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Aufklärungsphilosophie: Was man über Kant wissen sollte

"Was kann ich wissen?", "Was soll ich tun?", "Was darf ich hoffen?" - um diese Fragen kreiste die kantsche Philosophie. Die Erkenntnisse bestimmen bis heute das aufgeklärte Bewusstsein.

Ein Buch kann ein epochales Ereignis sein. Für kaum eines in der abendländischen Geistesgeschichte gilt dies mehr als für die "Kritik der reinen Vernunft", die Immanuel Kant 1781 veröffentlichte. Das fiel erst einmal niemandem auf. Zu schwierig war selbst hochgeistigen Zeitgenossen wie beispielsweise dem Philosophen Moses Mendelssohn das 856- Seiten-Werk. Erst nach Jahren wurde seine bis heute reichende fundamentale Bedeutung allmählich erkannt. Der später selbst berühmte Arthur Schopenhauer (1788-1860) nannte es "das wichtigste Buch, das jemals in Europa geschrieben worden".

Seitdem sind Kants bahnbrechenden Gedanken in zahllosen Büchern hin- und her interpretiert worden. Seine Philosophie gilt bis heute als schwer zu durchschauendes Gedankengebäude, von dem Kenner einmal behauptet haben, Kant ohne philosophische Schulung lesen zu wollen, sei wie den Mount Everest barfuß besteigen oder den Atlantik mit der Kraft der eigenen Arme durchschwimmen zu wollen. Die wichtigsten zentralen Erkenntnisse sind aber auch ohne übermenschliche intellektuelle Anstrengungen zu begreifen.

Die drei Grundfragen der Kantschen Philosophie

"Was kann ich wissen"?, "Was soll ich tun"? und "Was darf ich hoffen?" - diesen drei Fragen von grundlegender Bedeutung gilt das Erkenntnisinteresse der gesamten Kantschen Philosophie. Das opus magnum "Kritik der reinen Vernunft" nimmt sich der ersten Frage an. Wie der Titel bereits nahelegt, mit den Mitteln einer "reinen Vernunft". Das ist für Kant eine Vernunft, die ihre Erkenntnisse aus sich selbst heraus und nicht aus der Erfahrung gewinnt.

Paradigmenwechsel: Dinge werden erst vom erkennenden Subjekt produziert

Das Ergebnis war die sogenannte "kopernikanische Wende" im Denken: Kant widerlegt die natürliche Wahrnehmung, wonach die äußeren Gegenstände an sich gegeben sind und von uns als solche erkannt werden. In Wirklichkeit sei es umgekehrt: Die Erkenntnis richtet sich nicht nach den Gegenständen, sondern die Gegenstände nach der Form unserer Erkenntnis. Die Dinge erscheinen nicht von selbst, sondern ihre Erscheinung wird erst vom erkennenden Subjekt - mit seinen Anschauungsformen Zeit und Raum - produziert. Dieser Grundgedanke hat den "Deutschen Idealismus" (Fichte, Schelling, Hegel) ausgelöst, die größte Epoche der deutschen Philosophie.

In dieser Schrift kommt Kant auch zu der Auffassung, daß Metaphysik als Wissenschaft unmöglich ist, da Gott und Seele außerhalb unserer Erfahrung lägen. Die Erkenntnismöglichkeiten des Menschens schließen die Antwort auf die traditionellen Fragen der Metaphysik nach Gott und dem Wesen der Seele nicht ein. Kant schreibt sie dem Bereich der "Dinge an sich" zu: Sie sind zwar denkbar, aber nicht erkennbar.

Was soll ich tun?

