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Kopfwelten Geklaut ist nicht geteilt


Der Vorwurf des Plagiats trifft gefeierte Schriftsteller wie jetzt Michel Houellebecq ebenso wie geplagte Schüler und Studierende. Dabei haben sogar schon Kinder ein gutes Gespür dafür, was geistiges Eigentum ist.
Von Frank Ochmann

Autor Dan Brown traf der Vorwurf des Plagiats, kaum war sein "Sakrileg" ("The Da Vinci Code") unter die Leute gebracht. 2006 musste Brown sich deshalb sogar vor einem Londoner Gericht rechtfertigen - und behielt die Oberhand gegen zwei andere Bestsellerautoren. Ob berechtigt oder nicht, bei Millionenauflagen kann es halt einträglich werden, auch nur einen Bruchteil der Erlöse einzuklagen.

Anfang dieses Jahres hatte Deutschland einen kleinen Skandal, als die jugendliche Autorin Helene Hegemann ihren Debütroman "Axolotl Roadkill" vorlegte und in etlichen Feuilletons dafür gefeiert, von anderen aber des Plagiats gescholten wurde. Teile ihres Manuskripts waren aus dem Internet und auf anderen Feldern geerntet und zunächst nicht entsprechend ausgewiesen worden. Von geistigem Diebstahl sprachen Hegemanns Kritiker darum, von einem Beispiel hipper "Sharing"-Kultur ihre nicht sehr lauten Verteidiger.

Dieser Tage nun hat es einen der Großen in Frankreich erwischt. Michel Houellebecq hat sich bei seinem eben publizierten Roman "La carte et le territoire" offenbar bei der Online-Enzyklopädie Wikipedia bedient, wie ihm der Journalist Vincent Glad vorbuchstabierte. Der Autor bestreitet das auch gar nicht, verwehrt sich aber gegen den Begriff des Plagiats und und spricht stattdessen von "Patchwork" und "Verweben". Das sei halt sein Stil.

Gilt geistiger Besitz heute nichts mehr?

Zumindest die etwas Älteren unter uns können sich vermutlich noch ausmalen, was sie in der Schule erlebt hätten, wenn sie von "Patchwork" oder "Sharing"-Kultur gesprochen hätten, um das womöglich auch noch wortwörtliche Abschreiben aus den Elaboraten von Klassenkameraden zu rechtfertigen. Gilt geistiger Besitz heute nichts mehr? Sie bediene sich wie selbstverständlich überall, wo sie Inspiration finde, hatte Helene Hegemann erklärt, und sie verstehe das als "Ablösung von diesem ganzen Urheberrechtsexzess".

Ist die Idee von geistigem Eigentum vielleicht wirklich nur eine kulturelle, kapitalistische Eintagsfliege, die gerade unter der Klatsche des Internets und der globalen Vernetzung stirbt? Ich gebe an dieser Stelle eine gewisse Befangenheit durchaus zu. Denn schließlich gehöre ich auch zu denen, die davon leben, dass sie für Gedanken und deren Formulierung Geld bekommen. Andererseits scheint es aber doch gute Gründe zu geben, die Wertschätzung des geistigen Eigentums nicht nur für eine Voreingenommenheit zugunsten des eigenen Portmonees zu halten. Jedenfalls deutet darauf sogar schon das frühe kindliche Sozialverhalten.

Eigentum - das verstehen schon Zweijährige

Spätestens im Alter von zwei Jahren können Kinder den Begriff des Eigentums vom rein physikalischen Besitz ( "Hänschen gehört der Ball" statt "Mariechen hat den Ball in der Hand") unterscheiden. Aber nach welchen Kriterien urteilen sie über Besitzverhältnisse, wenn sie niemand darüber aufgeklärt hat? Neueren Untersuchungen zufolge gilt dabei offenbar die Grundannahme, dass jemand, der zuerst mit einem Gegenstand beobachtet wurde, diesen auch im Sinn des Eigentums besitzt: Wer etwas zuerst nutzt, dem gehört es auch.

Erst mit fortschreitendem Alter ändert sich diese einfache Herleitungsweise des Eigentums, wie Ori Friedman von der kanadischen University of Waterloo herausfand: Wer war nötig, um dieses in Frage stehende Objekt "besitzbar" zu machen? Das scheint ab dann die entscheidende Frage zu sein. Zum Beispiel: Wer hat die hübsche Muschel gefunden? Wer den Hirsch erlegt?

