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Bertolt Brecht: Bürgerschreck, Revolutionär und Tyrann

Bertolt Brecht gehört zu den bedeutendsten deutschen Dramatikern. Daneben war sein Leben von der Flucht ins Exil, seiner Begeisterung für den Kommunismus - und von zahlreichen Frauengeschichten geprägt.

Im Laufe seines 58-jährigen Lebens schuf der Lyriker und Dramatiker Bertolt Brecht Bleibendes: Auch 50 Jahre nach seinem Tod sind seine Dramen auf deutschen Bühnen präsent. Nach einer Odyssee durch die halbe Welt starb er am 14. August 1956 in Ost-Berlin. Schon der junge Berthold Eugen Brecht provoziert: Seine Markenzeichen sind "jene ewige Mütze, die in der Unterwelt üblich war, eine Jacke aus schäbigem Leder und eine enorme Zigarre". Weshalb sich der 1898 in Augsburg geborene Sohn eines Fabrikdirektors zum Literatur-Rebell entwickelt, ist laut Brecht-Biograf Reinhold Jaretzky noch immer rätselhaft. Brecht inszeniert sich als Proletarier und Anarchist: Die braven Bürger wenden sich verschreckt ab, wenn er mit seinen Dichterfreunden durch die Straßen des nächtlichen Augsburg zieht und Mädchen nachstellt.

Sein Medizinstudium, das er zu keinem Zeitpunkt ernsthaft verfolgt, erspart ihm die Front. Als Sanitäter wird er in einem Lazarett eingesetzt - ein Erlebnis, das dem 20-Jährigen die Kriegsschrecken vor Augen führt. Sein Durchbruch als Autor gelingt Brecht mit dem Revolutionsstück "Trommeln in der Nacht", das 1922 in München uraufgeführt wird. Dort kommt es bald zu den ersten Nazi-Übergriffen auf seine Stücke. Brecht zieht ins pulsierende Berlin, wo er den Ruf eines Avantgardisten genießt und ansehnliche Gagen kassiert. Hier ändert er seinen Vornamen in "Bertolt", um ihn an den seines Freundes Arnolt Bronnen anzupassen.

Erfolg mit der "Dreigroschenoper

Der Nonkonformist will nicht weniger als das bürgerliche Theater revolutionieren: Alles Gefühlsduselige soll verschwinden. "Das Gefühl ist Privatsache und borniert", stellt der Dichter fest. Kühl-ironisch und vor allem lehrreich - so sollen die neuen Gebrauchsstücke sein. Immer häufiger zeigt Brecht seine Protagonisten in den Rollen von Opfern: Sie sind Rädchen in den Getrieben der Ausbeuter. Mitte der 20er Jahre wendet er sich dem Marxismus zu. Inzwischen eilt ihm der Ruf eines Egozentrikers voraus, der seine Ideen mit Rücksichtslosigkeit umsetzt. Viel Geld bringt ihm die "Dreigroschenoper" ein, zu der der Komponist Kurt Weill die markanten Songs beisteuert. Hier entwirft Brecht das Zerrbild einer bürgerlichen Ordnung, die jeden fast zwangsläufig zum Gauner macht. Der spektakuläre Erfolg überrascht den Autor: Das Publikum beklatsche das, "worauf es mir nicht ankam: die romantische Handlung, die Liebesgeschichte, das Musikalische".

Brecht liegt wegen einer Blinddarmoperation im Krankenhaus, als der Reichstag brennt. Einen Tag später, am 28. Februar 1933, flieht der Dichter mit seiner zweiten Frau, der Jüdin Helene Weigel und den gemeinsamen Kindern nach Prag - nur wenige Stunden, bevor die Polizei an die Tür seiner Wohnung pocht. Trotz seiner Ehen ist Brecht sein Leben lang in ein verwirrendes Geflecht aus Eifersüchteleien, Affären und Dutzenden von Beziehungen verwickelt. Die nun folgende Odyssee fällt dem Dichter schwer: Außerhalb Deutschlands zählt sein Ruf wenig, für fremde Sprachen fehlt ihm das Talent. Seine Jahre im dänischen, schwedischen und später finnischen Exil sind Brechts produktivste Zeit: Hier entstehen "Das Leben des Galilei", die "Mutter Courage" und "Herr Puntila".

Glücklose Zeit in Amerika

Vor der Wehrmacht flüchtet er mit der transsibirischen Eisenbahn nach Wladiwostok und von dort nach Kalifornien, die letzte Exilstation des Gehetzten. Obwohl er sich bei Hollywood niederlässt, gelingt es ihm nicht, sich als Drehbuchautor zu etablieren. An kaum einem Ort sei ihm das Leben schwerer gefallen als in diesem "Schauhaus des easy going", so Brechts Abrechnung mit dem Westküsten-Habitus. Von den amerikanischen Intellektuellen trennt ihn die Sprache, von vielen deutschen Exilanten die grundverschiedenen Auffassungen von Kunst und Politik. Brechts glücklose Amerika-Zeit endet auf der Anklagebank: Wie viele linke Intellektuelle wird er "antiamerikanischer" Umtriebe verdächtig. Noch am Tag seines Freispruchs verlässt er die USA.

Im Oktober 1948 - nach mehr als 15 Jahren im Exil - kehrt Brecht nach Berlin zurück. Gemeinsam mit Helene Weigel, der berühmtesten Darstellerin seiner "Mutter Courage", erfüllt er sich 1949 einen lang gehegten Wunsch: Mit der Gründung des "Berliner Ensembles" hat der Dramatiker endlich sein eigenes Theater. Doch Brechts künstlerische Freiheit wird zunehmend beschnitten: Kulturbürokraten der SED zwingen ihn dazu, Stücke und Drehbücher zu ändern. An der Reaktion des DDR-Nationspreisträgers auf den Aufstand vom 17. Juni 1953 scheiden sich die Geister. Öffentlich erklärt er seine Verbundenheit mit der SED, die die Niederschlagung zu verantworten hat. Später stellt sich jedoch heraus: Seine Forderung nach einer Auseinandersetzung mit den Forderungen der Aufständischen verschwieg das Regime.

Am 14. August 1956 stirbt Brecht an den Folgen eines Herzinfarkts. Er wird auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof bestattet. Trotz des Niedergangs des Sozialismus ist das Genie Brecht aktuell und gefragt, wie Reinhold Jaretzky in seiner gerade erschienenen Biografie betont: "Aus dem politisch etikettierten Brecht, dem Steigbügelhalter des Kommunismus, dem DDR-Nationaldichter, der Ikone der westdeutschen Linken ist ein Dichter geworden, den man jenseits parteipolitischer Vorbehalte genießen darf."

Matthias Armborst/AP