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Bestsellerautor Dan Browns Erfolgsgeheimnis


Dan Brown schreibt alle paar Jahre ein Buch, das dann ein Supermegaweltbestseller wird. So wie nun "Inferno" wohl auch. Aber warum eigentlich? Ein Erklärungsversuch.
Von Christoph Koch

Vielleicht können Sie mir erklären, was ein kometenhafter Aufstieg ist? Mir ist es nicht recht geglückt, das Bild zu verstehen. Kometen pflegen ja nicht wie Raketenspuren in der Senkrechten zu steigen. Sie ziehen geschweift übers Firmament. Kometen bleiben für kurze Zeit, bevor sie wieder in den finsteren Tiefen des Alls verschwinden. Einige kehren periodisch wieder. Dann sind sie lange weg.

Das Wort vom kometenhaften Aufstieg könnte man auf Dan Brown münzen, den Auflagen-Multimillionär. Sehr vielen Rezensenten ist auch nichts Besseres eingefallen, wenn sie erklären sollten, wie aus dem vollkommen unauffälligen Professorensohn aus New Hampshire der Supermegaweltbestseller-Autor werden konnte, der er ist. Und den man ihm auch heute nicht ansieht, da er ausschaut wie ein vollkommen unauffälliger Professorensohn aus New Hampshire.

Das Wort vom kometenhaften Aufstieg könnte auch von Dan Brown sein. Es passt zu seinem leicht bleiernen, doch dabei erstaunlicherweise zugleich hechelnden Stil. Und zu Browns geradezu extremistischen Neigung, den bis kurz vor Platzen mit halbgeraden und schiefen Bildern, Metaphern und Analogien zu mästen. Dennoch ist die Lektüre – seit heute auch von "Inferno" – immer hinreichend gefällig und leicht verträglich: Jedes Mal, wenn die eigenwilligen Plot-Verdrehungen, nicht recht sauber gearbeiteten Erzählfäden und überschüssigen Details zu nerven beginnen, passiert etwas. Etwas Schreckliches. Unerwartetes. Ein Cliffhanger!

Ein Vorbild an Verlässlichkeit

Und Browns Leser passiert ein neues Kapitel, so hundertprozentig verlässlich wie der Königsball im Winter und das Vogelschießen im Sommer. Und das Kapitel ist wieder so kurz, dass man es doch eigentlich noch eben lesen könnte und noch eins und noch eins und noch eins. Und dann noch ein schlechter Schluss, wie der total bescheuerte Hubschrauber-Schluss in "Illuminati" (der Camerlengo unternimmt im Helikopter einen kometenhaften Aufstieg, um eine nur dadurch schadlose Antimaterie-Explosion auszulösen, die ansonsten Rom verschlungen hätte). Es gibt auf der ganzen Welt keine zwei Meinungen darüber, dass dieser Schluss vollkommen beknackt ist, und das bei sieben Milliarden Menschen.

Trotzdem nimmt ihn Dan Brown niemand übel (außer vielleicht Stephen King). Denn Dan Brown liest man auf einen Sitz, wie man auch beim Königsball vom Beginn bis zum Delirium bleibt, einmal im Jahr nur. Alles andere ist Unsinn. Diese Art der stopfenden Lektüre erschöpft, naturgemäß, den Menschen und seine Adrenalin-Speicher: Ein Schluss, der pffffffffft macht (statt wummmmms!), ist sehr labend nach 16, 18 Stunden dauerlesen.

Dies führt uns nun endlich, endlich zum tatsächlich Kometenhaften an Dan Brown: Das extrem Tolle an ihm ist, dass man sich mit Dan Brown alle paar Jahre für ein bis zwei Tage beschäftigen kann und mit nichts anderem. Und dann kann, soll, will und muss man ihn vergessen, gleich dem periodischen Kometen. Dann wieder zwei Tage hektisch-manisch-zwanghaft lesen: Verschwörung, Symbole, Gentechnik, Babylon, Rom, Florenz, Dante, Istanbul, Antimaterie, Kryptografie, finstere Orden, fiese Politik, Mysterium und Mystifax, Reiseführer und Rätsel. Und dann jahrelange Ruhe und Erwartung. Großartig. Es hat einen Grund, warum nur alle Jahre einmal Ostern ist und nur einmal Königsball.

