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Larissas Heimkehr: "Jesus hat es auch nicht allen recht gemacht"

In ihrer Heimat wird Dschungel-Schreckschraube Larissa Marolt als Heilsbringerin gefeiert. Kronen werden überreicht, Denkmäler sollen für sie errichtet werden - Hauptsache es kommen mehr Touristen.

Von Wolfgang Rössler

Früher Samstagabend im Café Rumpelstilzchen, St. Kanzian, Kärnten, Treffpunkt der Dorfjugend, gegenüber der Tankstelle. Zwei Schülerinnen sitzen am Tisch vor dem Tresen und stecken die Köpfe zusammen. Sie nippen an ihren Weinschorlen, sie ziehen lustlos an ihren Marlboro lights. Sie reden über Jungs, Schule und die Jobaussichten in Österreichs südlichstem Bundesland. Dann schweigen sie betrübt und wischen mit den Fingern über ihre Smartphones. Die Frage nach der prominentesten Tochter des Ortes reißt die beiden jäh aus ihrer Lethargie. Larissa Marolt, 21, die Dschungelcamp-Dramaqueen? Eine der zwei Schülerinnen schiebt mit dem Zeigefinger ihre Nasenspitze nach oben. Arrogant sei die Schauspielerin, "irgendwie komisch. Jeder im Dorf kennt sie, aber keiner hat etwas mit ihr zu tun."

Ein aufgeweckter 15-Jähriger mit strubbeligen schwarzen Haaren mischt sich ein und widerspricht. Oliver heißt er, als Einziger verrät er seinen Vornamen. Oliver ist bekennender Larissa-Fan: "Sie ist gar nicht hochnäsig", beharrt er. Dass die hochgewachsene Blondine mit den krummen Sprüchen bei der finalen Abstimmung bloß Zweite wurde, sei eine Ungerechtigkeit vor dem Herrn: "Sie hätte es am meisten verdient, ob sie jetzt herumgezickt hat oder nicht." Jetzt sagt auch das zweite Mädchen etwas: "Es ist nicht so, dass wir alle durchgedreht wären wegen ihr." Freilich: Als der Bürgermeister am letzten Tag des Dschungelcamps zum Public Viewing in das Café Rumpelstilzchen lud, da sei auch sie gekommen, um Larissa die Daumen zu drücken.

In knapp drei Stunden will Ortschef Thomas Krainz der Dschungelcamp-Finalistin einen fürstlichen Empfang bereiten. Der traditionelle Feuerwehrball wurde kurzerhand zur Willkommensparty für die Heimkehrerin erklärt. Erstmals seit ihrer Ankunft aus Australien will sich Larissa wieder unter ihre Nachbarn mischen. In den ersten drei Tagen wurde die schrägste Teilnehmerin der RTL-Show von ihrem Vater, dem das größte Hotel des 4300-Einwohner-Dorfes gehört, abgeschirmt. Journalisten warteten vergeblich vor Larissas Elternhaus, das Personal hatte die strikte Order, jede Auskunft über Larissa zu verweigern.

Nach Haiders Tod endlich wieder im Gespräch

Erst Ende der Woche wurde die Sperre gelockert. Zu Mittag gab Larissa in der nahen Landeshauptstadt Klagenfurt eine Pressekonferenz. Dass sie Profischauspielerin werden möchte, erklärte sie dort. Dass sie bereits viele spannende Angebote erhalten habe. Dass Geld für sie nicht alles sei, aber doch irgendwie ziemlich wichtig. Bürgermeister Christian Scheider von der rechtspopulistischen FPÖ – der auch Larissas Vater angehört – ließ das Rathaus zu Ehren seiner jungen Landsfrau im Dschungelcampstil mit Palmen und Plastikschlangen schmücken. Dann überreichte er ihr einen Lindwurm-Award, benannt nach dem Wahrzeichen der Stadt. Larissa bedankte sich artig: "Das ist für mich wie ein Oscar", sagte die Nachwuchs-Schauspielerin, die am New Yorker Lee Strasberg Institute Theater und Film studierte. Vor dem Rathaus jubelten ihr dafür zweihundert Fans mit Luftballons zu.

Die Bürgermeister-Ehrung entbehrt nicht einer gewissen Ironie: Als Larissas exzentrische Art bei den Dschungelcamp-Zuschauern vor den Fernsehern zunächst auf Ablehnung stieß, hatte sich Scheider öffentlich eiskalt von Larissa distanziert. Nachdem sich aber der Wind gedreht und das Publikum Larissa ins Herz geschlossen hatte, änderte der Bürgermeister blitzschnell seine Meinung. Derlei Volten verwundern in Kärnten indes kaum jemanden. Scheiders großer Mentor, der 2008 verstorbene Rechtspopulist und Landeshauptmann von Kärnten, Jörg Haider, war ein unerreichter Meister des flinken Positionswechsels.

Haider war es auch, der Kärnten lange vor Larissa bekannt gemacht hatte. Mit ultrarechten Sprüchen und Besuchen bei Diktatoren wie Saddam Hussein katapultierte er sein Bundesland immer wieder in die Schlagzeilen der Weltpresse. Als der Politiker schwer betrunken bei einem Autounfall ums Leben kam, reisten Medienvertreter aus aller Welt zu seinem Begräbnis. Die Kärntner sind es auch gewöhnt, Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Fast scheint es, als ob ihnen diese zuletzt gefehlt hätte. "Seit Haiders Tod waren wir endlich wieder international im Gespräch", sagt dessen einstiger Sprecher und engster Vertrauter Stefan Petzner zufrieden. Inzwischen sitzt mit Peter Kaiser ein Sozialdemokrat am Regierungssitz, ein Mann der leisen Worte. Man begann langsam, sich zu langweilen in Kärnten. Der Rummel um Larissa kommt zur rechten Zeit.

