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Auto & Literatur: Das rasende Wort

Entgegen landläufiger Meinung passen Dichter & Denker und Blech & Vergaser sehr wohl zusammen, fand stern.de-Autor Helmut Werb, nach der Lektüre mehrerer Bücher von Hermann Heese über Thomas Mann bis Jack Kerouac .

Von Helmut Werb

Vom Sonnenwagen des Gottes Phöbus, den die alten Griechen besangen, bis zum Drogen-gepowerten Eldorado eines Hunter S. Thompsons, vom harmlos-bunten Fliewatüüt bis zum lebensrettenden Ford Anglia in Harry Potter’s Kammer des Schreckens - Autos, in welcher Form auch immer, gehören zur Literatur, sowohl der elitären, die Augenbrauen nach oben ziehenden, als auch der eher trivialen und vor Blut und Tränen triefenden, Stephen King sei’s gedankt.

Ja von wegen hehre Reimeschmiede! Irgendwie sind die Mächtigen des Wortes fasziniert von Pferdestärken unter Hauben, sei es der kolonialistisch angehauchte Spionagemeister Ian Fleming, oder der ins Paradies der Arbeiter & Bauern drängende Bertolt Brecht. Und keine Erfindung der Langsamkeit hier: je mehr, je lieber, je schneller, desto besser! Autos füllen mehr Platz in der Literatur - damals wie heute - als Schreibmaschinen, Raketen oder Mörderwaffen zusammengenommen. Nur die wahre Liebe kommt auf mehr literarische Seitenzahlen.

Flotte Schreibe, schnelle Fahrt

Einmal machen sie aus Autos eiskalte Killer, mit perfider Persönlichkeit ausgestattet, wie Stephen King’s "Christine", ein wahrhaft blutrünstiger 58er Plymouth Fury, oder sie fahren sie - einfach und eigenhändig - zu Schrott. Wie Francoise Sagan, eine berüchtigt schnelle Schreibe, die ihren Aston Martin auf einem französischen Acker Salto Mortales ausführen liess und mit elf gebrochenen Rippen dem britischen Totalschaden entstieg. Mit ihrer bekannt forschen Fahrweise war die fesche Französin nicht allein unter Romanciers und Poeten. Ausgerechnet der Kapital-Ablehner Brecht liebte Steyr-Sportwagen, die er - Liebe hin oder her - regelmäßig gegen Mauern, Buchen und andere harte Hindernisse knallte, um dann in elegischen Bildern die Schönheit einsamer Tankstellen auf amerikanischen Highways zu besingen. Vladimir Nabokov, der grosse Teile seiner Romane mit Vorliebe auf dem Beifahrersitz eines dunkelgrünen Buicks schrieb, liess sich von seiner Frau zum Schmetterlingsammeln chauffieren, und machte einen "traumblauen Malmoth" zu einer der Hauptfiguren seines Sensationsromans "Lolita", in dem er den Kombi als Berger und Zerstörer des unglücklichen Humbert Humbert zeichnete.

Automobilisten ohne Führerschen

Ja, ja, manchmal benützen die oktan-geplagten Autoren Automobile als Stilmittel. In F. Scott Fitzgeralds Sitten- und Moral-Epos "The Great Gatsby" muss der kremig-gelbfarbene Rolls Royce gar als Symbol für eine ins Obszön abgerutschte amerikanische Gesellschaft herhalten. Mit der Farbe arbeitet auch der nicht autofahrende Dandy Tom Wolfe in seinem grossartigen Essay "The Kandy-Kolored Tangerine-Flake Streamline Baby", und in seinem "Fegefeuer der Eitelkeiten" verkörpert der Mercedes Benz die Katharsis vor dem Untergang eines Meisters des Universums. Was wäre die Drogenkultur der 60er und 70er Jahre ohne "The Whale", Hunter S. Thompson's pompöser Cadillac, der in "Fear & Loathing in Las Vegas" den Duke und Dr. Gonzo durch sämtliche Acid-Alpträume Kaliforniens und Nevadas beamt? Oder Raymond Chandler’s in die Depression abgleitendes Los Angeles ohne die Packard Cabrios, in deren Handschuhfach Philipe Marlowe, jene zynische Wiedergeburt des Lonesome Cowboys, "seine Pistolen lagerte". Der Franzose George Arnaud benützte Dodge-Trucks, um in seinem genialen Roman "Lohn der Angst" die Hilflosigkeit des Individuums darzustellen, Ian Fleming hingegen den Aston Martin DB4 seines post-kolonialistischen Weltenretters Bond als Zeichen dessen phallischer Macht. Der deutsche Abklatsch Jerry Cotton hingegen nannte seinen Jaguar E-Type schlicht Jeremias.

Etwas zieht sie an, die mit der Sprache arbeiten. Vielleicht ist es die luxuriöse Abgeschlossenheit des Fonds eines Automobils, die selbst so hehre Novelisten ins Sinnieren bringen wie den Thomas Mann (wie viele seiner schreibenden Kollegen zwar Autonarr, aber ohne Führerschein), der sich mit dem Geld seines Erfolgsromans "Der Zauberberg" erstmal einen - damals noch - herrschaftlichen Fiat kaufte, den er dann ein paar Jahre später gegen einen noch prächtigeren Sechzehnzylinder Horch eintauschte. In jenem wiederum der Mann auf den in der Zwischenzeit motoristisch aufholenden Pöbel schimpfte, der ihn "ganz unziemlich frech einfach überholte". Marcel Proust, auch lebenslanger Beifahrer, verewigte seine Begeisterung für die geballte Kraft unter der Haube in seinem Roman "Auf der Suche nach der verlorenen Zeit", Rudyard Kipling nannte seinen Lieblings-Rolls zärtlich die Gräfin. Sam Becketts Ente soll heute noch in Südfrankreich herumgurken, und selbst der ausgemachte Beatnik Allen Ginsberg schrieb ein schwärmendes Gedicht über sein "grünes Automobil". Hermann Hesse schimpfte ganz kräftig auf Autos in "Steppenwolf", was ihn nicht davon abhielt, lieber in einem Mercedes 180 als zu Fuss die Alpen zu überqueren. Erich Maria Remarque’s Liebe zu seinem Lancia war Legende, Rudi Caracciola sein Freund und seine Romanfiguren hiessen "Rennfahrer Kai". Edgar Wallace fuhr am liebsten Rolls, und selbst Jack Kerouac war so frustriert von seiner Unfähigkeit, selbst ein Auto zu fahren, dass er sich an den schreibenden Autodieb, Weiberhelden und allgemeinen Hallodri Neal Cassady wie ein Groupie anhängte und sich von ihm in der Gegend herumkutschieren liess.

Keine Spur also von der anti-materialistischen Spitzweg’schen Dachkammeridylle. Wenn’s um den eigene Vortrieb ging, kannten Literaten kein Halten. Die Meister (und -innen) des geschriebenen Wortes liebten schon immer kräftig Dampf unter dem Hintern. Ob des Ausgleichs wegen, nach so viel Sitzen wär’s ja zu verstehen, oder als simple Übersprungshandlung, sei dahingestellt.

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