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ARMISTEAD MAUPIN: Tony, verzweifelt gesucht

Über eines der größten Rätsel im amerikanischen Kulturbetrieb hat Armistead Maupin mit »Der nächtliche Lauscher« einen hochspannenden Roman geschrieben.

Vielleicht liest er das hier ja. Sieht dieses alte Foto von sich auf der nächsten Seite und ärgert sich. Entschließt sich, aus seinem Versteck herauszukommen, der Welt zu sagen: ES. GIBT. MICH. WIRKLICH. Er müsste jetzt vier-, fünfundzwanzig sein, Genaues weiß man nicht über Anthony Godby Johnson. Alles, was man weiß, stammt aus seiner unfassbaren Autobiografie »A Rock and a Hard Place«, die er als 14-Jähriger geschrieben hat - die wahre Geschichte seines Schicksals: das eines zuletzt Aids-kranken Jungen, von seinen Eltern bis zum elften Lebensjahr wie ein Tier gehalten, geschlagen, gequält, missbraucht, verschachert an Männer, die sich an ihm aufgeilten. Einer von ihnen hatte das Virus in sich.

Er hat sich gerettet, wurde adoptiert von Vicki Johnson, hat seine Eltern ins Gefängnis gebracht und begann, seine Geschichte aufzuschreiben. Der Haken an der Sache ist nur: Den Jungen gibt es nicht. Oder doch? Steht nicht sein Buch in den Läden? Der Fall Johnson ist seit fast zehn Jahren das wohl größte Mysterium des amerikanischen Kulturbetriebs. Und Armistead Maupin hängt mittendrin.

Von vorn. Zehn Jahre zurück. San Francisco. Der Schriftsteller der legendären »Stadtgeschichten« sieht, dass sein Anrufbeantworter blinkt, dann ist da dieses Stimmchen. Er weiß sofort: Tony! Maupin hatte die Druckfahnen von »A Rock and a Hard Place« gelesen und versucht, dem Jungen seine Bewunderung mitzuteilen; hatte den Verleger gebeten, den Kontakt herzustellen.

Er sei ein Fan

der »Stadtgeschichten« sagt Tony, und es wäre cool, wenn sie ab und zu miteinander telefonieren könnten. »Er hatte diesen Street-Kid-Slang, klang manchmal wie Bart Simpson«, sagt Maupin und lacht in sich hinein. »Zu Beginn wusste ich nicht genau, wie ich mit ihm reden sollte, doch wir wurden schnell vertraut, telefonierten bald fast jeden Abend miteinander.«

Auch Tonys Adoptivmutter Vicki Johnson spricht ab und zu mit Maupin, erkundigt sich, ob ihm Tony nicht auf die Nerven gehe. Doch Maupin und der Junge werden Freunde übers Telefon, Vicki schickt dem Schriftsteller ein Foto von Tony. Und sogar Maupins damaliger Partner Terry Anderson, der selbst seit Jahren HIV-positiv ist, telefoniert ab und zu mit dem Jungen und gibt ihm Ratschläge.

Mit der Mutter hatte er noch nie gesprochen. Und hätte Anderson nicht eines Abends zufällig den Hörer abgenommen, wäre vielleicht nie etwas aufgefallen. Doch dann hat er Vicki das erste Mal am Apparat, und ihm gefriert das Blut, als er ihre Stimme hört.

»Er kam völlig verstört zu mir und sagte: Ist dir das nie aufgefallen?«, sagt Maupin, macht eine Pause, krempelt den Ärmel hoch und entblößt den Unterarm: Er hat tatsächlich Gänsehaut, wenn er es erzählt. »Ist dir nie aufgefallen, dass Vicki und Tony ein und dieselbe Stimme haben?« Maupin merkt sofort: Das ist wahr. Seitdem lebt der 57-Jährige in einem Stephen-King-Roman. Bis heute.

