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Bücher: Was ist Popliteratur?

Unter Popliteratur fällt heutzutage so ziemlich alles, was irgendwie jung, frech und randständig daherkommt. Drei Bücher von Autoren, die in der Welt der Popmusik zu Hause sind, verweisen dagegen auf den Zusammenhang zwischen Text und Melodie, Buch und Schallplatte, zwischen Rhythmus und Wortsalat. Popliteratur im besten Sinne also.

Von Julian Weber

Popmusik wurde in den USA erfunden und in England verfeinert. Deutschland, das Land der Dichter und Denker, tut sich mit der Leichtigkeit des Pop dagegen noch immer recht schwer. Dafür darf es sich rühmen, den Begriff Popliteratur eingeführt zu haben. Während er im anglo-amerikanischen Raum nicht als Genrebezeichnung gebraucht wird, denn die dortige Literatur steckt vom Bestseller bis zum Experimentalroman ohnehin voller Verweise an Pop: Seien es Zitate aus Songs, Beschreibungen von Musiker-Images oder Ausdruck einer bestimmten, durch Popkultur beeinflussten Haltung, die von Stephen King bis Toni Morrison in unterschiedlicher literarischer Form weitervermittelt wird.

In Deutschland ist Pop jedoch eine Kultur zweiter Ordnung, die erst durch den anglo-amerikanischen Einfluss zur Entfaltung kam. Die Anfänge der deutschen Popliteratur liegen in den Sechziger Jahren, als Autoren wie Rolf Dieter Brinkmann an den Orten der Gegenkultur zugegen waren und aus ihren Erzeugnissen und Erlebnissen neue, bis dato unbekannte Erkenntnisse bezogen haben. Daraus entwarfen sie wiederum einen eigenwilligen Schreibstil, der die neue Gefühlswelt abbilden sollte. Heute wird mit "Popliteratur" all das bezeichnet, was irgendwie jung und frech ist, oder randständig. Manchmal geschieht es auch aus Faulheit oder als simpler Marketingtrick, was den Herausgeber des Popliteratur-Readers "Von Acid nach Adlon" und heutigen Suhrkamp-Verlags-Lektor Johannes Ullmaier einmal zur spitzen Bemerkung veranlasste, "Popliteratur ist der Tendenz nach alles, was Martin Walser nicht ist".

Banalität als positive Eigenschaft

Die Unschärfe dieser Aussage birgt Missverständnisse. Denn Popkultur ist auch in Deutschland längst in die Sphäre der Hochkultur vorgedrungen. Es nützt nichts, Popschriftsteller automatisch zur Gattung der Unterhaltungsliteratur zu zählen, denn ihre Bücher müssen nicht zwangsläufig banal sein. Außerdem ist Banalität im Feld des Pop eine positive, mitunter subversive Eigenschaft. Das beweisen drei Buchneuerscheinungen von Autoren, die auch noch selbst auf dem Feld der Popmusik tätig sind. Noch etwas haben die Autoren Jens Friebe, Peter Licht und Thomas Meinecke gemeinsam: Zeitnah veröffentlichen sie zu ihren Büchern jeweils neue Alben mit Musik.

"Für mich bedeutet Pop in erster Linie einen produktiven Umgang mit bereits vorgefundenen Oberflächen, also: Samples, Zitate, Verweise", sagt der in der Nähe von München lebende Schriftsteller, Radio-DJ und Musiker Thomas Meinecke. Der 52-jährige sammelt ebenso fanatisch Platten, wie er sich durch die Welt- und Wissenschaftsgeschichte liest. Meineckes imposante Erscheinung erinnert auch optisch an ein wandelndes Lexikon. Sein Wissen präsentiert er regelmäßig als Moderator und DJ der renommierten Sendung "Zündfunk" im Radioprogramm von Bayern 2. Und doch kommt Meinecke nie oberlehrerhaft rüber, er blendet sein Ego konsequent aus Musik und Texten aus. Fast zeitgleich mit seiner Band FSK (Freiwillige Selbstkontrolle) begann Meinecke 1981, auch eigene Texte zu veröffentlichen. Erst waren es Kurzgeschichten, dann Erzählungen, schließlich Romane, wie den 2004 erschienenen Band "Musik". Mit "Lob der Kybernetik" sind nun auch Meineckes Songtexte im Suhrkamp-Verlag in Buchform zusammengefasst erschienen. Es ist die chronologische Sammlung aller seit 1980 zusammen mit Freiwillige Selbstkontrolle entstandener Lyrics.

Nichts Tiefsinniges aus der Künstlerseele

Meineckes Songtexte funktionieren, das zeigt "Lob der Kybernetik", auch ohne die dazugehörige Musik. Die darin enthaltenen Sätze und Redewendungen, Aufzählungen und Wortreihungen verlassen sich auf herkömmliche Reimschemen. Meinecke gibt unumwunden zu, dass er mit dem Reclam-Reimlexikon arbeitet. Er will partout nichts Tiefsinniges aus seiner Künstlerseele offenbaren. Poesie darf man von so einem also nicht erwarten. Was Meinecke stattdessen niederschreibt, hat er an seiner massenmedial gepolten Umwelt beobachtet. Es klingt schroff, gerne ist es mehrsprachig und doppeldeutig. Besonders mag Meinecke die an sich unsingbare Aufzählung. Sie birgt faszinierende Sprachmelodien. "Mon chéri/Bel ami/Le dernier cri/Mélancolie/Krambambuli" (aus dem Song "Lesezirkel-Melodie", 1981). "Boogie Oogie Oogie Woogie/singen in mein Ohr/Janice, Hazel, Baß, Gitarre/Geh du schon mal vor" (aus dem Song "A Taste of Honey", 2007).

