"Tintenherz"-Verfilmung Der ewige Kampf Gut gegen Böse


Dank 15 Millionen verkaufter Bücher hat auch Hollywood die deutsche Kinderbuchautorin Cornelia Funke entdeckt. Nach den "Wilden Hühnern" kommt nun im ganz großen Stil "Tintenherz" ins Kino. Doch der charmante Funke der Vorlage springt nur selten über.
Von Matthias Schmidt

Manche Einfälle sind so umwerfend und zugleich naheliegend, dass man sich wundert, warum sie nicht schon früher jemand hatte. Ein Buch zu schreiben, über einen Mann, der so fesselnd vorlesen kann, dass die Figuren vom Papier in unsere Realität springen und zugleich echte Menschen in der Welt des Buches verschwinden, ist solch ein Einfall. Und die Nordrheinwestfälin Cornelia Funke hat ihn vor fünf Jahren in eine spannende Abenteuergeschichte geschnürt.

Heute hat die gelernte Erzieherin und Illustratorin ein Bundesverdienstkreuz, einen Bambi und eine weltweite Auflage von 15 Millionen. Jetzt ist Hollywood dran. "Tintenherz", der erste Teil von Funkes erfolgreicher Fantasy-Trilogie, wurde für rund 60 Millionen Dollar vom "Herrn der Ringe"-Filmstudio New Line Cinema für die Leinwand adaptiert und kann nun auch Analphabeten begeistern. Die 50-Jährige wachte als Produzentin über die künstlerische Umsetzung und trotzdem: Der charmante Funke der Vorlage springt nur selten über.

Neue Dimensionen von Gut gegen Böse

Was nicht an der Handlung liegt, die dem ewigen Kampf Gut gegen Böse ganz neue Dimensionen eröffnet. Die Schurken - schwarzbejackt, finster frisiert und mit Schrift-Tätowierungen quer durchs Gesicht - wurden, teils versehentlich, aus einem Buch herausgelesen und stellen nun reale Machtansprüche. Eine Ehefrau und Mutter scheint dagegen für immer in ihrem Papieruniversum gefangen. Doch der Buchbinder und magisch begabte Vorleser Mortimer stemmt sich an der Seite seiner Tochter und einer Tante gegen die neue Weltordnung.

Gedreht wurde unter anderem in einem pittoresk verfallenen Bergdorf in Ligurien. Ganz in der Nähe lebte die Schriftstellerin tatsächlich, als sie an Tintenherz arbeitete.

Die Unstimmigkeiten beginnen mit der Besetzung. Für die Rolle des Mortimer wollte Funke keinen Brad Pitt und keinen Colin Farrell, sie bestand auf Brendan Fraser, den sie bereits seit längerem anhimmelt. Fraser, 40, ist ein sehr sympathischer, schauspielerisch aber etwas begrenzter Amerikaner, der sich offensichtlich seinen Mittelscheitel hat patentieren lassen und nun durch "Tintenherz" hetzt, als würde einen weiteren Teil der "Mumie" drehen. Die anderen, hochkarätigen Nebendarsteller wie Oscar-Preisträgerin Helen Mirren ("The Queen") oder Paul Bettany (der Albino-Mönch im "Da Vinci Code") bleiben dramatisch unterfordert. Und der Oberschurke, gespielt von Andy "Gollum" Serkis, wirkt als Mussolini-Abklatsch eher albern als furchterregend.

Leichte und billige Tricks

Zu allem Überfluss wurde die sowieso schon reichhaltige Story des Romans noch mit fliegenden Schimpansen, einem Einhorn und einem Minotaurus angedickt. Das ist alles gut gemeint und gut gemacht, und natürlich stimmt, was Funke sagt: "Drehbücher und Romane sind grundverschieden. Als würde man mal einen Tisch zimmern und mal einen Stuhl." Doch am Ende hat "Tintenherz" ein fundamentales Problem. Der Roman ist ein wortgewaltiges Plädoyer für die Kraft der Literatur, ein Film über den Zauber des Lesens ist schon an sich ein Oxymoron. Wenn auf dem Papier Figuren von einer Welt in die andere hüpfen, erzeugt das für den Leser, der sich ja selbst in seinem Buch verliert, eine logische Wucht. Im Kino ist das eine der ramschigsten Jahrmarktsattraktionen. Wenn wie aus dem Nichts der schwarze Kläffer Toto aus dem "Zauberer von Oz" unter einem Bett auftaucht oder ein Junge aus "Ali Baba und die 40 Räuber", ist das für Regisseure einer der leichtesten und billigsten Tricks.

Helen Mirren meint als Tante Elinor einmal: "Mir sind Geschichten lieber, die so vernünftig sind, auf den Seiten zu bleiben. Dort, wo sie hingehören." Recht hat sie.


Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker