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Cornelia Funke über "Tintenherz": "Das Buch ist nicht das einzig Wahre"

Sie ist Deutschlands erfolgreichste Kinderbuch-Autorin. Mehr als 15 Millionen Mal verkauften sich ihre Bücher weltweit. Ihr erfolgreichstes, "Tintenherz", wurde von Hollywood verfilmt und ist jetzt im Kino. Im Gespräch mit stern.de warnt Cornelia Funke, Bücher überzubewerten und Film und TV zu unterschätzen.

Von Sophie Albers

Rund 50 Bücher hat sie geschrieben, 15 Millionen Mal haben sich ihre Werke weltweit insgesamt verkauft, und ihre Geschichten vom "Drachenreiter", dem "Herrn der Diebe" sowie Mortimer, dem Buchbinder, der Charaktere aus Büchern "herauslesen" kann, wurden in mehr als 30 Sprachen übersetzt. "Die deutsche J.K. Rowling" wird Cornelia Funke wegen ihres internationalen Erfolges genannt. Dabei weiß die Westfälin, die seit drei Jahren in Los Angeles lebt, sehr genau, wer sie ist und was sie erschaffen hat.

"Tintenherz", die Geschichte von Mortimer, dem Buchbinder, aus der Reihe "Tintenwelt", die 2003 begann, wurde gerade von Hollywood verfilmt. Mit wuchtigem Staraufgebot - von Brendan Fraser ("Die Mumie") bis Helen Mirren ("The Queen") und Andy Serkis ("Der Herr der Ringe"). 60 Millionen Dollar standen Regisseur Iain Softley ("K-Pax") zur Verfügung, um Funkes Tintenwelt zu erschaffen.

Und die große, blonde Frau mit den Augen, die gleichzeitig lachen und lauern, ist zufrieden mit dem Ergebnis. Erstaunlich zufrieden, wie sie selbst zugibt. Sie trinkt ein bisschen Tee, und dann begeht sie einen Frevel, den die elitäre, deutsche Buch-Welt ihr übel nehmen wird. Sie vergleicht die Macht der Bücher mit der des Films. Dann stellt sie auch noch klar, dass "Tintenherz" gar nichts mit Lesen zu tun habe - sondern mit der Kunst des Geschichtenerzählens. Und das, so die gelernte Pädagogin und Illustratorin, sei ein dramatischer Unterschied.

Frau Funke, entsprechen die "Tintenherz"-Bilder auf der Leinwand annähernd denen in Ihrem Kopf?

Erstaunlicherweise entsprechen sehr viele denen in meinem Kopf. Das liegt aber auch an der fantastischen Besetzung und daran, dass Iain Softely (Regisseur, Anm.d.Red.) von Anfang an darauf bestanden hat, in Ligurien zu drehen. Da war ich, als ich geschrieben habe. Andererseits habe ich überhaupt kein Problem damit, wenn etwas anders aussieht, wie zum Beispiel die Bösewichte. Vieles ist grotesker angelegt als im Buch. Aber dafür habe ich ja jemand anderem die Geschichte gegeben. Damit er sie anders erzählt. An meinem Buch wird sich nichts ändern, weil es jetzt einen Film gibt.

Das ist also eine Entscheidung, die Sie vorher getroffen haben?

Ja. Wenn man nicht riskieren möchte, dass auch Bilder kommen, die man sich ganz anders vorgestellt hat oder dass die Geschichte auch ganz anders erzählt wird, dann sollte man sein Buch nicht adaptieren lassen.

Was halten Sie denn davon, dass ein Filmbuch herauskommt, das Ihre Geschichte nacherzählt?

Wirkliche Leser kaufen das literarische Buch. Die Leute, die keine Leser sind, kaufen das Filmbuch. Ich habe Hunderttausende von Lesern. Die sind nicht so blöd, das zu verwechseln. Außerdem gewinnt ein Buch durch einen Film Leser dazu. Egal, ob der Film schlecht oder gut ist. Und natürlich ist es für den Autoren auch der Spaß am ganz anderen Prozess. Plötzlich erzählt man die Geschichte mit 300 Leuten. Das ist eine sehr ungewöhnliche und aufregende Erfahrung.

Trotzdem habe ich mich während des Films gefragt: Dieses Buch feiert das Lesen, das sich verlieren in der Geschichte. Warum verdammt noch mal macht man da einen Film draus?

Warum nicht?

Das ist zu einfach, Frau Funke.

Ich habe in meinem Leben schon immer zwei Leidenschaften gehabt: Bücher und Filme. Ich bin mit Filmen genauso leidenschaftlich aufgewachsen wie mit Büchern. Es gibt genauso viele Filme, die mein Leben geprägt haben, wie Bücher. Ich empfinde es als Abenteuer, eine Geschichte auch in Bildern zu erzählen. Als Illustratorin ist es für mich das Naheliegendste überhaupt, eine Geschichte mit Bildern zu erzählen. Es geht beim "Tintenherz" eben nicht ums Lesen, sondern ums Geschichtenerzählen. Das ist ein dramatischer Unterschied.