Mit der Frage nach dem richtigen Handeln - was soll ich tun? - beschäftigt sich die sieben Jahre später veröffentlichte "Kritik der praktischen Vernunft". Hier findet sich jener Satz, der das Kantsche Moralgesetz in einem Satz zusammenfasst. Der "kategorische Imperativ" gibt die oberste und allgemeinste Handlungsanweisung für jeden Einzelnen vor: "Handle so, dass die Maxime (= subjektive Verhaltensregel) deines Willens jederzeit zugleich als Prinzip einer allgemeinen Gesetzgebung gelten könnte." "Kategorisch" heißt der Imperativ, weil er ohne jede Einschränkung gültig und ausnahmslos jeden immer verpflichtet. Neben dieser Formel finden sich in seiner "Grundlegung zur Metaphysik der Sitten" (1785) weitere Varianten: "Handle so, als ob die Maxime deiner Handlung durch deinen Willen zum allgemeinen Naturgesetze werden sollte". Und: "Handle so, dass du die Menschheit sowohl in der Person als in der Person eines jeden anderen zugleich als Zweck, niemals bloß als Mittel brauchst."

Allen Varianten gemeinsam ist, dass nur derjenige moralisch handelt, der sich nicht von sinnlichen Bestimmungsgründen leiten lässt. Nicht wechselhafte Triebe, Bedürfnisse und Neigungen sollen den Willen bestimmen, sondern allein die Pflicht, dem Sittengesetz zu folgen. Nur dann handelt der Mensch nicht fremd-, sondern selbstbestimmt ("autonom") und rational. Freiheit - für Kant der Grundbegriff der Moral - heißt nicht Schrankenlosigkeit, sondern Gehorsam gegen das selbst gegebene Sittengesetz, das jeder in seinem eigenen Gewissen erkennt.

Was darf ich hoffen? Auf Gott, deren Existenz man nicht beweisen kann

Die letzte Frage nach dem Hoffen beantwortet er in seiner Religions- und seiner Geschichtsphilosophie. Gott ist entsprechend der "Kritik der reinen Vernunft" nicht ein Gegenstand des Wissens und der objektiven Erkenntnis, sondern des Hoffens - allerdings nicht eines schwärmerischen, sondern eines philosophisch begründeten Hoffens. Kant sagt: Gott ist ein "Postulat" der rein praktischen Vernunft. Das heißt: Seine Existenz ist zwar unbeweisbar, aber die Vernunft nötigt, an Gott zu glauben.

Kants politische Schriften aktueller denn je

Auch über die politische Frage nach den Bedingungen der Möglichkeit von Frieden hat sich Kant Gedanken gemacht. In seinen teils unter dem Eindruck der Französischen Revolution (1789) verfassten philosophischen Texten zur Geschichte und Politik beschreibt er die Hoffnung im Blick auf die äußere Freiheit und das Recht. Wie aktuell etwa seine Schrift "Zum ewigen Frieden" (1795) ist, hat sich in der Diskussion um den Irakkrieg gezeigt: "Kein Staat soll sich in die Verfassung und Regierung eines anderen Staats gewalttätig einmischen", schreibt Kant. Er plädierte bereits für die politische Gewaltenteilung, für das rechtsförmige Zusammenleben der Staaten und für eine weltumspannende Friedensgemeinschaft im Rahmen eines Völkerbundes - Vorstellungen, die erst im 20. Jahrhundert, zum Beispiel mit Gründung der Vereinten Nationen, auf breiterer Front umgesetzt wurden.

"Hab Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen"

Aufklärung - diese geistesgeschichtliche Kategorie des rationalistischen Aufbruchs am Ende des 18. Jahrhunderts verkörpert Kant. Wie kaum ein anderer nahm er ihren Wahlspruch auf: "Sapere aude – Hab Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen." Er ging sogar darüber hinaus, indem er zu den Schranken der reinen Vernunft vorstieß und das Denken auf eine höhere Stufe der Klarheit und Reflexion stellte.

Der "Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit" - seine Definition der Aufklärung ist gleichzeitig ein Appell an die menschliche Vernunft. Dieser ist zwar 200 Jahre alt, hat aber nichts von seiner Gültigkeit verloren.

Rudolf Grimm, DPA/ Christoph Marx / DPA