HOME

Dai Sijie: Heimkehr auf Papier

In China gilt er als Verräter, überall sonst als wunderbarer Poet: Dai Sijie schreibt wieder über das Land, in das er nicht zurückkann.

Eine Kleinstadt in der chinesischen Provinz Fujian. Auf einem Platz stehen ein älterer Mann und seine Frau: Hände auf den Rücken gefesselt, Köpfe gesenkt, umringt von einer Menschenmenge. Sie werden beschimpft. Geschlagen. Bespuckt. Sie haben Angst, wagen nicht, den Blick zu heben. An ihren Hälsen baumeln große Schilder: "Feinde des Volkes" steht da in fetten Buchstaben.

Am Rande verharrt regungslos ein Junge und beobachtet das Geschehen. Er kämpft mit den Tränen. Er will helfen, aber traut sich nicht. Die beiden Alten sind seine Großeltern, der Junge ist der zwölfjährige Dai Sijie. Wenige Tage zuvor hat er das Gleiche schon einmal erlebt. Da waren seine Eltern die Gepeinigten. Es ist das Jahr 1966, der Beginn der Kulturrevolution. Dai Sijies Familie gehört zu den ersten Opfern. Sein Opa war Pfarrer, die Eltern waren Ärzte, in den Augen der Kommunisten typische Vertreter der von Mao gehassten Bourgeoisie.

Dai Sijie stockt in seiner Erzählung. Seine Hände halten sich an einer Schachtel Zigaretten fest. Nach einer Pause sagt er: "Ich rede darüber nicht sehr häufig." Aber er möchte kein Mitleid. "Ich habe mir damals die Namen von allen aufgeschrieben, die meine Familie angegriffen haben, und mir geschworen, mich eines Tages zu rächen", sagt der heute 50-Jährige. Hat er es getan? Sind seine Filme, ist sein Bestseller "Balzac und die kleine chinesische Schneiderin" eine späte Form der Vergeltung? Er schüttelt den Kopf und lacht. Gerächt hat er sich nicht, er hat höchstens getrotzt.

Die Kommunisten schickten ihn zur Umerziehung mehrere Jahre in ein abgelegenes Bergdorf. Zwischen seinem zwölften und 21. Lebensjahr durfte er, abgesehen von der Mao-Bibel, keine Bücher lesen, keine Musik hören. Er ist trotzdem seinen Weg gegangen. Studierte Kunstgeschichte, kam 1984 mit einem Stipendium nach Paris und lernte an der angesehensten französischen Filmakademie. Nach einem kritischen Film über die Kulturrevolution verweigerte China ihm die Einreise, er musste in Frankreich bleiben.

Mehreren Filmen folgte vor vier Jahren sein Debüt-Roman "Balzac und die kleine chinesische Schneiderin". Er wurde in mehr als 30 Sprachen übersetzt, allein in Deutschland verkaufte er sich über 500.000-mal. Sein zweiter, jetzt auf Deutsch erscheinender Roman "Muo und der Pirol im Käfig" ist in Frankreich bereits ein großer Erfolg. Darin erzählt Dai Sijie die Geschichte des Psychoanalytikers Muo, der nach langen Jahren im französischen Exil nach China zurückkehrt.

Er will seine einstige große Liebe aus politischer Haft befreien. Dazu muss er den Richter Di bestechen: Der korrupte Beamte verlangt eine Jungfrau. Muos Suche nach einem unberührten Mädchen wird zur tragikomischen Reise durch das China nach Mao. Seine Versuche, Chinesinnen mittels Psychoanalyse zu therapieren, geraten zur Farce.

Im vergangenen Jahr dachte Dai Sijie daran, nach China zurückzukehren. "Balzac und die kleine chinesische Schneiderin" war in seine Muttersprache übersetzt worden. Doch als er das Buch in den Händen hielt, traute er seinen Augen nicht. Übersetzer und Verleger hatten ein Nachwort verfasst, in dem sie sich vom Buch distanzierten. Sie erklärten darin, dass der Autor im Ausland wohne, dass das Leben dort sehr teuer sei und er deshalb den Erwartungen seines französischen Verlegers entsprechen und China verunglimpfen musste.

In den staatlichen Medien wurde der Roman scharf angegriffen - weil seine Heldin dank einem Buch von Balzac eine Art Erleuchtung erfährt. Ungeheuerlich. Dai Sijie wurde als "Verräter" beschimpft. "Ich hatte geglaubt, diese Zeiten wären vorüber", sagt er. Daher will er auf absehbare Zeit nun doch nicht zurück in seine Heimat. Das überlässt er lieber seinen Romanfiguren.

Jan-Philipp Sendker

print
Themen in diesem Artikel