Der Schritt zum geistigen Eigentum

Und nun ist auch der Weg zum Verständnis geistigen Eigentums nur noch kurz. Entsprechend der materiellen Variante wären die Fragen zur Klärung geistigen Besitzes: Wer hat diese Idee gehabt (die jetzt weitergesponnen oder in ein bestimmtes materielles Objekt verwandelt werden kann)? Wer hat diesen Satz formuliert (der jetzt gedruckt, geposted und verkauft werden kann)?

Natürlich steht es jedem frei, etwas zu verschenken, das er besitzt. Aber darüber, ob etwas ohne Gegenleistung den Besitzer wechselt oder zumindest mitgenutzt werden kann, urteilt sinnvollerweise allein der (legitime) bisherige Besitzer. Genau das unterscheidet ein Geschenk vom Diebesgut - übrigens auch auf Internet-Plattformen und in Tauschbörsen, nicht nur im Fall des Plagiats.

Wie Kinder im Grundschulalter über Plagiatoren urteilen

Die Entwicklungspsychologin Kristina Olson und ihr Schüler Alex Shaw von der amerikanischen Yale University in New Haven, Connecticut, haben in einer eben erschienenen Studie herauszufinden versucht, ob womöglich auch schon Jungen und Mädchen im Vorschulalter nicht nur eine Vorstellung vom materiellen, sondern auch vom geistigen Eigentum haben. Bei Kindern, die jünger waren als fünf Jahre, war das nicht der Fall. Grund dafür, so die Forscher, ist vor allem, dass das Gehirn in diesem Alter noch nicht begreift, dass unterschiedliche Menschen auch unterschiedliche Gedankengänge haben können. Die Frage nach geistigem Eigentum kann sich also noch gar nicht stellen.

Etwa mit fünf bis sechs Jahren aber ändert sich das bereits. Kinder aus dieser Gruppe kommen, soweit kontrollierbar aus freien Stücken, zu negativen moralischen Urteilen, wenn sie mit einem Plagiator konfrontiert werden. Bei den Sechs- bis Elfjährigen werden in entsprechenden Videosequenzen jene Menschen oder auch Marionetten, die sich allein auf ihr eigenes Schaffen verlassen, klar gegenüber jenen bevorzugt, die andere kopieren. Und werden die Kinder gefragt, warum sie die einen ablehnen und die anderen nicht, wird das ungerechtfertigte Kopieren von Ideen ausdrücklich genannt.

In einer Vergleichsuntersuchung wurde das Stehlen materieller Güter allerdings immer strenger bewertet als das von geistigen Gütern. Kristina Olson und Andrew Shaw lassen es am Ende ihrer Untersuchung auch offen, ob die negative Beurteilung der Plagiatoren vielleicht nur darauf zurückgeht, dass die Kinder deren mangelnde eigene Schaffenskraft enttäuschend fanden und sich deshalb gelangweilt abwendeten. Doch selbst, wenn Plagiatoren im Urteil der anderen moralisch noch mild davon kämen, wäre der Vorwurf fehlender Kreativität denn so viel besser?

Literatur:

  • Friedman, O. & Neary, K. N. 2008: Determining who owns what: Do children infer ownership from first possession? Cognition 107, 829-849
  • Friedman, O. 2010: Necessary for Possession: How People Reason About the Acquisition of Ownership. Personality and Social Psychology Bulletin 36, 1161 -1169
  • Glad, V. 2010: Houellebecq, la possibilité d'un plagiat, Slate.fr vom 2.9.:
  • Glad, V. 2010: Houellebecq vs. Wikipedia. Slate.com vom 10.9.
  • Olson, K. R. & Shaw, A. 2010: ‘No fair, copycat!': what children's response to plagiarism tells us about their understanding of ideas. Developmental Science (im Druck, online vorab unter DOI: 10.1111/j.1467-7687.2010.00993.x)
  • Stellungnahmen von Helene Hegemann und Siv Bublitz zu den Plagiatsvorwürfen gegen "Axolotl Roadkill"

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