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"Tintenherz": Neues von der "deutschen Rowling"

Von FAZ wurde sie bereits zur "deutschen Rowling" gekürt. Cornelia Funkes neuer, 600-Seiten umfassender Roman "Tintenherz" überrascht mit einer sehr kuriosen Idee.

Meggie ist zwölf Jahre alt, vermisst ihre Mutter und wächst bei ihrem Vater Mo auf, den sie über alles vergöttert. Mo arbeitet als "Buchdoktor", der durch das Land reist und hier wie dort alte Bücher restauriert. So müssen die beiden immer wieder umziehen. Meggie kann damit leben. Sie teilt die Liebe ihres Vaters zu den Büchern und hat immer einen Schmöker in der Hand, den sie Seite für Seite selbst liest - ihr Vater liest ihr leider niemals auch nur einen Buchstaben laut vor.

Eines Abends zerbricht Meggies zarte Idylle, als sie aus dem Fenster schaut und einen fremden Mann im Regen entdeckt. Der Mann mit dem fuchsroten Bart nennt sich Staubfinger und ist ein alter Bekannter ihre Vaters. Der ungebetene Gast warnt Mo vor einem gewissen Capricorn, bei dem es sich um einen besonders skrupellosen und unfreundlichen Bösewicht handeln muss. Capricorn verlangt nach einem ganz bestimmten Buch, das Mo in seinem Besitz hält. Solle Mo es nicht freiwillig herausgeben, hätte Capricorn keine Hemmungen davor, Gewalt anzuwenden.

Mo tut das, was er insgeheim schon immer getan hat - er flüchtet, dieses Mal allerdings mit Meggie und Staubfinger im Gepäck. In Italien sucht er bei der etwas harschen Tante Elinor Unterschlupf. In ihrer riesigen Bibliothek versteckt er das wertvolle Buch.

Doch der Horror hat erst begonnen. Mo alias Zauberzunge hat anscheinend doch noch ein paar Geheimnisse mehr zu verbergen, als Meggie sich das je vorstellen konnte. Seine Zauberstimme ist nämlich dazu in der Lage, Figuren aus dem Buch "Tintenherz" heraus in unsere Welt zu locken, sie regelrecht "herauszureden". So entstammen auch Staubfinger und Capricorn dem ungewöhnlichen Werk und nicht unserer realen Welt. Der Transfer scheint aber auch in anderer Richtung zu funktionieren: Anscheinend steckt Meggies Mutter im Buch fest, nachdem Mo ihr ein paar Zeilen vorgelesen hat.

Doch bevor Meggie sich ein besseres Bild von den Ereignissen machen kann, überschlagen sich diese. Mo wird von Capricorn entführt. Jetzt liegt es an Meggie, zusammen mit der Büchernärrin Elinor die Verfolgung aufzunehmen. Auf diese Weise greifen sie mit in den Kampf Gut gegen Böse ein - mit allen Konsequenzen. Leider sieht es ganz so aus, als hätte das Böse stets die besseren Karten in der Hand.

Lesezauber pur

Viele Leser haben es sich bestimmt schon einmal gewünscht, dass die eigenen Lieblingsfiguren aus einem Buch doch bitteschön lebendig werden sollten. In "Tintenherz" wird genau dieser Wunsch wahr. Doch zarte Märchenwelten und spannende Abenteuer sind eben immer nur ein Augenblinzeln vom ultimativen Grauen entfernt. Und so entwickelt Cornelia Funke ein Fantasywerk, das den klassischen Kampf des Guten gegen das Böse auf besonders einfallsreiche Weise neu umsetzt.

