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200. Todestag: Was von Schiller wirklich blieb

Kaum 46 Jahre alt war er, als er vor 200 Jahren starb: Friedrich Schillers Beerdigung war ein Trauerspiel. In einem Massengrab wurde das Genie verbuddelt. Noch schlimmer ging man mit seinen Gebeinen um. Der berühmteste "Leichenfledderer" war Goethe.

Zum Läuten der Mitternachtsglocke vom 11. auf den 12. Mai vor 200 Jahren wurde ein billig gezimmerter Sarg durch die leeren Gassen Weimars getragen. Er enthielt die sterblichen Überreste des großen Dichters Friedrich Schiller, dessen Lebensuhr am 9. Mai 1805 abgelaufen war. Bis zuletzt hatte er dem todkranken Körper literarische Werke abgerungen. Als man ihn aus dem Haus trug, lag das unfertige Manuskript zum Schauspiel "Demetrius" noch auf dem Schreibtisch. Auch als Fragment wurde es unsterblich - wie so viele von Schillers Dramen, Gedichten und Balladen.

"Kein milder Laut von Musik, kein Wort aus Priester- oder Freundesmund"

Was an Schiller aber sterblich war, das wurde in jener Nacht durch die schlafende Stadt getragen. Kaum zwei Dutzend Männer begleiteten den Sarg, vom Theater war niemand dabei. Im Grufthäuschen des Kassengewölbes auf dem Jakobsfriedhof ließen sie ihn an Seilen in die Tiefe des Sammelgrabes hinab, "bis er Grund, irgendwelchen Grund fand, zwischen anderen Schreinen oder auf ihnen", so schilderte es Thomas Mann in seinem "Versuch über Schiller". "Kein milder Laut von Musik, kein Wort aus Priester- oder Freundesmund..."

Schiller mochte es wohl gleichgültig gewesen sein, was nach seinem Tod mit dem im Leben so gepeinigten Körper geschah. In seinem Gedicht "Das Ideal und das Leben" heißt es: "Nur der Körper eignet jenen Mächten,/ Die das dunkle Schicksal flechten;/ Aber frei von jeder Zeitgewalt,(...)/ Wandelt oben in des Lichtes Fluren/ Göttlich unter Göttern die Gestalt".

Aber seine Witwe Charlotte, geborene von Lengefeld, hatte sich das Sammelgrab nie als endgültige Ruhestätte ihres Mannes gedacht. Sie wünschte sich für ihn ein Einzelgrab, neben dem sie selber einmal bestattet werden wollte, wie es Albrecht Schöne in seinem Buch "Schillers Schädel" berichtet. Doch erst im März 1826 wurde verfügt, dass Schillers Sarg aus der Gruft gehoben werden sollte. Zu der Zeit waren die Särge aber längst geborsten, die Leichen verwest. 23 Schädel wurden aus dem Moder geborgen. Der damalige Weimarer Bürgermeister Karl Leberecht Schwabe stellte sie auf eine Tafel und rief gleich, auf den größten zeigend: "Das muss Schillers Schädel sein!"

Bei Goethe auf dem Schreibtisch

Ein halbes Jahr später ließ sich Goethe den Totenschädel seines Dichterfreundes in sein Wohnhaus bringen, wo die "heilige Reliquie" auf einem blausamtenen Kissen unter einem mit Silber eingefassten Glassturz über Monate blieb. Nach vorübergehendem Aufenthalt in der Großherzoglichen Bibliothek kam der Schädel im Dezember 1827 mitsamt einiger Gebeine, die man Schiller zuschrieb, in die fürstliche Begräbnisstätte, wo sie sich noch heute in dem repräsentativen Eichenholzsarkophag neben dem Sarg Goethes befinden.

1883 stellte der Anatom Hermann Welcker die Echtheit des von Schwabe rein intuitiv bestimmten Schiller-Schädels in Frage. Die Fachgelehrten stimmten ihm zu, während sich die Laien entrüsteten. Im Jahr 1911 ließ August von Froriep laut Schöne noch einmal 63 Schädel aus dem Kassengewölbe ausgraben. Nach intensiven Studien bezeichnete er einen davon als den echten Schillerschen Schädel, was eine Gutachterkommission der Anatomischen Gesellschaft einstimmig bestätigte. Und so kam 1914 noch ein Sarg mit dem "zweiten" Schiller-Schädel in die Fürstengruft.

DNA-Test würde Gewissheit bringen

Ein wissenschaftlicher Nachweis der Echtheit wäre nach Ansicht der Anthropologin Ursula Wittwer-Backofen auch 200 Jahre nach Schillers Tod durchaus noch möglich. Man müsste zum einen aus der Totenmaske ein Positiv des Gesichts herstellen. Wenn dies auf den Schädel passen würde, könne man durch ein Ausschlussverfahren mehr Gewissheit erlangen. Völlig sicher wäre man, wenn man daneben die DNA aus geschützten Arealen des Schädels, etwa aus der Zahnwurzel, extrahieren könnte und Vergleichsmaterial dazu fände - aus der Kleidung, aus irgendeinem Material, das konservierte DNA-Spuren trägt oder von heutigen Verwandten Schillers, erläutert die Freiburger Professorin.

Bisher hat die Stiftung Weimarer Klassik derartige Untersuchungen stets abgelehnt. "Bedenkt man, in welche Verlegenheit die Verwaltung der vielbesuchten Fürstengruft geriete, wenn sich etwa beide rivalisierenden Schädel als unecht erwiesen, leuchtet das wohl auch ein", schrieb Schöne. Gebeutelt durch den verheerenden Brand der Anna-Amalia-Bibliothek hat die Stiftung derzeit ohnehin andere Sorgen, als eine Prüfung der beiden Schiller-Schädel auf ihre Echtheit zu veranlassen. Dies sei "keine wesentliche Frage", hieß es aus Weimar.

Jochen Wiesigel/AP / AP
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