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Christoph Hein: Spurensuche nach dem Tod eines Terroristen

In seinem neuen Buch befasst sich Christoph Hein mit einem düsteren Kapitel bundesdeutscher Geschichte: dem Tod eines RAF-Terroristen und der Verschleierung des Tathergangs.

Die Nachricht vom gewaltsamen Tod ihres Sohnes Oliver Zurek erreicht die Eltern beim Abendessen. Seither ist die Welt um sie herum nicht mehr das, was sie einmal war. Selbstmord, Mord? Die widersprüchlichen Berichte über die Polizeiaktion auf einem Bahnhof im Osten Deutschlands überschlagen sich. Der Berliner Schriftsteller Christoph Hein fügt den vielen Büchern über die Rote- Armee-Fraktion (RAF) mit "In seiner frühen Kindheit ein Garten" ein neues hinzu. Wie starb der Sohn, ein lang gesuchter RAF-Terrorist wirklich? Sein Vater, ein pensionierter Gymnasialdirektor, will es genau wissen.

Hein greift auf authentisches Geschehen zurück: den umstrittenen Anti-Terroreinsatz im Juni 1993 auf dem Provinzbahnhof im mecklenburgischen Bad Kleinen, bei dem sich der Terrorist Wolfgang Grams in auswegloser Situation selbst das Leben genommen haben soll, so die abschließenden Ermittlungen. Grams wurde außerdem der Tod eines bei dem Schusswechsel schwer verletzten Grenzschutzbeamten angelastet. Lange hielten sich Gerüchte, Grams sei von einem Polizisten im Affekt erschossen worden. Die Eltern beriefen sich auf diese "Exekutionstheorie" und prozessierten noch Jahre gegen Staat und Justiz.

Verbissene Suche nach der Wahrheit

Hein geht es nicht um Schuld und Irrtum eines RAF-Kommando-Mitglieds, sondern allein um das Weiterleben seiner Familie. Bei der verbissenen Suche nach Wahrheit und Gerechtigkeit verliert der über 70-jährige Beamte Richard Zurek mehr und mehr sein Vertrauen in den Rechtsstaat. Hein kritisiert damit die Selbstgefälligkeit der Bundesrepublik, in der die Richter und Ermittler dem mysteriösen Todesfall nicht weiter auf den Grund gehen - frei nach dem Motto: Es war ja nur ein toter Terrorist. Über den wahren Umständen des Todes bleibt ein Schleier der Vertuschung hängen.

Der Roman konfrontiert mit Reaktionen und Konflikten, Anklagen und Selbstzweifeln, Verletzungen und Verlusten. Die Trauerarbeit der Eltern wird zur Reflexion über den Sinn des eigenen Lebens. Vor zehn Jahren ist der Sohn ohne Abschied in den Untergrund abgetaucht. Dessen pseudorevolutionäre Weltverbesserungsideen hat der Vater nie akzeptiert. Dass der Tote in der weiten Öffentlichkeit aber als Verbrecher und Mörder gilt, kann er allein auf Grund der Todesumstände nicht wahrhaben. Die Eltern halten an einer anderen Erinnerung fest: Oliver und seine Schwester als Kinder im Garten.

Freiwilliger Rückzug

Fünf Jahre nach dem Tod des Sohnes stehen sie erstmals an dem "trostlosen, erbärmlichen" Ort des für sie noch immer unfassbaren Geschehens. Kein Tag seither, an dem sie nicht an ihn gedacht hätten. Sie lebten "seit Jahren selbst in der Wohnung versteckt", wirft ihnen die Tochter vor. Ein freiwilliger Rückzug, denn Richard Zurek gilt in der Kleinstadt bei Wiesbaden weiter als geachtete Persönlichkeit. Sein Briefwechsel mit den Behörden und seinem Anwalt, die abschlägigen Schreiben der Staatsanwaltschaft und die gehässigen Berichte der Boulevardpresse - alles ist bei ihm akribisch gesammelt. Stundenlang liest er darin, wieder und wieder, ohne je Klarheit zu gewinnen.

Hein erzählt in der Rückblende. Er nennt sein Buch einen Roman, tatsächlich aber hat es eher den Charakter einer Dokumentation. Seine Sprache ist knapp und bisweilen spröde, zudem lehnt sich Hein stark an die Fakten und das äußere Geschehen an. Dadurch fehlt dem Buch und seinen Figuren ein wenig die vom Autor sonst gewohnte Tiefenschärfe.

Christoph Hein: In seiner frühen Kindheit ein Garten
Suhrkamp Verlag, Frankfurt/Main
272 Seiten, 17,90 Euro

Irma Weinreich/DPA / DPA