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"Reckless" von Cornelia Funke: Die Gebrüder Grimm hinter dem Spiegel

Es war einmal eine Autorin, die ein jeder immer wieder mit der "Harry Potter"-Erfinderin verglich. Doch anders als Joanne K. Rowling hat Cornelia Funke sich nach ihren Bestsellern wieder eine neue Roman-Welt erschaffen. Und diese beginnt mit: "Es war einmal..."

Millionen Leser waren traurig über den Abschied aus der Tintenwelt - wie Autorin Cornelia Funke selbst? "Nein, ich war sehr glücklich, als ich den dritten Teil schrieb und merkte, dass sich die Geschichte tatsächlich schließt", bekennt die international gefeierte Schriftstellerin. "Irgendwann habe ich Sehnsucht nach neuen Figuren und neuen Geschichten." Und davon hat die 51-Jährige schließlich schon einige zwischen Buchdeckeln lebendig werden lassen - ob nun den "Herrn der Diebe" oder "Drachenreiter", "Die wilden Hühner" oder Meggie und Mo aus der "Tintenherz"-Trilogie. Den Titel "deutsche Joanne K. Rowling" bekam die gebürtige Westfälin, die bis zum Umzug nach Amerika lange Zeit in Hamburg lebte, von den Kritikern mitten im "Harry Potter"-Hype verliehen.

Funke hat mit ihrer Erzähl- und Fabulierkunst Bestseller gelandet, mehr als 50 Bücher geschrieben, ihre Werke sind in mehr als 40 Sprachen erschienen - sie gilt als Deutschlands erfolgreichster Literatur-Export. Verfilmungen ihrer Bücher gab es bereits, und weitere sollen folgen. Vor allem aber warteten ihre Fans seit den letzten Abenteuern in der Tintenwelt sehnsüchtig auf neuen Lesestoff aus der Funke-Feder. Dass sie diesen Hunger nun so schnell wieder mit einer großen Geschichte stillen kann, hat die Schriftstellerin selbst überrascht. "Die meisten Fantasyautoren stoßen, wie es scheint, in ihrem Leben nur auf eine wirklich große Welt. Deshalb dachte ich mir nach der Tintenwelt: Na, vielleicht war's das." Allenfalls mit "kleineren Büchern" hatte sie gerechnet.

"Reckless" heißt nun das neue Funke-Reich, denn das am Dienstag in mehreren Ländern erscheinende Buch mit dem Untertitel "Steinernes Fleisch" ist nur der Auftakt. "Plötzlich steck ich bis zum Scheitel in einer ganz neuen Welt und verspüre die größte Lust, dort noch etliche Jahre zu verbringen", sagt Funke und verrät, dass sie bereits an der Fortsetzung schreibt: Die ersten 180 Seiten des zweiten Teils sind zu Papier gebracht. "Wir denken auch schon über Teil 3 nach, aber weiter geht die Geschichte noch nicht. Mal sehen." Wir - das sind Funke und Filmemacher Lionel Wigram. Mit ihm hat sie die Welt hinter dem Spiegel entdeckt. Zwei Jahre lang haben sie jeden Charakter, jeden Schritt zusammen entwickelt. "Die Geschichte von Jacob Reckless ist ebenso Lionels wie meine", betont Funke.

Es ist die Geschichte von zwei Brüdern, Will und Jacob Reckless, von denen der eine auszog, den anderen zu retten. Schon als Kind entdeckt Jacob die magische Welt hinter dem Spiegel, in der die Märchen der Gebrüder Jacob und Wilhelm Grimm Wirklichkeit sind. Auf der einen Seite haben die Menschen Telefone, Appartementhäuser mit Aufzügen, Universitäten und blassgrüne Krankenhauskittel, hinter dem Spiegel tummeln sich Wesen wie eine Kaiserin, Zwerge, Wassermänner, Blaubärte und dunkle Feen, gibt es das Dornenschloss, Rapunzelhaar, gläserne Schuhe und Tischleindeckdichs. Will, so ganz anders als sein Bruder und sich selbst darüber lustig machend, wie wenig doch der Name "Reckless" (verwegen) zu ihm passt, folgt Jacob in diese Welt und gerät in Gefahr - er beginnt zu Jade zu versteinern.

Jacob ist rastlos, mag keine Verantwortung - sein Bruder das genaue Gegenteil. "Lionel hat irgendwann mal gesagt: Wir beide wären gern wie Jacob, aber wir sind wie Will", erzählt Funke, die sich selbst "wieder mal in allen" ihren Helden wiederfindet. Für ihren neuen Roman ist die Schriftstellerin tief eingetaucht in die Welt der Märchen. Nicht nur in die der Grimms, sondern auch in andere Märchen aus Österreich, Slowenien und Ungarn. "Das Märchen, das mich wohl am tiefsten berührt (oder sagen wir verstört?) hat, war "Die Gänsemagd", in dem dem Lieblingspferd der Heldin der Kopf abgeschlagen und über das Tor genagelt wird, durch das sie morgens hindurchgehen muss", erinnert sie sich an ihre Kindheit. Ihre Tochter und ihr Sohn indessen wollten die Grimm-Märchen schon nicht mehr hören und sich allenfalls die Disney-Fassung ansehen.

Fesselnd erzählt und fabelhaft formuliert - aber kein Märchenbuch für die Kleinen. Bevor sie sich mit den beiden Brüdern zwischen finstere Gestalten auf dunkel-magische Abenteuer begeben, sollten Leser wohl wenigstens zwölf Jahre alt sein. Alle jüngeren Kinder können sich bis dahin mit ihren dicken Märchenbüchern für die Reise ins Reckless-Reich wappnen. Oder auf die Geistergeschichte warten, die Funke für Acht- bis Zwölfjährige herausbringen will. Zunächst aber geht sie auf Lesereise und kommt dazu auch nach Deutschland. Und noch bevor "Reckless" erschienen war, hatten Theater das Stück auf ihre Spielpläne für den Herbst genommen. Und auf der Leinwand? Noch gebe es keine konkreten Pläne, sagt Funke. "Reckless" solle erst seinen Weg als Buch in die Köpfe der Leser machen und dort bei jedem eigene Bilder schaffen. Aber wenn doch, dann hat sie Lionel Wigram an ihrer Seite - immerhin einen der "Harry Potter"-Filmproduzenten.

Dorit Koch, DPA / DPA