Das Medium ist egal?

Geschichten erzählen kann man mit dem Lesen, aber auch mit dem Sprechen. Man kann es ohne Buch tun, man kann es im Film tun. Wir müssen lernen, diese geschichtenerzählenden Medien nicht immer gegeneinander auszuspielen. Wir müssen uns mit Film und Fernsehen viel aktiver auseinander setzen und diese Art des Geschichtenerzählens auch unseren Kindern erklären. Kinder müssen wissen, wie es gemacht wird. Wie entsteht denn meine Lieblingsfernsehserie? Wie entsteht ein Drehbuch? Wie wird nachher geschnitten? Wer hat Einfluss darauf, wie die Geschichte am Ende wirklich erzählt wird. Warum wirkt das stärker auf mich und das weniger? Wir dürfen nicht sagen: Das Buch ist das einzig Wahre. Bei den anderen Sachen wissen wir nicht so genau, wie es funktioniert, aber sie nehmen unseren Kindern das Lesen.

In Teil zwei lesen Sie, wie Cornelia Funke es findet, wenn ein Kind nur den Film sieht

Also hätten Sie nichts dagegen, wenn ein Kind nur den Film sieht und nicht Ihr Buch liest?

Ich fände es schade, weil es sicher viel Spaß daran hätte, die "extended version" zu sehen, die das Buch ja ist . Der Film hat nur zwei Stunden Zeit, die Geschichte zu erzählen. Wenn Sie mein Buch laut lesen, kommen Sie auf ungefähr 18 Stunden. Natürlich muss im Film viel geändert werden. Ich kenne aber auch viele Kinder, die lesen meine Bücher fünf Mal, dann gucken sie sich die Theaterinszenierung an, dann hören sie sich das Hörbuch an, und die gehen jetzt auch in den Film. Diese Kinder haben die Geschichte in all ihren Versionen in ihrem Kopf. Das bringt ihnen so viel darüber bei, wie man Geschichten erzählt. Weil man das nämlich auf ganz verschiedene Art und Weise tun kann, und trotzdem ist es immer noch die gleiche Geschichte.

Sehen Sie das wirklich so technisch?

Das ist doch nicht technisch. Das ist das Herz der Sache.

Aber ist das Wissen um die Knöpfe, die man drücken muss, wie, wo, was geschnitten wird nicht ein Fantasiekiller?

Überhaupt nicht. Sie müssen doch für die Fantasie das Handwerk beherrschen. Wie schreibt man denn ein Buch? Sie fangen an zu recherchieren, sie lesen für "Tintenherz" über Marder und Feuerspucker, sie beschäftigen sich mit Büchersammlungen und Büchermördern, sie versuchen, eine Struktur für das Buch anzulegen. Sie versuchen, sich zu überlegen, wie die Orte aussehen. Ich habe mir Bilder an die Wand gehängt, Gemälde aus dem Mittelater, um einen Geschmack für die Zeit zu kriegen. Ich schaue mir das Handwerk an, so wie ein Maler die Leinwand vorbereitet. Und wenn sie Film oder Fernsehen machen, ist es genau dasselbe. Sie müssen ihr Handwerk beherrschen, sonst können sie nicht erzählen. Es ist falsch zu glauben, dass das Handwerkliche nichts Fantastisches hat.

Ich meinte aber den Leser, nicht den Schreibenden.

Aber für den Leser ist es auch unendlich interessant. Ich werde permament von Kindern gefragt: Wie fängst du an? Wie machst du das? Ich würde auch gerne schreiben, wie geht denn das? In diesem sehr engen, ich will nicht sagen elitären, aber doch weltfremden Kunstbegriff steckt der Irrglaube, dass die Kunst nichts mit Handwerk zu tun habe. Natürlich ist die Kunst immer zu 99 Prozent Handwerk. Und nur wenn man sich - gerade auch bei Film und Fernsehen - dieses Handwerk genau anguckt, kann man irgendwann zur Freiheit der Kunst gelangen und sich auch mal einen Antonioni-Film angucken. Das ist aber erst der nächste Schritt.

Sie sind also eine filmische Literatin?

Natürlich. Der Witz ist doch der: Wenn wir alle ehrlich wären, dann würden wir zugeben, dass wir mindestens so sehr von Filmen geprägt sind wie von Büchern. Das ist einfach so. Aber irgendwie haben wir es immer noch nicht realisiert, welche unglaubliche Wirkung dieses Medium hat. Deshalb sollten wir uns aktiver damit auseinandersetzen. Wir sollten es nicht nur angucken, sondern auch wissen, wie es geht