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Kinder- und Jugendliteratur: Keine Chance für Kerle

In Frankfurt beginnt die Buchmesse und eine Bevölkerungsgruppe wird stark vernachlässigt: männliche Kinder und Jugendliche. Für die gibt es keinen adäquaten Lesestoff mehr. Denn die Destruktion des Männerbildes in der Jugendliteratur schreitet voran.

Von Rolf-Herbert Peters

Es war einmal ein tapferer Ritter, der zog durch die Welt und besiegte das Böse. Zum Dank schenkte ihm der König die Hand der schönen Prinzessin, die schmachtend auf ihn gewartet hatte. Es war einmal.

Moderne Märchen klingen anders: Es war einmal die tapfere Prinzessin Violetta, stark und autonom. Ihr allein erziehender Vater, König Wilfried, verstand wenig von Mädchenträumen. Violetta lernte eigenständig das Ritterhandwerk, jedoch "auf ihre Weise, ohne Geschrei und ohne Sporen". Am Ende siegte ihr Frauenhirn über männliche Muskel: Sie gewann mit den Waffen einer Frau ein Ritterturnier und heiratete anschließend keinen Recken, wie es ihr Vater wünschte, sondern den Rosengärtner. Ätschibätsch!

Die Heldin und der Blumenversteher: Die Figuren im Bilderbuch "Der geheimnisvolle Ritter namenlos" von Bestsellerautorin Cornelia Funke ("Tintenherz")stehen beispielhaft für das Rollenbild in der zeitgenössischen Kinder- und Jugendliteratur. Frauen sind gescheit, cool, souverän, "Männer dagegen meist traurige Wesen, arbeitslos, untreu, unzuverlässig, nicht selten gewalttätig oder alkoholsüchtig", sagt Hans-Heino Ewers, Chef des Instituts für Jugendbuchforschung an der Universität Frankfurt. "Am besten kommen sie noch weg, wenn sie sich als schwul outen oder erst gar nicht in Erscheinung treten."

Keine Stoffe mehr für Kerlphantasien

Die Meinung eines frustrierten Macho-Profs? Wohl kaum. Ewers zählt zu den renommiertesten Literaturwissenschaftlern des Genres. Seit Jahren forscht er, warum Jungen zunehmend weniger schmökern, vor allem Familienromane meiden, die als Einstiegsdroge für ernste Literatur gelten. Während 67 Prozent der Mädchen gern zum Buch greifen, sind es nach Angaben der "Stiftung Lesen" nur 45 Prozent der Jungen. Jetzt glaubt Ewers die Lösung zu kennen: Es finde sich kaum mehr Lesestoff im Handel, der Kerlephantasien befriedigt oder gar ihre Probleme lösen hilft. "Das ist ein riesiges Problem", sagt Ewers. Deshalb flüchteten Jungen zunehmend in Science-Fiction- oder Cyberspace-Romane oder zu den Ego-Shootern an die Spielkonsolen. Klaus Willberg, Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft von Jugendbuchverlagen und Chef des Stuttgarter Thienemann-Verlags ("Räuber Hotzenplotz"), sieht das ähnlich: "Es ist einfacher, pubertierende Jungen als Nichtleser zu stigmatisieren, als sich mit Büchern ihrer tatsächlichen Lebenswelt zu stellen."

Väter bleiben blass

Manche Eltern mag die scharfe Analyse nach Durchsicht der eigenen Bücherregale erstaunen. Ist die Welt nicht auch Jungs in Ordnung? Doch die kuscheligen Tiermärchen vom kleinen Eisbär oder Mama Muh täuschen über die Verhältnisse in den realistischen Gattungen hinweg, warnt Hannelore Daubert, ehemals Leiterin des geschätzten Münchener Arbeitskreises für Jugendliteratur, der auch den Jugendliteraturpreis vergibt. Starke Frauen, schwache Männer - die Polarisierung ziehe sich dort durch die Verkaufsregale. Die promovierte Germanistin muss es wissen: Sie scannt jedes Jahr den Großteil der rund 5000 Neuerscheinungen im Kinder- und Jugendbuchsektor. "Vor allem Väter bleiben in Kinder- und Jugendromanen eigentümlich blass oder werden als tragikkomische Figuren gezeichnet", lautet ihr Fazit. "Meist werden alte Klischees einfach durch neue ersetzt."

Noch skurriler mutet die Überzeichnung der Mütter an. Sie bleiben sogar dann Heroinnen, wenn sie ihre Familie im Stich lassen. Im Bilderbuch "Mama ist groß wie ein Turm" der Schweizer Autorin Brigitte Schär zum Beispiel erfindet ein Kind seine Mutter, die nach einem Streit mit dem Vater durchgebrannt ist, im Kopf neu. Mama ist riesig, tritt im Zirkus auf und wird von der ganzen Welt geliebt - während der allein erziehende Papa, klein wie eine Maus, in einer Schuhschachtel lebt. Warum sind die neuen Klischees so verbreitet? Weil rund 80 Prozent der Autoren weiblich ist, sagt Professor Ewers: "Hier schreibt eine bestimmte Frauengeneration, die eigene Wunschvorstellungen bezüglich des gesellschaftlichen Rollenwechsels in ihren Texten verarbeitet. Ich entdecke immer wieder weibliche Allmachtsphantasien, die oft mit einer Destruktion der Männer einhergehen." Jungenspezi-fische Belletristik komme kaum mehr in die Buchhandlungen, kritisiert auch Verlagsmann Willberg. "Diese wird - ganz objektiv gesehen - von der Lektorin bis zur Bibliothekarin von Frauen dominiert. Frauen bestimmen, was Männer lesen sollen."