Oft borgt sich Meinecke auch Formulierungen und Slogans, ja sogar Titel bereits existierender Songs aus der Popgeschichte aus. Wie die Musik seiner Band, die gerne aus bereits vorhandenem Liedgut zitiert, montiert Meinecke vorhandenes Textmaterial um. Über die Intention lässt er die Leser bewusst im Unklaren. Meineckes Songtexte "generieren Fragen, verweigern Antworten", verrät denn auch das Nachwort. Spannend zu lesen sind sie auf jeden Fall und so brandaktuell, dass bereits jetzt die Songzeilen eines erst im Januar erscheinenden FSK-Albums vollständig abgedruckt sind. Zum Beispiel auch der Kriminaltango "Belvedere", dessen Refrain aus den drei etwas unheimlichen Teilen "Das ist mein Schloß und es heißt/ Belvedere/Jagdgewehr" besteht.

"Frau Baron/Das Land auf dem ich wohn/gehört ihnen/Und ich muss ihnen dienen" reimt der Berliner Musiker Jens Friebe auf seinem neuen Album "Das mit dem Auto ist egal Hauptsache dir ist nichts passiert" (Zickzack). Friebe könnte ein Sohn des 52-jährigen Thomas Meinecke sein. Wie dieser schreibt und macht auch er Musik. Blässlich, dünn und blond, sieht Friebe ein bisschen aus wie der exemplarische Schwiegersohn, der von Frauen verhätschelt wird. Mit seinen 32 Jahren ist der Berliner andererseits auch schon wieder zu alt für die Bezeichnung Nachwuchs-Autor. Nun ist sein erstes Buch erschienen. "52 Wochenenden. Texte zum Durchmachen" (Kiwi Köln) ist die erweiterte Sammlung von Friebes ursprünglich in der Berlin Tageszeitung (taz) unter dem Titel "Ausgehen und Rumstehen" abgedruckter Kolumnen. Wie Eintragungen ins Tagebuch, die für eine Biografie überarbeitet werden, bringt Friebe jede Menge unsortierter Nachtgedanken im nüchternen Zustand in eine nachträgliche Dramaturgie.

Der Held dieser kurzen, manchmal hektischen Anekdoten ist getreu dem Genre Pop meist er selbst. Unentwegt zieht er um die Häuser, liest dabei in einer Mischung aus realen Situationen und herbeigeschriebenen Wunschvorstellungen allerlei Fantastisches auf. Zwischen Kneipentour, Konzertreise und Kulturbetrachtung durchlebt Friebe tatsächlich noch Abenteuer in der Großstadt, die er nur dank seines wachen Verstands meistert. Wer denkt, dass dieser Musikermikrokosmos von einem engen Horizont begrenzt wird, den belehren Friebes Texten eines Besseren. So beschreibt er die absurde Vorstellung, wie er an einem einzig Tag alles das absolviert, vor dem er sich fürchtet: Psychotherapie, Gesangsunterricht und Termin beim Wahrsager. "Für uns ist doch immer Wochenende" behauptet Friebe, "bzw. nie, zumindest nicht am Wochenende, wo ja die anderen unterhalten werden wollen von Leuten wie: uns." Damit meint er real existierende Figuren aus der Berliner Popszene und fiktionale Charaktere, die immer wieder in Friebes schrägen und musikalischen Nachtpanoramen hineinplatzen und für Aufregung sorgen.

Ein surrealer Klassenclown

"Ich kaufte mir Ohrstopfen und fuhr nach Berlin. Als wir vor den Bahnhof traten, war es mit einem Male sehr warm und viele Frauen trugen Badeschlappen. Schlapp. Schlapp." Das Absurde im Nebensächlichen zu entdecken und kenntlich zu machen, ist die Methode des Kölner Musikers PeterLicht. Wie er wirklich heißt, ist bis heute nicht bekannt. Bis vor kurzem weigerte sich PeterLicht auch standhaft, fotografiert zu werden, so dass von ihm nur alberne Schnappschüsse von hinten oder von der Seite zu sehen waren. Verglichen mit Meinecke und Friebe kommt er mehr wie ein surrealer Klassenclown rüber. Ein Clown, der auf der Klaviatur medialer Inszenierung allerdings geschickt mitspielt.

"Die Miete ist schon mal die halbe Miete"

Nachdem er in der Vergangenheit schon mit bizarren Sommerhits wie "Sonnendeck" (2001) von sich reden machte, veröffentlichte PeterLicht er zusammen mit seinem neuen Album "Lieder vom Ende des Kapitalismus" auch gleich ein ähnlich betiteltes Buch. "Wir werden siegen! Buch vom Ende des Kapitalismus" (Blumenbar Verlag) ist eine Lose-Blatt-Sammlung aus Songtexten, Aphorismen, Zeichnungen, Gedichten und Kurzgeschichten. "Die Miete ist schon mal die halbe Miete" ist da zu lesen, während eine "Liste wichtiger Fragen" nur mit einer Frage aufwartet: "Warum sind nicht alle so wie ich?" PeterLicht ist eine Mischung aus Größenwahn und prekärer Existenz, der dann doch immer wieder die Kurve zum anarchischen Spaß kratzt. Manchmal lesen sich seine Gedanken auch, als hätte er sie zuerst auf einem Bierdeckel am Tresen niedergeschrieben. "Motto für Eishockey: Auf dem Eis ist wie unter dem Eis." Das ist ein bisschen komisch und auch ein bisschen tragisch. Auf jeden Fall aber ist es Pop.