Der Autor Brown – als zyklisches Phänomen, Komet, langsam gärender Geysir, stoßweise aktiv, ist damit abgehandelt. Discard properly after use.

Es gibt aber auch ein Kontinuum: den Menschen Dan Brown.

Ein ordentlicher Mann

Über ihn wissen wir, dass er kommendes Jahr 50 Jahre alt wird, wie gesagt Sohn eines Professors (Mathematik) und Sohn einer Kirchen-Organistin ist. Damit erklärt man sich, dass deren Ältester sich immer schon für die nach Ansicht seiner Fans ganz gegensätzlichen Welten der reinen Wissenschaft und der nebulösen Religion interessiert habe. Das ist selbst rätselhaft, wenn man sich an die mathematisch anspruchsvolle Konstruktion beispielsweise mancher Bachscher Kompositionen erinnert, welche durchaus religiös befeuert waren; Brown aber sieht sich aus Widerspruch geboren. In Ordnung also: Yinyang.

Auch ist wichtig zu wissen, dass es sich bei Brown um keinen gefährlichen Heiden oder Häretiker handelt, der das Abendland zerstören und die Kirche zerlegen will. Einige Kardinäle haben das behauptet – aber nicht nur sein Erscheinungsbild, das leider keine Verstellung ist, sondern auch seine sonstigen Bekundungen belegen, dass es sich bei dem Mann nicht um einen revolutionären Aufklärer, Reformator oder Zeitkritiker handelt. Alles spricht vielmehr dafür, dass Dan Brown tatsächlich nur alle paar Jahre ein auf einen Sitz zu lesendes Buch schreiben möchte, das möglichst viele Menschen in möglichst vielen Ländern kaufen und sich mit ihm amüsieren. Und es freut ihn authentisch, wenn das Ganze auch noch mit Tom Hanks in der Hauptrolle zu einem wirklich dynamischen und ebenfalls sehr erfolgreichen Film verarbeitet wird – selbst dann noch, wenn dafür ein völlig bescheuertes Hubschrauber-Finale abgewandelt werden muss.

Und so geht es in Ordnung, dass Dan Brown bei alledem sehr reich geworden ist. Denn die Frühzeit seiner schriftstellerischen Tätigkeit, als er und seine Frau sich redlich mit Eigenvertrieb und Eigen-PR abmühten (das war die Zeit vor seinem kometenhaften Aufstieg), beweist: Er tat das alles nicht nur, um sehr reich zu werden. Er wollte wirklich genau diese Bücher schreiben. Und es begab sich, dass die Menschen sie mochten. Das spricht für Dan Brown als Mensch.

Da kommt noch was nach!

Brown sagt, er habe noch Ideen für ein Dutzend weitere Robert-Langdon-Romane vorrätig, was auch für seine kluge und vorausschauende Bürgerlichkeit spricht: Bei seiner Schreibgeschwindigkeit nämlich sichert es Brown Beschäftigung für ein Vierteljahrhundert, während es hastigen Charakteren wie etwa Georges Simenon nur für ein Jahr Arbeit gegeben hätte. Brown wird während dieser Zeit etwa vier Tweedjacketts mit ledernen Ärmelflecken brauchen. Und während Simenon (allerdings ein Belgier, kein neuenglischer Episkopaler) trinkend, rauchend, schmausend und hurend im Turbotakt durch seine Manuskripte fräste, arbeitet Brown mit Gemach und Disziplin, so berichtet er. Allenfalls hänge er gelegentlich ab, mit dem Kopf nach unten. Dazu nutzt er Hängeschienen. Wer cool sein will, nennt sie Gravity Boots. Man schnallt sich an, man hängt herab, Blut strömt in den Kopf, wo nach geltender Lehre die Romane entstehen. Brown nennt die Hängeschienen GravityBoots, obwohl er wie gesagt nicht cool ist, aber er ist Muttersprachler.

Wenn Dan Brown hängt, hat er bereits einige Zeit geschrieben, morgens ab vier Uhr, sein Stundenglas mehrfach gewendet, nun leidet er an Schreibblockade, dann hängt er sich nach Fledermaus-Manier hin. Und dann ist das Buch fertig! Millionen warten auf den Erstverkaufstag, um kometenhafte Abverkäufe zu gewährleisten. Der ist heute. Deshalb muss ich jetzt aufhören.


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