekauft. 2005 brachte ihm sein viertes Buch, "The People's Act of Love", schließlich den ersten großen Erfolg bei Kritik und Publikum ein.

Was wäre wenn?

Meeks neuer Roman heißt im Original "We are now beginning our descent" ("Wir beginnen nun mit dem Landeanflug") - woraus in der deutschen Fassung "Fremdland" wurde. Hauptfigur ist der Reporter und Autor Adam Kellas, der erfolglos an einem Schundroman über einen Krieg zwischen den USA und Europa arbeitet, und in Afghanistan unter äußerst bizarren Umständen Sex mit einer bewaffneten, amerikanischen Alkoholikerin hat und sich anschließend einbildet, dass er sie liebt.

Mit seinen Freunden daheim überwirft er sich, als er ihnen bei einem gemeinsamen Dinner zeigen will, wie es am Hindukusch wirklich zugeht und dabei wütend den gedeckten Esstisch zertrümmert, bis seine Hand blutet. Lauter Krisenregionen also, zwischen denen der Protagonist sich bewegt: politische, private, soziale und sexuelle.

Im Grunde, sagt Meek im Gespräch, liege dem Ganzen eine einzige Frage zugrunde: Was wäre gewesen, wenn? Was wäre beispielsweise passiert, wenn die Panzergranate Taliban getötet hätte, nachdem er den Kommandanten provoziert hatte? Meek spielt solche Möglichkeiten mit seiner Figur Kellas durch. Im Buch trifft die Sprenggranate, und Meeks Alter Ego beobachtet, wie ein brennender Taliban-Kämpfer Rauchstränge hinter sich herzieht. Währenddessen telefoniert Kellas über Satellit mit seiner Mutter, die ihm gerade von ihren Erlebnissen auf der neuesten Friedensdemonstration erzählt und den Knall nicht überhören kann. "Sind sie tot", fragt sie. "Doch nicht während unseres Telefonats?" Schrecklich komisch.

Mit Geschichten konstruieren wir Identität

Das ganze Leben besteht aus Geschichten. Dafür hat Meek ein Gespür. Mit den Storys, die wir einander erzählen, konstruieren wir uns eine eigene Identität. Genau das tut Kellas, wenn er überlegt, wie er den Ausraster beim Abendessen nachträglich in ein persönliches Heldenepos umdeuten könnte.

Geschichten stecken aber auch dort, wo man sie zunächst nicht vermuten würde. "Jeder Plan, jedes Projekt, jede Vorstellung von der Zukunft ist eine Geschichte. Dieses Gebäude, in dem sich das Café Einstein befindet, war zunächst mal ein Bauplan, also eine Story. Und nun sitzen hier diese Charaktere, genießen ihr Schnitzel, und das ist auch wieder eine."

Sein Ausgangspunkt sei ein besonders schlecht erzählter Plot gewesen: der vom Einmarsch der USA in den Irak mit den gefälschten Beweisen von Massenvernichtungswaffen. "Völlig unglaubwürdige Charaktere, eine übersimplifizierte Handlung und ein absolut unrealistisches Happy End", so fasst Meek zusammen, was damals passiert sei. "Jeder vernünftige Kritiker hätte das verrissen." Man solle nicht immer Romanschriftsteller fragen, woher die ihre Ideen nähmen, fordert er, sondern auch mal die Politiker. Manchmal käme es ihm so vor, als würden die sich von schlechten Büchern aus der Bahnhofsbuchhandlung inspirieren lassen. Diesen Gedanken greift er in "Fremdland" ironisch auf. Mit einer Bemerkung Kellas' beispielsweise, der sagt, Osama Bin Laden habe ihm mit dem 11. September seine Roman-Idee geklaut.

Verdächtigungen zum Obstsalat

Es ist erst kurz nach ein Uhr mittags, als James Meek ein Glas Weißwein zum Obstsalat bestellt, und das ist auch wieder so eine Geschichte. Na klar, könnte man nun denken, der ehemalige Kriegskorrespondent versuche, die Leichenbilder im Kopf im Alkohol zu ertränken. Im Roman verfolgen Adam Kellas dessen Kriegserfahrungen in Form von Rückblenden. Aber Meek selbst hat keine Albträume. Er hat ein anderes Problem: Die Leute glauben, dass er welche hätte, und weil er sie nicht hat, halten sie ihn für einen gefühllosen Grobian.

"Vielleicht hängt es damit zusammen, dass mir bestimmte Dinge nicht passiert sind", überlegt er. "Ich habe nie miterleben müssen, wie jemand getötet wurde. Ich bin nie verletzt worden und habe auch keine wirklich guten Freunde verloren. Wäre mir eine dieser Sachen zugestoßen, würde sich wahrscheinlich einiges anders verhalten. Ich bin allerdings in Tschetschenien auch schon in einem Wagen von einem Flugzeug gejagt worden, dabei starben viele Menschen. Aber selbst davon habe ich keine Albträume bekommen. Ich leide nicht an posttraumatischen Störungen. Ich hatte Glück."

Er schaut aus klaren Augen, wenn er erzählt. Seine Worte formen sich langsam zu präzisen Sätzen, auch als er über die Afghanistan-Affäre seiner Hauptfigur spricht: Um mit seiner Reporter-Kollegin zu schlafen, muss Kellas sie als seine Frau ausgeben und sich auf einem verlassenen Flughafen von den Mudschaheddin für eine Nacht ein Liebeslager errichten lassen.

Im Gegensatz zu vielen anderen gibt es für diese Szene keine reale Grundlage. "Ich hatte keinen Sex in Afghanistan", sagt Meek. "Ich habe aber das Gefühl, dass in sexuell repressiven Gesellschaften der Sex wesentlich besser ist. Je liberaler eine Gesellschaft, desto mehr stellen sich die Leute an."

Meek lächelt freundlich, er kann aber auch anders. Während seiner Auslandseinsätze sei er immer wieder ausgerastet. "Einmal waren wir in einem Tal und haben uns mit Taxi-Fahrern gestritten, die darauf bestanden, dass wir mit ihnen fahren und nicht mit unseren Stamm-Wagen. Ich habe ziemlich herumgeschrien, meine Geldbörse ausgepackt und ihnen gesagt, sie sollten mein ganzes Geld nehmen. Ich nahm die Kalaschnikow eines Typen, hielt sie mir an den Kopf und sagte: Erschießt mich, kommt schon, erschießt mich. Ich habe mich anschließend ziemlich geschämt, aber ich habe mich durchgesetzt."

Diese Episode taucht in "Fremdland" nicht auf. Das "Was wäre wenn" wäre in dem Fall wohl selbst dem coolen Meek zu beunruhigend. Was, wenn sie abgedrückt hätten?


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