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Stuttgart - Bayern: Weihnachtliche Heimkehr mit Knalleffekt

Jürgen Klinsmann kehrte zurück ins heimatliche Stuttgart – und hinterließ einen bleibenden Eindruck. Seine Bayern hatten das Spiel bereits gewonnen, als die Sache eskalierte. Oddo sah Rot, Lehmann lief fast Amok und Khedira brillierte - Sieger gab es keinen. Nur eine Person blieb vermutlich ganz entspannt.

Von Jens Fischer, Stuttgart

Es war alles so schön hier in Stuttgart, es war auch alles bestens vorbereitet. Weihnachten klopfte an die Tür, die Menschen beseelt von Harmonie und Kerzenschein, und dann kam auch noch einer in die Stadt, bei dem sie alle finden, irgendwie gehöre er doch noch zu Ihnen: Jürgen Klinsmann. Jede Menge Interviews, Vorberichte, dann noch schnell ein Journalisten-Besuch bei Mama Martha in der mittlerweile berühmten Botnanger Backstube sprechen eine klare Sprache: Der verlorene Sohn war zurück. Leider mit den Bayern. Ein Umstand, der die sowieso besondere Brisanz des "Süd-Gipfels" noch einmal merklich steigerte.

Stuttgart brodelte. Denn Stuttgart wusste: Dieser Samstag hat endlich mal wieder Klasse, es wehte das berühmte Lüftchen von internationalem Flair in der Neckar-Metropole: VfB gegen Bayern, in der benachbarten Porsche-Arena dröhnen am Abend die Gitarren, dazu noch ein wenig Gottschalks "Wetten dass…?" in der europaweit beachteten Neuen Messe und ein paar Klitschko-Prügel in Mannheim in der Nacht – Baden-Württemberg fühlte sich trendy an diesem Samstag. Und dann kam Klinsmann mit seinen Bayern-Stars ins Gottlieb-Daimler-Stadion - und steigerte die Party ins Unermessliche.

Ein Spiel voller Emotion, Härte und Power

Es waren gerade noch fünf Minuten zu spielen, als das Spiel eine Wendung nahm, die wirklich niemand mehr erwartet hatte. Massimo Oddo sah nach brutalem "Kung-Fu-Tritt" die Rote Karte und das Spiel hatte seinen Eskalationseffekt. Die Stuttgarter bekamen wieder Oberwasser und die fast schon entschlummerten Zuschauer flippten aus. Eine Welle nach der anderen schwappte auf das Bayern-Tor, Jens Lehmann wurde zum Dauergast im bajuwarischen Strafraum und machte Demichelis & Co. verrückt. Am Ende war er es auch, der Michael Rensing so irritierte, dass dieser den Ball zu kurz abwehrte und der Stuttgarter Sami Khedira in Art des "Tor-des-Monats" volley vollendete. 2:2 am Ende – ein gerechtes Resultat nach einem Spiel voller Emotion, Härte und Power.

"Nach der 2:1-Führung und einer sehr überzeugenden zweiten Halbzeit und nach dem schweren Champions-League-Spiel in Lyon ist es ein bisschen schade, dass wir in der letzten Minute noch das 2:2 gekriegt haben", sagte Klinsmann. "Der Platzverweis von Oddo, der nur hochgesprungen ist, hat Gegenwind erzeugt. Die Rote Karte zu geben, war ein Fehler."

Dabei fing alles ganz ruhig an. Auch ohne ihren Zirkusdirektor Franck Ribéry und sowieso ohne den seit Wochen larmoyanten Lukas Podolski bekamen die Gäste die Partie von Beginn an recht gut in den Griff, ohne große Ausrufezeichen setzen zu können. Die Pfiffe im seit Monaten ausverkauften Stuttgarter Stadion und üblichen regional bedingten Anfeindungen seitens der Schwaben-Fans ließen die erfahrenen Bayern-Profis kalt - zu groß war ihr Selbstvertrauen nach zuletzt 15 Spielen ohne Niederlage.

Dabei gingen die Stuttgarter durchaus mit einigem neuen Selbstvertrauen ans Werk. "Ich habe heute eine Sensationstruppe auf dem Platz gehabt, die alles dafür getan hat, um zu gewinnen", sagte Stuttgarts neuer Teamchef Markus Babbel. Die Elf habe "bis zur letzten Minute gekämpft", erklärte VfB-Kapitän Thomas Hitzlsperger. "Das zeugt von großer Moral. So müssen wir weitermachen." Das Selbstvertrauen hatte ihnen Babbel in den letzten Wochen eingeimpft - und ließ sie von Minute zu Minute präsenter werden. Schüsse von Cacau, Marica oder dem starken Hitzlsperger flogen auf das Tor des sicheren Michael Rensing, jede gelungene Aktion machte die Schwaben ein Quäntchen stärker. Die Münchner versanken zunehmend in Lethargie, und erhielten mit dem 0:1 durch Sami Khedira mit dem Halbzeitpfiff die gerechte Strafe.

Klinsmann kam nicht als Weihnachtsmann

In der warmen Kabine muss Klinsmann die richtigen Worte gefunden haben. Nur zwei Minuten nach Wiederanpfiff markierte der verbesserte Tim Borowski per Abstauber den zu diesem Zeitpunkt glücklichen Ausgleich. Draußen saßen Klinsmann und Manager Uli Hoeneß im weihnachtlichen Bayern-Rot und rieben sich die Hände - ganz gelassen und mit der sichtlichen Überzeugung an diesem Nachmittag mit Sicherheit keinerlei Geschenke verteilen zu wollen. Keine Spur vom Weihnachtsmann, Klinsmann machte den Knecht Rupprecht und trieb seine Kinderlein auf dem Platz weiter nach vorne.

Klinsmann meinte es ernst bei seiner Rückkehr in die Heimat und stand fortan in seiner Arbeitszone. Ein Punkt war ihm zu wenig, das Bayern-Spiel zu träge, Ribérys Ausfall begann ihn zu nerven. Es war wieder einmal offensichtlich, wie sehr das geniale Chaos des Franzosen den Bayern fehlte. Dafür waren sie wieder einmal unendlich effizient. Eine Flanke von Borowski und Toni - dem von den Zuschauern jede Menge Hass entgegenschlug - stolpert ihn rein. 2:1 für Bayern, der Umschwung war geschafft, das VfB-Weihnachtsfest schien bereits verdorben. Dann folgte das Finale furioso mit dem glücklichen Ende für die Gastgeber. Babbel und sein alter Kumpel Klinsmann schüttelten sich die Hände, beiden sah man an, wie sehr sie gegen Ende gelitten haben.

Einer wird das alles recht egal sein. Mama Martha Klinsmann wird auch am Sonntag wieder in aller Herrgottsfrüh in der Backstube stehen und den Ofen bullern lassen. Die leckeren schwäbischen Bärentatzen wird sie der Kundschaft servieren und dabei froh sein, dass der Hype um ihren berühmten Sohn vorüber ist.

Einen Weihnachtswunsch wird sie dennoch haben: Ihr Jürgen möge beim Fest doch mal bei ihr sein - dann ganz ohne Fußball, Bayern München und nervenden Medienrummel. Leider ist der Jürgen dann drüben. Im weiten Kalifornien.

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