Dabei hat sich Funke durchaus Gedanken gemacht, wie sie das Böse im Roman verpackt: "Es war mir für dieses Buch sehr wichtig, einen Bösewicht zu erschaffen, der nicht auf unechte und sehr dämonische Weise böse ist, sondern auf sehr reale. Ich wollte auf keinen Fall einen dieser Bösen erfinden, der interessanter ist als die guten Helden. Ich glaube nicht an diese charismatischen, maßlos interessanten Bösewichte, sehen Sie sich doch nur die Bösen unserer Welt an. Wie unauffällig und langweilig kommen sie oft daher, wie gefühlskalt, leidenschaftslos. Ich wollte einen Bösewicht erschaffen, der zwar erfunden ist, aber dennoch sehr wirklich. Mitleidlosigkeit, das vollkommene Desinteresse am Leiden anderer - das ist für mich die schrecklichste Form der Bosheit. Capricorn sollte auf diese Art böse sein."

Dass es für Funke kein Schreibauftrag, sondern fast schon eine Berufung gewesen ist, "Tintenherz" zu verfassen, merkt man dem Buch an. Es ist mit 576 Seiten sehr umfangreich, wunderschön erzählt, weist vor jedem Kapitel interessante Zitate aus anderen Werken auf und ist mit vielen Zeichnungen versehen, die die ehemalige Illustratorin Funke selbst beigesteuert hat.

Begeisternd ist vor allem der ruhige Schreibstil, der bunte Bilder direkt ins Hirn der Leser projiziert und ähnlich bildgewaltig ist wie der eines Stephen King oder einer Joanne Rowling. Cornelia Funke schreibt aber weicher und mit großem Vermögen, die Welt der 12-jährigen Meggie zum Leben zu erwecken.

Dass ihr "Tintenherz" so gut gelungen ist, liegt aber vielleicht auch daran, dass das Buch quasi von selbst nach draußen drängte. Funke: "Ich wollte schon seit einiger Zeit ein Buch über die Leidenschaft für Bücher und über die Kunst schreiben, sie vorzulesen. Dann war da immer diese Szene, die ich vor mir sah wie ein Bild aus einem Film: Ein Mädchen, das nachts auf seinem Bett kniet und durch ein Fenster hinausstarrt in den Regen; und dort steht ein Schatten zwischen den Bäumen. Genauso fing das Buch dann auch an..."

Die wilden Hühner

Cornelia Funke ist in Deutschland längst keine Unbekannte mehr. Sie schreibt bereits seit über zehn Jahren Kinderbücher, darunter die Mädchenromanreihe "Die wilden Hühner" oder den international erfolgreichen Bestseller "Herr der Diebe". Sie steht zurzeit auf Platz 3 der Liste mit den beliebtesten Autoren, die der Börsenverein des Deutschen Buchhandels jedes Jahr bei einer Schülerumfrage ermittelt. Viele Kinder haben Werke der Autorin wie "Das Piratenschwein", "Drachenreiter" oder "Der verlorene Wackelzahn" im Schrank zu stehen.

Cornelia Funke wurde 1958 in Dorsten geboren. Sie ließ sich erst zur Diplompädagogin und dann zur Grafikerin ausbilden. Tatsächlich arbeitete sie zunächst als Illustratorin, bevor sie sich mit 28 Jahren ein Herz fasste und freischaffende Autorin wurde. Seit damals sind 40 Bücher erschienen - die meisten von ihnen richten sich an Kinder. Mit ihrem Mann und den beiden Kindern Anna (14) und Ben (9) lebt Cornelia Funke heute in Hamburg.

Nachdem sie "Tintenherz" auf 16 Audio-CDs auch als Hörbuch fertig gestellt und selbst vorgelesen hat, arbeitet die Autorin zurzeit an der Fortsetzung zu "Tintenherz". Was wird in diesem Buch passieren? Funke: "Ich werde Staubfinger seinen sehnlichsten Wunsch erfüllen, Meggie wird ein bisschen erwachsener werden und es wird Fürsten und Feen darin geben - und die meisten der Figuren, die auch schon im ersten Teil vorkamen."

Carsten Scheibe

Der Text stammt aus dem Heft "Magic & Fantasy 1: Harry Potter", das seit dem 14. November für 4,99 Euro am Kiosk zu haben ist. Das Magazin beschäftigt sich auf 68 Hochglanzseiten nur mit dem Thema Harry Potter. Mehr Informationen bei www.publishverlag.de/potter