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"Deutschland, deine Künstler": "Mäuschen spielen" bei der Tintenherz-Funke

Zehn Millionen Mal wurden ihre Bücher verkauft, über die Autorin weiß man wenig. Für die Dokureihe "Deutschland, deine Künstler" besuchte ein ARD-Team die deutsche Kinderbuchautorin Cornelia Funke in ihrem Gartenhaus in Beverly Hills. Entstanden ist ein sehr intimes Porträt.

Von David Denk

Vielleicht hätte Jürgen Klinsmann in Malibu mehr Homestorys machen sollen. Vielleicht hätte die deutsche Öffentlichkeit dann gesehen, wie glücklich er mit seiner Familie in Kalifornien ist und hätte es ihm gegönnt, anstatt immerzu auf die offenbar vielfach empfundene moralische Residenzpflicht für Bundestrainer zu pochen. Vielleicht hätte man sich sogar ein bisschen gefreut für ihn. Vielleicht hätte es aber auch alles bloß noch schlimmer gemacht.

Türen weit geöffnet

An Klinsmann, dessen Wohnortwahl zeitweise ein Politikum war wie die Spritpreise, muss man unweigerlich denken, wenn man die Kinderbuchautorin Cornelia Funke bei ihrem Leben in Beverly Hills beobachtet. Für einen Film der ARD-Reihe "Deutschland, deine Künstler" hat sie die Türen ihres Hauses weit geöffnet. Eigentlich ist es eher eine Villa, mit Pool und Gartenhaus, in der früher mal Faye Dunaway gewohnt hat und nun die gebürtige Dorstenerin, die mit ihren Kinderbüchern weltberühmt geworden ist. "Seit der Tintenherz-Trilogie ist sie die deutsche J.K. Rowling", legt der Autor Andreas Ammer dem Sprecher in den Mund.

Zum Beweis folgen einige imposante Zahlen: Rund 50 Bücher hat Funke bisher geschrieben, die in bis zu 30 Sprachen erschienen sind und sich insgesamt mehr als zehn Millionen Mal verkauft haben. Und natürlich wurden einige auch schon verfilmt, zuletzt "Tintenherz" (US-Kinostart 2009). "Ich gebe zu, ich bin da richtig stolz drauf", sagt Funke und lächelt. "Dass du die plötzlich alle selber geschrieben hast, das ist immer noch unfassbar." Und wieder lächelt sie, offen und selbstbewusst.

Der Blackberry ist immer dabei

Um nochmal auf die Wahl des Wohnorts zurückzukommen: Für Funke ist es nicht egal, wo sie ihre Bücher schreibt. "Im Moment nährt mich nicht Schönheit, sondern Vielfalt", sagt sie, für die Los Angeles, die Heimat der Traumfabrik, "ein sehr wirklicher Ort" ist. Und einer, der in einem bemerkenswerten Kontrast zu den Fabelwelten ihrer Bücher steht. "Noch nie hat sich ein Ort so sehr nach Heimat angefühlt", sagt Funke und wundert sich selbst ein bisschen darüber. In einem der nächsten Bilder sieht man Funke mit ihrem allgegenwärtigen Blackberry am Strand sitzen, hinter ihr liegt ein Obdachloser wie ein Stück Treibholz im Sand. Ihre Eltern erzählen, dass der Kontakt zu ihrer Tochter noch nie so eng gewesen sei wie in den drei Jahren, die sie nun in Amerika lebt. "Zigfach näher" sei sie ihnen im Vergleich zu ihrer Hamburger Zeit, sagt Vater Karl-Heinz.

Cornelia Funke ist ein beneidenswert ausgeglichener, glücklicher Mensch. "Die Idylle scheint kaum auszuhalten", entfährt es Ammer, als Funkes Sohn im Garten Trampolin springt, der Hund in der kalifornischen Sonne döst und Funke im Gartenhaus über ihrem neuesten Buchprojekt sitzt. Dabei hätte auch sie mindestens einen Grund, mit dem Schicksal zu hadern - weniger zwar als andere, aber eben doch diesen einen. Kurz nach ihrer Ankunft in Amerika starb Funkes Mann Rolf an Krebs. Die Krankheit war nicht mehr heilbar, als sie diagnostiziert wurde. "Der Ort ist halt der, wo wir unser glücklichstes Jahr hatten", sagt Cornelia Funke und fügt hinzu: "Für mich ist mein Mann hier." Deswegen habe sie auch keine Sekunde daran gedacht, nach seinem Tod zurück nach Deutschland zu gehen.

Man duzt sich

Cornelia Funke hat für Andreas Ammer nicht nur die Türen ihres Hauses geöffnet, sondern auch die zu ihrer Seele. Das klingt kitschiger, als es im Film wirkt. Der Zuschauer profitiert vom Vertrauensverhältnis zwischen Funke und Ammer, man duzt sich, er kommt näher an die Porträtierte heran, als dies in Fernsehdokumentationen normalerweise der Fall ist. Der Zuschauer belohnt diese Offenheit mit seiner Sympathie. Da darf Cornelia Funke ihren Sohn auch mal "Du Spackenkopp" nennen, ohne dass man ihr das übel nimmt. Das Gegenteil ist der Fall. Es ist ein weiteres Sympathieplus auf ihrem Konto. Allzeit beherrschte Menschen sind doch gruselig.

Impulsivität zeigt "die Wortfinderin" (Funke über Funke) auch am Schreibtisch. Sie sei selber manchmal überrascht über die Wendungen, die die Geschichte nimmt, von der sie am Anfang nie das Ende kenne. Funke erzählt von dem Schock, als sie beim Schreiben von "Tintenblut" plötzlich gesehen hat, dass eine Hauptfigur sterben wird. Ändern können habe sie daran nichts, sagt Funke, denn: "Die Geschichte gibt's schon. Ich muss nur noch finden, wie sie lautet."

Auch mit dem nächsten Buch will Cornelia Funke ihre Leser wieder überraschen - auch auf die Gefahr hin, dass ihnen die Überraschung nicht gefällt. "Mir ist das Risiko lieber als die Sicherheit und die leichte Schläfrigkeit, die mit der Sicherheit verbunden ist", sagt Funke. Und wieder muss man an Klinsmann denken, der in seiner bisherigen Trainerarbeit ja auch immer neue Wege den ausgetretenen Pfaden vorgezogen hat und - eine weitere Parallele zu Funke - bei allem, was er tut, auf die Unterstützung seiner Fans bauen kann.