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BIOGRAFIE: Mein Vater der Massenmörder

Im Schatten des Grauens: die Erinnerungen der Monika Göth - Tochter des KZ-Kommandanten von Plaszow sind jetzt als Buch erschienen.

Nürnberg, 1993: An einem Sonntagnachmittag schleicht sich eine Frau Ende vierzig in den Film »Schindlers Liste«. Auf der Leinwand steht der KZ-Kommandant Amon Göth auf dem Balkon seiner Villa und schießt zum Spaß ein paar Juden im polnischen Lager Plaszow tot. In seinem Bett liegt seine Geliebte und sagt: Koch mal Kaffee. Der Standardsatz meiner Mutter, denkt die Frau und ist davon überzeugt, jeder im Kino weiß, dass sie die Tochter des Kommandanten und seiner Geliebten ist. Am Abend hat sie einen Nervenzusammenbruch.

Die Geschichte der Monika Göth, geboren 1945, hat der Münchner TV-Journalist Matthias Kessler nun aufgezeichnet. Herausgekommen ist das ehrliche, zerquälte Dokument eines Nachkriegskindes, das sich beharrlich wie ein Spion an den Judenmörder Göth herantastet. »Plaszow war doch nur ein Arbeitslager«, sagt die Mutter scheinheilig. Göth, Mörder von mindestens 500 Kindern, Frauen und Männern, wird 1946 in Krakau gehenkt. Aber die Familie steht »wie ein Panzer hinter diesem Mann«. In einem Lokal lernt Monika Göth zwei Juden kennen, einst Häftlinge in Plaszow. Begierig will sie alles über den Vater wissen. »Kindchen«, sagen die Männer traurig und tätscheln ihr den Kopf, »geh heim.«

Anfang 1983 macht die BBC ein Interview mit ihrer Mutter Ruth und fragt nach Oskar Schindler und Amon Göth. Am nächsten Tag bringt sich die Mutter um. »Dieser Amon hat unser ganzes Leben beherrscht. Obwohl er tot war: Der war da«, sagt die Tochter. Der Satz gilt bis heute.

Gerda-Marie Schönfeld

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