Larissa und Gottes Sohn

Es ist Abend geworden, im Kulturzentrum St. Kanzian trudeln die ersten Gäste des Feuerwehrballs ein. Im Foyer genehmigen sich einige Florianijünger das erste Bier, noch sind die meisten Plätze im Festsaal leer. Gegen 20 Uhr kommt Bürgermeister Krainz, ein leutseliger Sozialdemokrat mit Schnauzbart und rahmenloser Brille. Noch in der Nacht vor Larissas Ankunft in St. Kanzian hatte er dem Gemeindevorstand einen Antrag vorgelegt, der berühmten Bürgerin ein Denkmal zu widmen. Die Idee wurde einstimmig angenommen. Ein Larissa-Stern am Boden der Strandpromenade zum nahen Klopeiner See soll es werden. "So wie es auch in anderen Gemeinden gemacht wird, zum Beispiel in Hollywood", ließ sich der Bürgermeister tags zitieren.

Auch Krainz freut sich über die internationale Aufmerksamkeit und hofft auf steigende Gästezahlen. Die Gemeinde St. Kanzian lebt vom Sommertourismus, aber in den letzten Jahren sind die Gästezahlen eingebrochen. Kärnten gehört zu den wirtschaftlich schwächsten Bundesländern Österreichs, zugleich hat es die mit Abstand höchste Pro-Kopf-Verschuldung – ein bitteres Erbe Haiders. Die Wirtschaft darbt, man klammert sich an jeden Strohhalm. Wenn eine Kärntnerin im Dschungelcamp Devisen ins Land lockt, so ist es den Leuten recht. Selbst wenn Larissas Auftreten den einen oder anderen im Land dazu brachte, die Augen zu verdrehen.

Krainz freilich will nie mit Larissa gehadert haben – und er kann sich auch nicht vorstellen, dass irgendjemand in St. Kanzian dies getan habe: "Wir sind loyale Menschen", sagt er. Dass Larissa anfänglich irritiert habe, spreche schließlich eher für sie. Der Bürgermeister schreckt selbst vor recht abenteuerlichen Vergleichen nicht zurück: "Jesus hat es auch nicht immer allen recht gemacht", sagt er.

Doch nicht alle lassen sich von Euphorie des Bürgermeisters mitreißen. "Sie hat gut geschauspielert und sich gut verkauft", sagt der Obmann der örtlichen Blasmusikkapelle, Herbert Tschürtz. Er persönlich halte wenig von Dschungelprüfungen, bei denen man Hirsch-Anus essen oder sich von Kakerlaken berieseln lassen muss. "Das ist eben Geschmackssache." Dennoch sei er ein wenig stolz auf seine Mitbürgerin, "irgendwie, wenn das jemand aus der Heimatgemeinde ist." Auch sein Kollege Christoph Tanzer bleibt zurückhaltend. "Ich gönne ihr den Erfolg", sagt er. Wichtiger sei aber, dass die Region durch die Schlagzeilen bekannt werde. Wie der Bürgermeister hofft auch er auf zusätzliche Touristen, die auf Larissas Spuren wandern möchten.

"I bin halt a nur a Mensch"

Inzwischen drängen sich die Ortsbürger dicht an dicht, vereinzelt ertönen "Larissa, Larissa"-Rufe. Schon haben Feuerwehrleute am Rande des Festsaales einen Spalier gebildet, durch den Larissa schreiten soll. Die Besucher auf den Tischen nahe dem Eingang halten ihre Fotohandys bereit, damit sie ihren Star gleich beim Einzug knipsen können. Dann ein Trommelwirbel, die "Larissa, Larissa"-Rufe werden lauter. Sie kommt. Mit einem cremeweißen Kleid und einem etwas unsicheren Lächeln stapft sie an den Feuerwehrmännern vorbei in Richtung Bühne. Ist die Unsicherheit echt? Oder gespielt? Larissa schürzt die Lippen. Als im Saal Applaus aufbrandet, klatscht sie einfach mit. "Ich bin gerade überfordert", sagt sie.

"Endlich dürfen wir Larissa in die Arme nehmen", sagt Bürgermeister Krainz. "Sie hat Kärnten weit über die Grenzen hinaus bekannt gemacht und dafür sehr viel Ruhm eingeheimst", lobt er die Heimkehrerin. Vater Marolt ergänzt: "Ich sehe keinen im Raum, der sich je für Larissa fremdgeschämt hat." Applaus. "Danke, danke! Ich liebe euch", ruft Larissa ihren Fans zu. Der Bürgermeister überreicht ihr eine Blumenkrone: "Du bist die neue Regentin vom Klopeiner See", sagt er. Larissa lächelt.

Im Anschluss mischt sie sich im Foyer zwanglos unter ihre Mitbürger. Kaum einer, der nicht für ein gemeinsames Foto posiert, der nicht seine Hand um sie legen will. Larissa macht bereitwillig mit, sie scherzt und lacht ununterbrochen. Jemand bietet ihr eine Zigarette an, wenig später hat sie ein Flasche Bier in der Hand. Und plötzlich verfällt Larissa in tiefsten Kärntner Dialekt: "I bin halt a nur a Mensch", sagt sie. War das jetzt spontane Ehrlichkeit? Oder doch nur gespielt? Das ist ihren Mitbürgern in St. Kanzian in diesem Moment herzlich wurscht.