Er holt Erkundigungen über den Jungen ein, fragt beim Verlag nach, ob ihn schon mal jemand gesehen habe. »Der Verleger David Groff schloss die Bürotür und vertraute mir an, dass er die gleichen Zweifel habe. Doch der Junge müsse einfach existieren. Mit Tony sei es ein bisschen so wie mit Gott, sagte er dann noch. Ich konnte es kaum glauben.«

Die abendlichen Telefonate gehen weiter, »ich konnte doch nicht ausschließen, dass es ihn nicht doch gibt«, sagt Maupin. »Wenn es nur eine einprozentige Chance gibt, dass er existiert, hätte ich mir nie verziehen, ihm nicht zu glauben. Missbrauchten Kindern wird oft nicht geglaubt, ich wollte ihn nicht zerstören.«

Doch von da an ist Maupin misstrauisch. »Eine Hirnhälfte liebte das Kerlchen am anderen Ende der Leitung, die andere sagte: Pass auf, wer immer da redet, lügt dich an.« Oft spricht er erst mit Vicki und danach mit Tony, »und dann malte ich mir aus, wie sich diese Frau in einen Jungen verwandelte und mit verstellter Stimme weiterredete. Das war faszinierend und gruselig zugleich.«

Ende Mai 1993

erscheint ein aufsehenerregender Artikel im Magazin »Newsweek«. Die Aussage: Der Junge existiert nicht. Es wird jedoch nicht behauptet, dass Tony und Vicki identisch seien. Vielmehr wird angedeutet, »A Rock and a Hard Place« sei von dem renommierten Schriftsteller und Aids-Aktivisten Paul Monette geschrieben worden. Der hatte, genau wie Maupin, eine längere Telefonfreundschaft mit dem Jungen, hatte Agenten und Verlage auf dessen Skript aufmerksam gemacht. Monette bestreitet heftig, das Buch geschrieben zu haben, und die »Newsweek«-Autorin wird später einräumen, es sei sehr unwahrscheinlich. Monette stirbt im Februar 1995 an Aids.

»Es war einfach eine Wahnsinnsgeschichte«, sagt Maupin, »doch solange ich nicht ausschließen konnte, dass Tony existiert, wollte ich sie nicht aufschreiben.« Inzwischen ist die gesamte amerikanische Presse hinter dem Jungen her, recherchiert Fakten, die in seinem Buch auftauchen. Es finden sich keine Belege für die Verurteilung der leiblichen Eltern, obwohl dieser Fall jede Menge Aufsehen erregt haben müsste: Eltern verkaufen ihren Sohn an Päderasten!

Und niemand findet die Gerichtsakten, die Zeitungsartikel? Unmöglich. Nur eine Reporterin der Nachrichtenagentur AP, Leslie Dreyfous, behauptet, sie habe Tony zu Hause besucht, und ja: Er lebt. Dreyfous ist die Kronzeugin, erst vergangenes Jahr gesteht sie, dass sie zwar einen Jungen gesehen habe, aber nicht aus der Nähe. Sie habe furchtbare Zweifel. Sie hat ihren Job an den Nagel gehängt. Die Kronzeugin ist eingebrochen. Vicki Johnson wehrt alle Versuche ab, Tony zu besuchen. Er sei zu geschwächt durch Aids, Besuche würden ihn umbringen.

Maupin beendet

die Arbeit an seinem Buch »Der nächtliche Lauscher« - und es ist das stärkste, das er je geschrieben hat. Mit einigen Änderungen, um den vielleicht doch existenten Jungen zu schützen, hat er die Ereignisse der letzten Jahre aufgeschrieben, und wüsste man nicht, dass es die Geschichte hinter der Geschichte gibt, müsste man sagen: gut erfunden.

Inzwischen ist er fest davon überzeugt, dass es Tony nie gegeben hat. »Wir wurden reingelegt, von allen. Vom Verleger, von der Reporterin, die sagte, sie habe ihn getroffen. Von Vicki Johnson.«

Die Geschichte hat sich längst verselbstständigt, immer wieder melden sich Leute bei Maupin und raunen: »Ich hatte eine Tony-Erfahrung.« So lässt die Dokumentarfilmerin Lesley Karsten nichts unversucht, die Existenz des Jungen zu belegen, hat der Redaktion des Magazins »New Yorker« im Juni 2001 ein 76 Seiten starkes Dossier zugeschickt - Briefe von Leuten, die ihn kennen wollen. Inzwischen seien, so Maupin, Stimmanalysen angefertigt worden, die eindeutig beweisen, dass die Stimmen von Vicki und Tony dieselben seien.

Bleibt die Frage: Wer ist der Junge auf dem Foto, das Tony Godby Johnson zeigen soll? Maupin hat es ins Internet gestellt, bittet um Hinweise, bislang ohne Erfolg. Mag sein, dass der Geschichtenerzähler in Maupin sich wünscht, Tony würde doch noch auftauchen. Er würde einen großartigen Fortsetzungsroman schreiben.

Oliver Link

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