Wo sind die wilden Kerls?

Vorbei die Zeit, als Buben in Jugendromanen Banden gründen und Diebe jagen durften, während Mädchen ihre Freizeit vergnügt auf Ponyhöfen verbrachten. "Mädchen dürfen in der heutigen Jugendliteratur jederzeit die Grenze zur Jungenwelt überschreiten, umgekehrt ist das nicht möglich", sagt Burkhardt Fuhs, Professor für Erziehungswissenschaften an der Universität Erfurt. Offenbar lechzen die Jungen geradezu nach Männerwelten. Beispiel "Die wilden Fußballkerle": Die Buchreihe avancierte zum Bestseller. Als Verkaufshit entpuppte sich auch "Berts Katastrophen", ein vierzehnbändiges fiktives Tagebuch des pubertierenden Bert Ljung, der mit Spaß und Lust sein schrecklich-schönes Leben vom 11. bis zum 16. Lebensjahr schildert. Ansonsten bleiben Pickel und Petting literarisch eine Mädchendomäne. "Jungen werden mit ihren Problemen weitgehend allein gelassen", sagt Professor Fuhs.

Dass Autorinnen ihre Erfahrungen, Ängste und Wünsche in Kinderbücher verpacken, ist kein neues Phänomen. Neu ist, dass die verbissene Pädagogik der 70er und 80er Jahre in jüngster Vergangenheit einer heiteren Selbstverständlichkeit gewichen ist. Etwa im Bilderbuch "Wir teilen alles" von Babette Cole. Sie erzählt von einem galligen Rosenkrieg der Eltern Schroberklott. Papa mischt Mama Beton ins Badesalz, Mama rührt Papa Knaller in den Kartoffelbrei. Doch die Kinder nehmen es stets easy und organisieren eine Entheiratungsparty. Die Zielgruppe findet das weniger cool, hat Forscherin Daubert herausgefunden: Bei einer Leseprobe mit kleinen Kindern reagierten die Zuhörer verstört auf die Story. Ein Junge lief weinend aus dem Zimmer. "Wenn die Literatur die tief greifenden Folgen einer Scheidung so verharmlost, so ist das nicht unproblematisch."

Real-Life-Bilderbuch um Patrick Lindners Familie wird zur Farce

"Die Destruktion des Familienlebens ist auffällig", stellt auch die Literaturwissenschaftlerin Susanne Becker fest, Mitglied der Kritikerjury des Deutschen Jugendliteraturpreises. Welch skurrile Blüten das treibt, beweist das 2002 erschienene und von manchen Pädagogen gefeierte Real-Life-Bilderbuch "Komm, ich zeig dir meine Eltern". Es belegt aus Sicht des vierjährigen Daniels, wie gut es sich mit seinen zwei schwulen Adoptivvätern, dem Schnulzenstar Patrick Lindner und dessen Manager Michael Link, leben lässt. Eine Farce: Vor zwei Jahren trugen Linder und Link einen hässlichen Trennungskrieg um Daniel über die Presse aus.

Inzwischen bedienen die bekanntesten Kinder- und Jugendbuchautorinnen die Klaviatur moderner Beziehungs- und Psychokisten, vom Kleinkrieg in der Patchwork-Familie bis zum Coming-Out der eigenen Mutter. Und immer wieder übernehmen Mädchen die Opferrolle oder retten die verirrten Seelen der Eltern, während Jungen meist als Chargen dienen. "Selbst ist das Mädel", lautet die Kernbotschaft.

Starke Frauen, schwache Männer, kaputte Familien: Pädagoge Fuhs hält diese dramaturgische Melange nicht nur in Hinblick auf Jungen für bedenkenswert. "Wie nah", fragt der Professor, "sollte man Kinder überhaupt an die Erwachsenenwelt heranführen?" Sie immer wieder mit Problemen und Rollenbildern konfrontieren, die nur die wenigsten von ihnen kennen? Zwar nähmen alternative Lebensstile zu, "doch die traditionelle Familie ist immer noch die Normalform." Rund 80 bis 85 Prozent der deutschen Kinder leben stinknormal und mit den üblichen Alltagssorgen mit verheirateten Eltern zusammen. In den belletristischen Kinderwelten seien die Verhältnisse inzwischen auf den Kopf gestellt, sagt Forscherin Daubert.

Für Jugendbuchforscher Ewers geht das literarische Ego-Shooting der Autorinnen am Markt vorbei. 1,3 Milliarden Euro spielten Kinder- und Jugendbücher im vergangenen Jahr ein - es könnten seiner Ansicht nach deutlich mehr sein. "Das Rollenverhalten von Mutter und Vater beschäftigt vielleicht noch Siebenjährige, ab zehn Jahren ist es ihnen ziemlich egal." Sein Fazit: "Kinder- und Jugendliteratur kümmert sich - gemessen an der Zielgruppe - zu viel um das Thema Familie." Was Wunder, dass sich die jungen Leser lieber in die zauberhaften Märchenwelten von Bartimäus, Harry Potter, Pipi Langstrumpf oder Jim Knopf fallen lassen.

Egal ob Fanatsy, Science-Fiction oder Kitsch - Hauptsache, die Jungen lassen sich wieder vom Schmökern begeistern, sagt Literaturexpertin Daubert. Vor allem im Alter zwischen neun und elf Jahren entscheidet sich, ob Kinder Bücher lieben lernen. "Kinder, die in diesem Alter Detektiv- und Internatsliteratur verschlingen, haben beste Chancen, später motivierter Leser zu werden. Wer dagegen Literatur bekommt, die ihn nicht erreicht, wird es schwer haben."