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Alexander Solschenizyn: "Eine moralische Instanz"

Mit seinem Werk "Archipel Gulag" setzte Alexander Solschenizyn den Opfern Stalins ein würdiges Denkmal. Im stern-Interview spricht der britische Historiker Orlando Figes über die Bedeutung des gestorbenen Schriftstellers.

Der britische Historiker Orlando Figes hat für sein diese Woche auf Deutsch erscheinendes Buch "Die Flüsterer" Hunderte Zeitzeugen des stalinistischen Staatsterrors interviewt und deren private Erinnerungen, Bilder und Dokumente zu einem bewegenden Zeugnis der Schreckensjahre zusammengestellt. Sein Werk wurde in England als "literarisches Denkmal des Sowjetvolks" gepriesen, als Enzyklopädie menschlicher Beziehungen unter Stalin. Kritiker verglichen seine Prosa mit der Wucht von Alexander Solschenizyns Meisterwerk "Archipel Gulag". Der stern sprach mit dem 48-jährigen Geschichtsprofessor der University of London über Einfluss und historische Relevanz des am Sonntagabend in Moskau an Herzstillstand gestorbenen Sowjetdissidenten und Literaturnobelpreisträgers Solschenizyn.

Herr Figes, wie wichtig waren die Werke von Alexander Solschenizyn für Sie und Ihre Arbeit?

Absolut unerlässlich. "Archipel Gulag" zum Beispiel ist ja nicht nur eine Geschichte des Gulag - es ist ein Zeugnis von Solschenizyn und den mehr als 200 Menschen, deren Erinnerungen er in seinem dreibändigen Werk verarbeitet hat. Er schreibt in seinem Vorwort, dass nur der verstehen kann, was dort vor sich ging, der es selbst erlebt hat. Und ich glaube, das ist richtig. Die ganze furchtbare Wahrheit eines Gefangenenkonvois versteht nur, wer ihn erleiden musste.

Sie haben Hunderte Überlebende des stalinistischen Terrors interviewt. Was bedeutete Solschenizyn diesen Menschen?

Vor allem für die, die ihn in den 60er und 70er Jahren lasen, repräsentiert er eine grandiose moralische Instanz. Für uns war das auch ein Problem - unsere Interviewpartner identifizierten sich so sehr mit der Botschaft in "Archipel Gulag", dass sie dieses Buch in ihre eigenen Erinnerungen aufgenommen haben. Solschenizyn hat eine Art kollektive historische Erinnerung der Stalin-Zeit erschaffen.

Wie zeigte sich das?

Ich sprach mit einer Frau, die, damals noch ein Kind, ihre Mutter in einem Gefängnis besucht hatte, einer Ziegelfabrik. Sie hat uns einige Details dieser Besuche erzählt - und die gleichen fast wörtlich den Beschreibungen Solschenizyns aus ebendieser Ziegelfabrik. Die Frau hatte ihre eigenen, schlimmen Erinnerungen mit denen überlagert, die sie in "Archipel Gulag" gelesen hatte. Diese Identifikation mit der literarischen Vorlage ersetzt bei den Überlebenden die schmerzvolle Suche in der eigenen Geschichte.

Solschenizyn hat noch während seiner Zeit als Gefangener begonnen, in Gedanken und auf winzigen Zetteln seine Bücher zu formulieren. Sie sagen, dass es heute, mehr als 50 Jahre nach den Geschehnissen, vielen Leuten immer noch schwer fällt, über ihre Erlebnisse zu sprechen. Wie bewerten Sie Solschenizyns Fähigkeit, so früh so viel aufzuschreiben?

Das ist tatsächlich Solschenizyns großartige Leistung. Er hat seine Gedanken, seine Emotionen damals in Geschichten, in eine Fiktion gegossen. Und hat es dabei geschafft, seine Wut aus den Schriften herauszuhalten, wie auch fast alle anderen persönlichen Gefühle, die er nach den langen Jahren der Haft gehabt haben muss. Das macht sein Werk so universell und durchschlagend. Wir sind jetzt in einer Zeit angelangt, in der die Menschen in Russland bereit sind, auch über ihre ganz privaten Emotionen zu sprechen, über die Auswirkungen, die der Terror auf ihre Familien hatte. Diesen Aspekt klammert Solschenizyn in seinen Werken noch aus, musste ihn zu der damaligen Zeit ausklammern. Auf eine Art setzen wir seine Arbeit der Erinnerung mit den Zeugenbefragungen fort, die in Russland von dem Verein Memorial gesammelt und archiviert werden.

Warum hat Solschenizyn auch in den langen Jahren seines Exils in Europa und den Vereinigten Staaten das Leben im Westen nie gemocht?

Vielleicht lag es daran, dass er in Russland eine moralische Größe war und er diesen Auftrag sehr ernst nahm. Er sah sich damit in der Tradition großer humanistischer Schriftsteller wie Leo Tolstoi - er wollte die Stimme des Volkes sein. Und im Westen hat er sich, vermute ich, nie verstanden gefühlt. Er glaubte, dass viele auf die Sowjetunion mit einem naiven Unverständnis schauten und niemand wirklich begriff, was die Menschen dort fühlten und was Millionen erlitten hatten.

Hat ihn der Westen stets missverstanden? Als Dissident galt er als Kämpfer für Demokratie, die er aber in ihrer westlichen Form später sehr klar ablehnte.

Viele im Westen nahmen an, dass ein Gegner des sowjetischen Systems automatisch ein Verteidiger der westlichen Demokratie in ihrer liberalen Form sein müsste. Er war sicherlich ein Verteidiger von Menschenrechten. Aber die westliche Demokratie beschrieb er als moralisch bankrott. Nach seiner Rückkehr nach Russland rückte er sich selbst in die Nähe von Fjodor Dostojewski, der ja auch im Exil zu einem mythischen russischen Nationalismus fand. Was wir nicht vergessen sollten, ist, dass dieser Mann 1918 geboren wurde. Er wuchs im sowjetischen System auf, er glaubte daran, zumindest bis in die späten 1940er Jahre. Wie viele aus dieser Generation, die wir interviewten, ist er immer ein Teil dieser Gesellschaft geblieben. Deren Opfer werden keine westlichen Liberalen, nur weil das System sie niedergeworfen hat - wer das glaubt, hat noch nicht einmal die erste Hürde auf dem Weg genommen, die russische Gesellschaft ernst zu nehmen.

Welche Rolle spielt Solschenizyns Lebenswerk bei der Aufarbeitung der russischen Geschichte?

Als historisches Dokument sind seine frühen Werke absolut unersetzbar. Und seine Schriften werden für immer als Zeugnis und Denkmal bestehen bleiben, für die Millionen, die unter Stalin gelitten haben.

Interview: Cornelia Fuchs/print

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